Fulda, Köln

Anschreien und erniedrigen: Wenn Kita-Pädagogen Grenzen überschreiten

Sina Wilke
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Von Sina Wilke
| 17.02.2022 12:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
In vielen Kitas erfahren Kinder Gewalt. Symbolfoto Foto: imago images/Westend 61
In vielen Kitas erfahren Kinder Gewalt. Symbolfoto Foto: imago images/Westend 61
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Immer wieder überschreiten Erzieher in Stresssituationen Grenzen: Sie schreien Kinder an, erniedrigen oder beschämen sie. Warum es so weit kommt und was man dagegen tun kann.

Ein Kind muss eine Stunde lang vor seinem Teller sitzen, bis es alles aufgegessen hat. Eine Erzieherin richtet sich vor der Gruppe an einen Jungen: „Sag deiner Mutter, sie soll dir mal ordentlich die Haare waschen!“ Ein Kind hat eingenässt und wird halbnackt durch die Kita geschickt. Das Lätzchen eines Krippenkindes wird beim Essen unter den Teller geklemmt, und als der zu Boden fällt, wird es angeschrien. 

All diese Situationen sind in deutschen Kindergärten passiert: Erzieher, die auf die Kleinen nicht nur aufpassen, sondern sie beschützen, fördern und stärken sollen, sind vor allem in stressigen Momenten immer wieder wenig feinfühlig und überschreiten Grenzen. Prof. Dr. Regina Remsperger-Kehm (HS Fulda) und Prof. Dr. Astrid Boll (Europäische FH Rhein/Erft) haben zu verletzendem Verhalten in Kitas geforscht und betonen, dass die meisten Fachkräfte trotz widriger Rahmenbedingungen wertschätzend mit dem Nachwuchs umgehen – die Kränkung von Kindern ist kein Massenphänomen. 

Und doch: An einer bundesweiten Befragung, an der die Erziehungswissenschaftlerinnen im Auftrag der Bundesarbeitsgemeinschaft „Mehr Sicherheit für Kinder“ mitwirkten, gaben fast 20 Prozent der befragten Kita-Leitungen verletzendes Verhalten als häufig an. Zudem wurden die Forscherinnen vom Feedback des Kita-Personals regelrecht überrannt. „Ich hätte nicht erwartet, dass so viele intensive Rückmeldungen und lange Zuschriften kommen“, berichtet Remsperger-Kehm. 

Das macht klar: Mit ihrer Explorationsstudie haben sie einen Nerv getroffen. „Die Leute wollen darüber reden.“ Aber worüber wollen sie reden? Einerseits über offensichtliches Fehlverhalten, vor allem in sich zuspitzenden Situationen: anschreien, hart anpacken, Angst machen. Doch dann sind da auch noch die anderen Verletzungen – unauffälliger, leiser, aber nicht weniger schlimm für junge Seelen.

„Mikrogewalt“ nennen die Wissenschaftlerinnen diese Beschämungen, die subtil, fast nebenher passieren: Die Erzieherin lacht, weil dem Vierjährigen etwas nicht gelingt. Die Sozialpädagogin rollt über die Aussage eines Jungen mit den Augen. Ein kleines Mädchen will bei einer Erzieherin auf den Schoß krabbeln und wird abgewiesen. Astrid Boll betont, wie sehr solche vermeintlichen Kleinigkeiten verletzen können: „Das ist wie eine schallende Ohrfeige für das Kind. Damit kann sich in ihm manifestieren: ,Ich bin es nicht wert.’ Deshalb ist es so wichtig, gerade im Graubereich hinzugucken.“

Häufig sehen die Erzieherinnen selbst, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war: Sie sind dann über sich schockiert, fühlen sich beschämt, hilflos und ohnmächtig – so berichten sie es in den Interviews. „Man sollte sich stetig hinterfragen: War das jetzt richtig und okay von mir?“, rät Remsperger-Kehm. Wenn nicht, sei es als Fachkraft „sehr wichtig, sich beim Kind zu entschuldigen.“

Und was, wenn man so etwas bei anderen beobachtet? Wenn man mit ansieht, wie die Kollegin den Vorschüler laut beschimpft? Den Dreijährigen mit Gewalt in seinen Stuhl drückt? Das weinende Mädchen im Flur zurücklässt, weil es seine Schuhe nicht allein zubinden möchte? „Es gibt viele junge Fachkräfte, die aus ihrer Ausbildung wissen, dass da gerade etwas passiert, was nicht richtig ist. Sie sind schockiert, aber die Hierarchie macht es schwer, das anzusprechen“, weiß Remsperger-Kehm. Welche erfahrene Pädagogin möchte sich schon von einer Berufsanfängerin sagen lassen, was sie falsch macht? 

