Osnabrück
Tichanowskaja warnt: Belarus könnte in Ukraine-Krieg verwickelt werden
Die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja sieht die Gefahr, dass Belarus in den Ukraine-Krieg verwickelt werden könnte. Es sei schwierig für die belarussische Regierung, unabhängige Entscheidungen zu treffen, wenn russische Soldaten im Land seien.
Angesichts der Krise in der Ostukraine warnt die belarussische Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja den Westen vor einem Vergessen ihres Landes. „Während wir auf die Ukraine blicken, könnten wir Belarus verlieren“, sagte sie im litauischen Vilnius gegenüber dieser Zeitung. „Alexander Lukaschenko verkauft unser Land, unsere Souveränität und unsere Unabhängigkeit aus Loyalität zum Kreml“, so ihre Kritik an dem Machthaber der ehemaligen Sowjetrepublik. Der russische Präsident Wladimir Putin hat nach Angaben der Nato etwa 30.000 Truppen für Militärübungen ins Nachbarland geschickt. Eigentlich wollte Moskau die Soldaten am vergangenen Sonntag wieder abziehen. Doch die Streitkräfte sind weiterhin nahe der Grenze zur Ukraine stationiert, die Manöver gehen auf unbestimmte Zeit weiter. Damit haben sich die Hoffnungen des Westens auf ein Zeichen leichter Entspannung auch an dieser Front zerschlagen. Stattdessen nähren die jüngsten Truppenmanöver die Sorgen vor einem Großangriff auf die Ukraine. So zeigen laut Medienberichten Satellitenbilder kürzlich in Belarus angekommene Militärfahrzeuge und Ausrüstung für die russischen Soldaten.
Die Belarussen sorgten sich laut Tichanowskaja um ihre Souveränität und Unabhängigkeit, und seien sich bewusst darüber, dass die Militärübungen in ihrem Land nicht im nationalen Interesse seien. „Es ist äußerst provokativ.“ Die Politikerin sieht die Gefahr, dass Belarus in einen Krieg verwickelt werden könnte, den niemand will. „Wir wollen nicht alles, was wir erreicht haben, wieder verlieren.“ Es liege nicht an Drittstaaten, über die Zukunft ihres Landes zu entscheiden, sagte sie in Richtung Kreml. Aber: Für die belarussische Regierung sei es schwierig, unabhängige Entscheidungen zu treffen, wenn sich 40.000 russische Soldaten im Land befänden. „Lukaschenko sitzt in der Falle.“
„Unser Territorium wird nur für diese Militärübungen benutzt, weil Lukaschenko Putin für dessen Unterstützung im Jahr 2020 zurückbezahlen muss.“ Moskau half Lukaschenko nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen in Belarus im August 2020. Ebenfalls mit Unterstützung aus Moskau hatte der Diktator dann im Herbst vergangenen Jahres Tausende Migranten nach Minsk einfliegen lassen, um sie an die EU-Außengrenzen zu schleusen – und als Waffe für politische Zwecke einzusetzen, wie die EU kritisierte. Brüssel reagierte mit einer Reihe von Sanktionen, die laut Tichanowskaja zwar Auswirkungen gezeigt hätten, aber noch immer zu viele Schlupflöcher für das Regime und dessen Unterstützer böten.