Hamburg
Bier, Wein und Sekt erst ab 18? Höheres Mindestalter gefordert
Kein Bier mehr für Jugendliche ab 16 Jahre: Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, will das Mindestalter beim Alkohol auf 18 Jahre hochsetzen. Experten geht dieser Vorstoß nicht weit genug.
Wird Bier, Wein und Sekt bald nur noch an Jugendliche ab 18 Jahre verkauft? Das forderte der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Burkhard Blienert, in einem Gespräch mit der „Welt“. Alkohol an Minderjährige zu verkaufen, sei nicht vernünftig, meinte der SPD-Politiker mit Blick auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Blienert verwies darauf, dass andere Länder gute Erfahrungen damit gemacht hätten, die Altersgrenze von 16 auf 18 Jahre anzuheben. Deutschland habe hier „großen Nachholbedarf“.
Deutlich kritisierte der Drogenbeauftragte das sogenannte „begleitete Trinken“: „Heute kann ein 14-Jähriger im Beisein der Eltern in der Kneipe ein Bier bestellen“, meinte Blienert und wandte sich dagegen, Alkohol zu einem kulturellen Allgemeingut zu erklären: „Das verharmlost die Probleme.“ Vielen sei nicht klar, wie groß der gesellschaftliche Schaden sei.
Tatsächlich gehört Deutschland zu den Ländern mit dem höchsten Alkoholkonsum weltweit – mit erheblichen Folgen: Der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen in Hamm zufolge leiden etwa drei Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren unter alkoholbezogenen Störungen. Darunter fallen Alkoholmissbrauch (1,4 Millionen) und Alkoholabhängigkeit (1,6 Millionen). Der Gesundheitsökonom Tobias Effertz von der Universität Hamburg bezifferte die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums für die Allgemeinheit einmal auf rund 57 Milliarden Euro pro Jahr.
Was allerdings Jugendliche im Alter von 12 bis 17-Jahren betrifft, sinkt der Alkoholkonsum seit Jahren. Auch das rauschhafte Trinken, das sogenannte „Komasaufen“, ist zuletzt zurückgegangen. Trotzdem ist Alkohol auch in dieser jungen Altersgruppe sehr präsent: Dem Alkoholsurvey der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung haben 62,9 Prozent 12- bis 17-Jährigen schon einmal Alkohol getrunken. 9,8 Prozent von ihnen trinken sogar regelmäßig und jeder siebte (14 Prozent) berichtet in der Untersuchung von mindestens einem Tag mit Rauschtrinken im zurückliegenden Monat.
Für Präventionsexperten ist das beunruhigend: „Aus wissenschaftlicher Sicht ist jeglicher Alkoholkonsum im Alter von null bis 21, vielleicht sogar bis 26 Jahre kritisch“, sagte Manuela Bombana unserer Redaktion. Sie ist Expertin für Prävention an der Universität Heidelberg und war an großen Studien zur Wirkung von Alkohol im Jugendalter und in der Schwangerschaft beteiligt. „Diese Zeitspanne ist eine für die Gehirnentwicklung extrem sensible Phase“, sagte Bombana. „Alkohol ist und bleibt ein Zellgift.“ Dass Deutschland bei der Alkoholprävention Nachholbedarf hat, sieht die Wissenschaftlerin genauso wie der Drogenbeauftragte der Bundesregierung.
Große Probleme gebe es aber nicht nur im Hinblick auf Jugendliche und Erwachsene. „Das fängt schon im Mutterleib an“, sagte Bombana. Die Wissenschaftlerin verwies auf Untersuchungen wie die „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ des Robert-Koch-Instituts. Derzufolge konsumieren bis zu 13 Prozent der schwangeren Frauen Alkohol. „Da es sich um eine Befragungsstudie handelt, in der Frauen offen antworten mussten, ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen“, so die Expertin und fügt hinzu: „Der Konsum hat erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Kinder und ihr eigenes, späteres Suchtverhalten“