Hamburg

Guter Sex ist lernbar: Sexualpädagogin gibt Tipps gegen den Orgasm Gap

Laura-Cäcilia Wolfert
|
Von Laura-Cäcilia Wolfert
| 13.02.2022 09:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Foto: Laura-Cäcilia Wolfert
Foto: Laura-Cäcilia Wolfert
Artikel teilen:

Na, wer kennt sie noch? Gianna Bacio hat früh mit YouTube-Videos rund um das Thema Aufklärung angefangen. Mittlerweile hat die 34-jährige Sexualpädagogin ihr zweites Buch „Love your Sex“ veröffentlicht. Darin erklärt sie, warum guter Sex lernbar ist.

In diesem Artikel erfährst Du:

Eigentlich wollte Gianna Bacio Grundschullehrerin werden. Doch dann begann die heute 34-Jährige Videos rund um das Thema Sex und Aufklärung zu veröffentlichen. Viele kennen sie unter anderem noch von dem YouTube-Format „61 Minuten Sex“. Gianna Bacio war und ist für viele Jugendliche eine „moderne Dr. Sommer“. Sie selbst beschreibt sich auf ihrer Homepage als „Aufklärerin 2.0“.

Mittlerweile ist Gianna Mutter und eine ausgebildete Sexualpädagogin und Sexualberaterin. Anfang 2022 erschien ihr zweites Buch „Love Your Sex: Tipps für ein entspanntes Liebesleben“, in dem sie behauptet: Guter Sex ist lernbar.  Wie das funktioniert, was das mit dem „Orgasm Gap“ und Hape Kerkeling zu tun hat, erzählt Gianna im Interview.

Frage: Was hat guter Sex mit Hape Kerkeling zu tun?

Antwort: Gianna Bacio: Ich zitiere an einer Stelle im Buch die holländische Paartherapeutin Evje van Dampen: „Liebe ist Arbeit, Arbeit, Arbeit.“ Hape Kerkeling nimmt diesen Spruch in einem Sketch ein bisschen aufs Korn und sagt: Sex ist Arbeit, Arbeit, Arbeit. Im Grunde hat er aber total recht.

Antwort: Es ist Arbeit, eine gesunde und erfüllte Beziehung zu führen. Genauso verhält es sich mit dem eigenen Liebesleben. Es ist ein schöner Gedanke, dass man nur den richtigen Partner braucht und sich dann alles von selbst ergibt. Aber so einfach ist das leider nicht. 

Frage: Wird dann nicht die Chemie, die zwischen zwei Menschen herrscht, völlig unterschätzt? Das klingt, als ob es egal ist, mit wem wir schlafen – wir müssen so oder so daran arbeiten. 

Antwort: Ich glaube, dass der Faktor Zeit entscheidend ist. Wenn man längere Beziehungen betrachtet, spielt diese Chemie keine große Rolle mehr. Dann stehen andere Herausforderungen an der Tagesordnung: Alltag, Kinder. Menschen, die sich frisch kennengelernt haben, haben meistens viel und guten Sex.

Antwort: Dann ist das alles neu und aufregend. Das sind aber nicht diejenigen, die mir Fragen stellen. Bei „Sex ist Arbeit, Arbeit, Arbeit“ geht es eher darum: Wie läuft das Liebesleben, wenn man sich schon in- und auswendig kennt?

Frage: Du schreibst: „Guter Sex ist lernbar“. Sollte das nicht eher heißen: „Über Sex reden ist lernbar“?

Antwort: Joa. Das auch. Dem ganzen Thema „Kommunikation“ widme ich deswegen ein eigenes Kapitel. Aber wie ich Sex mache, wie ich guten Sex habe – das ist meiner Erfahrung nach auch lernbar.

Antwort: Gianna unterbricht kurz…

Antwort: Einen Moment, ich fahre gerade mal mein Auto weg. Willkommen in meinem Alltag. Wir, mein Mann und ich, haben freitags eigentlich immer unseren gemeinsamen Paartag.

