Berlin-Karlshorst

Ukraine-Konflikt: Das Deutsch-Russische Museum hat ein Problem

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 17.02.2022 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Foto: Ralf Doering
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Das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst ist eine in Deutschland einzigartige Einrichtung: Es erinnert an den Vernichtungskrieg der Wehrmacht in der Sowjetunion. Doch bekommt es die Auswirkungen des Ukraine-Konflikts zu spüren.

Warum hat das Deutsch-Russische Museum Karlshorst derzeit besonders gravierende Probleme? Der Trägerverein versammelt Institutionen aus vier Ländern: Deutschland, Russland, Ukraine und Belarus. Damit wirkt sich der Russland-Ukraine-Konflikt direkt auf die Arbeit aus: „Es gibt derzeit keine unmittelbaren Gesprächskanäle zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine“, sagt Museumsdirektor Jörg Morré. Immerhin lassen sich die gekappten Verbindungsdrähte überbrücken: „Wenn ich von Kiew nach Moskau fahre“, sagt der Direktor, „wissen das die jeweiligen Kollegen und übermitteln herzliche Grüße. Über diesen Weg kann man allen Partnern mitgeben, was in welcher Stadt wie gedacht wird.“

Was ist das Deutsch-Russische Museum überhaupt? Das Museum in Karlshorst ist das einzige Museum in Deutschland, das sich mit dem Vernichtungskrieg Nazi-Deutschlands gegen die Sowjetunion befasst. Die Dauerausstellung widmet sich hauptsächlich den Verbrechen der deutschen Truppen an der russischen Bevölkerung und den russischen Soldaten während des Russland-Feldzuges.

Warum Karlshorst? Das Museum ist ein geschichtsträchtiger Ort. So schmucklos der graue Würfel aussieht: Hier Im Speisesaal eines Offizierskasinos der Wehrmacht haben die Oberbefehlshaber der Wehrmacht sowie Vertreter der alliierten Streitmächte in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai die Kapitulationsurkunde unterzeichnet. Damit endete in Europa der Zweite Weltkrieg. 1967 hat Russland in dem Haus ein „Museum der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland gegründet, um der Heldentaten der Roten Armee zu gedenken.

Wie ging es weiter nach dem Ende der Sowjetunion? Nach dem Abzug der russischen Truppen in den 1990er Jahren erarbeiteten deutsch-russische Experten ein Konzept für eine neue Dauerausstellung, die 1995 am 10. Mai eröffnet wurde, 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs. In den Jahren danach wurden Museen in Kiew und Minsk in den vormals deutsch-russischen Trägerverein aufgenommen. Neben verschiedenen Museen und Gedenkstätten aller vier beteiligten Länder sind das Auswärtige Amt, das Verteidigungsministerium sowie die Beauftragte der Bundesrepublik für Kultur und Medien Mitglieder im Trägerverein sowie das Kultur- und das Verteidigungsministerium der russischen Föderation. Seit 2013 wird die aktuelle Dauerausstellung „Deutschland und die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg“ gezeigt.

Was sind die speziellen Herausforderungen für das Museum? Da gibt es drei große Problemfelder.

Wie reagiert das Museum auf aktuelle Entwicklungen? Im Museumsgarten zeigt das Deutsch-Russische Museum neben dem russischen Kriegsgerät zwei Dauerausstellungen. „Dimensionen eines Verbrechens“ führt das Schicksal russischer Kriegsgefangener vor Augen. Außerdem zeigt das Museum die Ausstellung „Postscriptum - Ostarbeiter im Deutschen Reich“. Diese Ausstellung hat die russische Menschenrechtsorganisation Memorial konzipiert. Weil die Russische Föderation die Organisation Ende letzten Jahres verboten hat, hat Morré die Ausstellung aus dem Jahr 2020 reaktiviert, „als bewusste politische Setzung“, sagt Morré. „Das Zeichen, das durch das Verbot von Memorial International gesetzt wurde, ist die Aufkündigung einer Dialogbereitschaft, und das können wir als ein Museum, das auf internationalen Dialog aufbaut, nicht gutheißen.“

Wie finanziert sich das Museum? Den Etat stellt das Staatsministerium für Kultur bereit; gut 900.000 Euro hat das Museum jährlich zur Verfügung. Die Russische Seite hat einen Teil der Museumsbestände beigesteuert.

Wie sind die Besucherzahlen? Da sieht Morré Entwicklungspotenzial, aber auch Grenzen. Berlin-Touristen suchen eher die Einrichtungen im Stadtzentrum auf: Topographie des Terrors, Holocaust-Mahnmal, Jüdisches Museum. Aus Touristen-Sicht liegt Karlshorst weitab vom Schuss, außerdem sie Krieg ein schwieriges Thema, sagt Morré. Schließlich die Zuschreibungen als „Putin-Museum“ – all das macht die Arbeit nicht leicht. 50.000 Besucher kommen trotzdem jedes Jahr.

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