Aurich

Ein Termin beim Kinderarzt wird immer mehr zum Problem

| | 19.02.2022 17:02 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Ein Kind wird von einem Kinderarzt untersucht: Im Landkreis Aurich wird es für Eltern immer schwieriger, kurzfristig einen Termin beim Kinderarzt zu bekommen. Foto: DPA
Ein Kind wird von einem Kinderarzt untersucht: Im Landkreis Aurich wird es für Eltern immer schwieriger, kurzfristig einen Termin beim Kinderarzt zu bekommen. Foto: DPA
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Viele Eltern im Kreis Aurich haben Probleme, einen Termin beim Kinderarzt zu bekommen. Mehr Kinderärzte wird es laut Kassenärztlicher Vereinigung aber nicht geben. Der Grund dafür ist überraschend.

Aurich - Viele Eltern im Landkreis Aurich kennen das Problem: Sie rufen bei ihrem Kinderarzt an. Entweder läuft ein Band oder es ist besetzt. Hat man nach gefühlt 150 Anrufen doch das Glück, jemanden zu erreichen, werden Patienten, die kein Notfall sind, mit einem Termin auf Wochen und Monate vertröstet. Neue Patienten werden von vielen Praxen gar nicht mehr aufgenommen, neue Kinderärzte sind nicht in Sicht. Doch die gefühlte Unterversorgung deckt sich nicht mit den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN). Im Gegenteil. Nach Angaben von Pressesprecher Detlef Haffke liegt die Versorgung für den Planungsbereich Landkreis Aurich/Stadt Emden sogar bei 118,5 Prozent. Der Bereich gilt damit als überversorgt. Mit anderen Worten: Im Kreis Aurich und der Stadt Emden dürfen sich keine weiteren Kinder- und Jugendärzte ansiedeln.

Das Problem: Mit den steigenden Corona-Infektionszahlen in Deutschland nimmt die Belastung in den Arztpraxen zu. Kinderärzte müssen manche Patienten sogar wegschicken. Der Berufsverband für Kinder und Jugendärzte (BVKJ) sieht einen deutlichen Anstieg der Infektionen, so dass viele Praxen an ihre Grenzen kommen, teilte Haffke mit.

Versorgung der Kinder wird schwieriger

Er prognostiziert: Die medizinische Versorgung der Kinder wird immer schwieriger, vor allem in den Randlagen der Städte und auf dem Land müssen Kinder- und Jugendärzte heute schon einen Aufnahmestopp verhängen. Wenn die Politik nicht bald mehr Medizinstudienplätze schafft und vor allem die Niederlassung attraktiver macht, müssen Eltern und Kinder in Zukunft noch längere Wartezeiten und vor allem auf dem Land noch weitere Wege bis zur nächsten Praxis bewältigen. Das würde im Kreis Aurich aber keinen Unterschied machen, solange der Bedarfsplan hier eine Überversorgung ausweist.

Es gibt laut KVN folgende Möglichkeiten einen Termin zu erhalten.

Eltern können selbstständig versuchen, einen Kinderarzt zu erreichen. Die Arztauskunft Niedersachsen (www.arztauskunft-niedersachhsen.de ) unterstützt bei der Recherche nach Kinder- und Jugendärzten.

Eltern können es über die Terminservicestelle der KVN unter der Telefonnummer 116117 versuchen. Termine bei Kinderärzten, Hausärzten, Augenärzten und Frauenärzten sind ohne Überweisung möglich. Die Terminservicestelle sollte laut Kassenärztlicher Vereinigung erst in Anspruch genommen werden, wenn alle anderen Versuche, einen Termin zu bekommen, scheitern. Es gibt über die Servicestelle keine Termine bei Wunschärzten, zu Wunschzeiten oder in Wunschregionen.