Antwort: Du bekommst also direkt mit, was „Eine gute Beziehung ist Arbeit, Arbeit, Arbeit“ bedeutet (lacht). Wir haben ein kleines Kind. Ich finde es aber wichtig, als Paar auch mal Zeit alleine zu verbringen. Das ist heute total das Ereignis, weil wir das schon lange nicht mehr gemacht haben.

Frage: Und was macht ihr an so einem Paartag?

Antwort: Heute waren wir gemeinsam Frühstücken. Wir hatten erst überlegt, ob wir mal wieder ins Kino gehen. Unser Kind ist aber erst eingewöhnt, das geht jetzt in den Kindergarten. Da ist die Angst noch groß, dass sich eine Erzieherin meldet. Manchmal unternehmen wir etwas zusammen, bleiben aber auch mal zu Hause oder verabreden uns – möglichst zum Sex.

Frage: Wir waren auch gerade dabei über „Sex ist lernbar“ zu reden…

Antwort: Genau, die Kommunikation ist ein Unterpunkt.

Frage: Hast Du einen Trick, wie man das „Reden“ lernen kann?

Antwort: Viele denken gerade am Anfang, dass es total schwierig ist, über Sex zu reden. Das ist nachvollziehbar, wenn man das gar nicht gewohnt ist. Der erste Schritt ist, in das kalte Wasser zu springen. Es kann aber auch helfen, sich eine Struktur zu überlegen. Vielleicht schreibt man dem Partner einen Zettel oder eine WhatsApp und lädt ihn zum Gespräch ein, kocht etwas Leckeres und spricht das Thema in einer angenehmen Atmosphäre an.

Antwort: Für manche ist das einfacherer als im Alltag. Wenn man die Probleme direkt beim Sex selbst anspricht, könnte das verletzend sein. Es sei denn, man fühlt sich in diesem Moment bei einer bestimmten Sache unwohl.

Antwort: Was ich hilfreich finde: das Zwiegespräch. Man selbst oder der Partner darf eine bestimmte Zeit lang ganz alleine reden – ohne dass der andere reinfunkt oder widerspricht. Das hilft, all die Sachen auszusprechen, die einem durch den Kopf gehen. Gut ist, sich vorher darüber Gedanken zu machen: Worum geht es mir eigentlich?

Antwort: Wichtig sind dabei die sogenannten Ich-Botschaften. Man kann nur sagen, was man selbst fühlt und erlebt hat. Häufig interpretiert man viel rein, was der Partner tut und sagt. Am besten ist es aber, einfach mal bei sich zu bleiben. Ich weiß aus eigener Erfahrungen, dass diese Strukturen Paaren helfen können, in das Gespräch über Sex rein zu finden. Idealerweise kann dieses Gespräch irgendwann zwischen Tür- und Angel ablaufen. Für den Einstieg ist es aber gut, sich für diese Sex-Unterhaltung zu verabreden.

Frage: Dass Sex lernbar ist, klingt gut und spannend. Im Buch erwähnst Du aber den Orgasm-Gap. Demnach kommen Frauen beim Hetero-Sex im Durchschnitt (65 Prozent) viel seltener zum Höhepunkt als Männer (95 Prozent). Ganz frech gesagt: Guter Sex ist lernbar. Lernen sollten aber vor allem die Männer. 

Antwort: Jein (lacht). Heterosexuelle Frauen sind eher von Orgasmus-Schwierigkeiten betroffen. Aber: Ich finde es immer schwierig, jemandem die Schuld oder Verantwortung zuzuschieben. Das ist ja alles eine Frage der Sozialisation, wie wir groß geworden sind. Die Frauen haben in unserer Kultur häufig nicht gelernt und auch nicht die Möglichkeit gehabt, ihre eigene Sexualität zu erforschen – anders die Männer.