Die unterschiedlichen Erziehungsansätze zeigen sich auch an beispielhaften Vorfällen, die die Wissenschaftlerinnen von Kitaleiterinnen bewerten ließen. „Uns hat überrascht, wie unterschiedlich zum Teil die Wahrnehmung der Situationen war. Die eine sagte: ,Das geht gar nicht!’, die andere fand das ganz normal“, berichtet Astrid Boll. Ist es verletzend, wenn die Erzieherin im Gespräch mit einer Mutter ein Kind mit einem genervten „Jetzt nicht!“ abblitzen lässt, das freudig auf sie zukommt? Ist es ok, einem Kind den Nachtisch zu verwehren, wenn es seine Kartoffeln mit Erbsen nicht isst?

Die Beziehungsforschung weiß: Ein Kind entwickelt sich am besten in einem liebevollen Umfeld ohne Gewalt, Strafen, Zwang oder Erniedrigungen. Es ist kein kleiner Tyrann, der zurechtgestutzt werden muss, sondern eine eigenständige Persönlichkeit, die bestärkt und gesehen werden will. Und wer es genervt abblitzen lässt oder es zum Essen zwingt – ja, der verletzt. 

Diese Erkenntnisse sollten doch jeder Mitarbeiterin einer Kita bekannt sein, oder? Nicht unbedingt, denn entsprechende Fortbildungen sind nicht verpflichtend. Bekommt es dann zumindest der Nachwuchs in seiner Ausbildung vermittelt? „Nein, man kann nicht davon ausgehen, dass eine junge Erzieherin sich tatsächlich intensiv mit dem Thema Interaktionsgestaltung auseinandersetzt“, stellt Astrid Boll klar. Zwar gelte der feinfühlige Umgang mit Kindern als ihre Kernkompetenz. „Aber das ist nicht zwingend an Fachschulen und Universitäten verankert. Hier besteht hoher Handlungsbedarf“, findet Remsperger-Kehm.

Einen kleinsten gemeinsamen Nenner gebe es aber schon, erklären die Expertinnen: Alle Kitas müssen ein Kinderschutzkonzept erarbeiten, in dem festgelegt ist, wie Kinder präventiv vor – auch psychischer – Gewalt geschützt werden. Allerdings hat nicht jede Einrichtung dies schon umgesetzt, und in der Ausgestaltung sind sie relativ frei.

Die Forscherinnen sehen ohnehin nicht nur die Kindergärten am Zug: Die Politik müsste verpflichtende bundeseinheitliche Qualitätsstandards formulieren und die Kita-Leitungen stärken. „Für diese Stelle ist keine besondere Ausbildung erforderlich, dabei ist die Arbeit mit brisanten Themen und vielfältigen Kommunikationsstrukturen in mitunter großen Teams sehr anspruchsvoll“, kritisiert Astrid Boll. 

Außerdem brauche es deutlich mehr Personal, das zeigt auch die Studie der Wissenschaftlerinnen: Gefragt nach den Gründen, aus denen Erzieher Kinder demütigen, wurden mangelnde pädagogische Eignung und die eigene Biografie genannt. Meistens aber ist es Stress, der den Geduldsfaden reißen lässt: Die Kollegin krank, ein Kind weint, das andere muss dringend gewickelt werden und das nächste möchte gern ein Bilderbuch angucken – kein Wunder, dass da schonmal der Ton schärfer wird. „Die Rahmenbedingungen haben an dem Fehlverhalten den größten Anteil“, weiß Astrid Boll. „Oft fehlt Personal, der Stresslevel steigt und eigentlich gute Situationen spitzen sich zu.“

Diese dann offen im Team besprechen zu können, wird häufig vermisst. „Es gibt einen großen Wunsch nach einer Kultur der Rückmeldung und Unterstützung“, erklärt Remsperger-Kehm. Eine Atmosphäre also, in der man sich mit seinen Kollegen austauschen und Fehler von sich und anderen ohne Angst benennen kann. Eine Erzieherin beschrieb es in der Befragung so: „Wir sollten uns häufiger damit beschäftigen, was wir gegebenenfalls falsch machen, anstatt immer den Kindern vor Augen führen zu wollen, was sie angeblich falsch machen.“

Boll / Remsperger-Kehm: Verletzendes Verhalten in Kitas. Eine Explorationsstudie zu Formen, Umgangsweisen, Ursachen und Handlungserfordernissen aus der Perspektive der Fachkräfte. Verlag Barbara Budrich 2021. ISBN 978-3-8474-2556-4

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