Der Zugang für Kinder mit Erkältungssymptomen während der Corona-Pandemie ist schwieriger geworden. Auch Kinder können Corona haben und dürfen andere Kinder in der Praxis nicht anstecken. Daher haben viele Kinderarztpraxen spezielle Sprechstunden für infektiöse Kinder eingerichtet oder die Kinder müssen sich in von den anderen Kindern abgetrennten Räumlichkeiten begeben. Praxen, die dies nicht umsetzen können, sollten die Eltern auf andere Praxen verweisen.

Im Planungsbereich Aurich/Emden leben laut KVN offiziell 39.294 Kinder und Jugendliche. Auf einen Kinder- und Jugendmediziner kommen den Angaben zufolge 2867 Kinder und Jugendliche. Die Ärzte verteilen sich nach Angaben der KVN folgendermaßen: In Aurich gibt es fünf Kinderärzte mit einem vollen Versorgungsauftrag (also einer vollen Stelle). In Norden gibt es vier Kinderärzte mit einer vollen Stelle und einen Kinderarzt mit einer halben Stelle. Genauso sieht es in Emden aus. In Südbrookmerland gibt es einen Kinderarzt mit einer vollen Stelle und in Wiesmoor einen Kinderarzt mit einer vollen Stelle und einen Kinderarzt mit einer viertel Stelle. Eine Praxis auf einer Insel im Landkreis Aurich, befindet sich laut KVN zurzeit in einem Ausschreibungsverfahren. Eine Nachbesetzung von Sitzen ist in gesperrten Gebieten möglich.

Bedarfsplanung ist nur ein Rechenmodell

Wenn aber laut KVN eigentlich genügend Kinderärzte da sind, wieso fühlt es sich nicht so an? Grundsätzlich müsse man zwischen dem Bedarf (nach den gesetzlichen Vorgaben) und Bedürfnissen (der Eltern, der Politik etc.) unterscheiden, sagt Detlef Haffke. Die Bedarfsplanung sei ein Rechenmodell, das versucht den Bedarf in einer Region rechnerisch zu ermitteln. Dieser Bedarf weiche allerdings oft von den Bedürfnissen der Menschen in einer Region ab.

Perspektivisch werde die Situation noch angespannter: Immer weniger junge Ärzte wagen den Schritt in die Niederlassung, so Haffke. Das Durchschnittsalter der zugelassenen Kassenärzte in Niedersachsen liegt bei rund 55 Jahre, ein Viertel aller Kinder- und Jugendärzte werden in den nächsten zehn Jahren in Rente gehen, der medizinische Nachwuchs bleibt laut KVN jedoch lieber in der Klinik oder lässt sich allenfalls in einer Praxis anstellen. Gleichzeitig erlebe Deutschland seit einigen Jahren einen fast historischen Babyboom. Im Jahr 2010 wurden mit rund 665.000 Geburten noch etwa 105.000 weniger Kinder geboren als 2021.

Der Bedarf an Kinder- und Jugendärzten wurde aber berechnet, als niemand den aktuellen Babyboom ahnte, so Haffke. Die niedergelassenen Kinder- und Jugendärzte übernehmen zudem immer mehr die Versorgung, die früher in den Kliniken geleistet wurde. Sie versorgen Kinder und Jugendliche mit Herzfehlern, schweren Allergien und Lungenkrankheiten, Rheuma etc, so Haffke. Dadurch fehlen Ressourcen für die medizinische Grundversorgung von Kindern und Jugendlichen. Darüber hinaus gebe es immer mehr Vorsorgeuntersuchungen, die in den Praxen erledigt werden müssen. Bei ihrer Einführung 1971 gab es acht Vorsorgeuntersuchungen (U1 bis U8), inzwischen sind es 14. Die Zahl der empfohlenen Impfungen habe sich in drei Jahrzehnten fast verdoppelt.

Ein weiteres Problem laut KVN: Damit Eltern bei kranken Kindern zuhause bleiben können, muss die Krankheit nachgewiesen werden. Auch Kindergärten und Schulen fordern immer häufiger Krankheitsfeststellungen und Genesungsfeststellungen mit entsprechenden Bescheinigungen vom Kinderarzt. Das belaste Kinderarztpraxen zusätzlich.

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