Antwort: Leider findet immer noch wenig gute Aufklärung in Schulen statt. Da sollten junge Mädchen oder Frauen lernen, dass Masturbation etwas Gutes und Gesundes ist. Ich will nicht sagen, man sollte sie dazu ermuntern – schließlich wollen das viele gar nicht. Bei Sex geht es aber auch um die Lust.

Antwort: Das bedarf nicht nur Vermeidungs-Pädagogik: Wie vermeide ich Schwangerschaften, wie vermeide ich Krankheiten? Man sollte mit Sex auch positive Sachen verbinden. Dann wären schon viele Stellschrauben gedreht, damit Frauen einen besseren Zugang zu ihrer Sexualität finden.

Antwort: Es wäre schön, wenn Frauen da mehr in die Eigen- und Selbstverantwortung reinkommen. Für sich selbst und für die eigene Lust sorgen können. Bei heterosexuellem Sex trauen sich Frauen viele Dinge nicht. Wobei das für sie lustfördernd sein könnte. Sie machen eher Bewegungen, die dem Mann gefallen.

Frage: Sind wir Frauen am Orgasm-Gap selbst „Schuld“? Beispielsweise wenn es darum geht, den Orgasmus vorzutäuschen. Das hilft ja nicht.

Antwort: Ich finde es schöner, das Thema von einer anderen Perspektiven anzugehen – aus der Selbstwirksamkeit. Es liegt in unserer Verantwortung, dass wir schönen Sex erleben. Dass wir Recht auf einen Orgasmus haben und diesen einfordern können. Man sollte Frauen nicht die Schuld zuweisen, sondern eher danach fragen: Was gefällt dir eigentlich? Welche Bewegung könntest Du denn beim Sex machen, damit du erregt wirst?

Antwort: Dann merken sie schnell, dass sie gar keinen Orgasmus vortäuschen müssen, um das Selbstbewusstsein des anderen zu pushen. Es ist viel geiler, wenn man Dinge macht, die einem als Frau gefallen.

Frage: Du hast das Thema Aufklärung angesprochen: Braucht man Dich als „moderne und digitale Dr. Sommer“ in Zeiten von Homeschooling umso mehr – oder ist die Generation viel aufgeklärter als früher?

Antwort: Ich behaupte einfach mal: umso mehr. Ich habe den Eindruck, dass durch die mediale Verbreitung ein falsches Bild von Sex entsteht. Vielleicht ein zu Verschöntes, von makellosem Sex. Das kann zu Orgasmus- und Ejakulationsstörungen führen. Gerade wenn man Pornos oder Hollywood-Streifen anschaut. Meistens sieht man da ein heterosexuelles Paar, das penetrativen Sex miteinander hat – beide kommen innerhalb kürzester Zeit und alles verläuft reibungslos.

Antwort: Ehrlicher Weise ist das ja nicht der Sex, den viele Paare erleben – vor allem nicht in Langzeitbeziehungen. Dass Sex mit Arbeit und Kommunikation verbunden ist, wird in Filmen und Serien nicht erklärt. Gerade in der jetzigen Zeit, in der Pandemie, werden mir mehr Fragen rund um das Thema gestellt. Viele haben Zweifel.

Frage: Apropos Pandemie: In Deinem Buch schreibst Du, dass Masturbation das Immunsystem stärken kann. 

Antwort: Masturbation stärkt das Immunsystem, weil Du in diesem Moment Hormone ausschüttest. Dieser Hormoncocktail sorgt eben auch dafür, dass Dein Immunsystem gestärkt wird. Zumal Du Deinem Körper etwas Gutes tust. Das ist ja ein wahnsinnig schönes und entspannendes Gefühl. Beispielsweise wird das Stresshormon Kortisol in diesem Moment gemindert. Das ist total gesund für den Körper. Viele haben deswegen danach einen rosigen, schönen Teint. 

Ähnliche Artikel