Aurich
Kreißsaal ohne Alternative
Im Landkreis Aurich gibt es zwei Möglichkeiten, Kinder zur Welt zu bringen: In den eigenen vier Wänden oder in der Klinik. Die Auricher Politik fordert eine Alternative – nicht ohne Hintergedanken.
Aurich - Geburten wird es in der Stadt Aurich nicht mehr geben, sobald die Zentralklinik in Uthwerdum eröffnet ist. Denn, so ist es beschlossen, die Kreißsäle ziehen dann von Aurich in die Gemeinde Südbrookmerland. In Emden gibt es seit dem vorigen Jahr keine Geburtsabteilung mehr. In Norden wurde das Angebot bereits vor Jahren eingestellt. Die einzige ostfriesische Alternative bieten dann noch die beiden Kliniken in Leer. Aber auch alternative Geburtsangebote wie zum Beispiel ein Geburtshaus wird es unter der Ägide der Trägergesellschaft nicht geben. Das teilt Sprecherin Annika Weigelt auf ON-Anfrage mit. Ein Geburtshaus, in dem ausschließlich unter der Regie von Hebammen, ohne Ärzte, Kinder zur Welt kommen könnten, wird es angedockt an die Zentralklinik nicht geben.
Das aber ist der Wunsch der Auricher Stadtpolitik, die bereits in zwei Ausschüssen eine Resolution zum „Erhalt einer Geburtenstation im geplanten MVZ Aurich“ verabschiedet hat. Die Grünen im Stadtrat haben diese Resolution angestoßen, um auch künftig in der Stadt Aurich eine Möglichkeit für Entbindungen zu haben. Zudem soll der Landkreis Aurich Räume für Geburtsvorbereitungskurse, Geburten oder Rückbildungsmöglichkeiten in der Stadt Aurich zur Verfügung stellen. Doch in der Stadt Aurich wird es keine Geburtsstation mehr geben. Und auch in Uthwerdum beschränkt man sich auf ein einziges Angebot.
Modellprojekt für Aurich gefordert
Ein Geburtshaus oder ein hebammengeleiteter Kreißsaal: Das sind nur zwei der Möglichkeiten, die es laut Birgit Ehring-Timm, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aurich, an alternativen Geburtsangeboten gibt. Alternativ, das heißt abseits von klassischen Kreißsälen unter der Leitung von Ärzten. „Frauen können gebären“, sagte sie kürzlich im Ausschuss für Stadt-, Digital- und Wirtschaftsentwicklung. Die Geburtshilfe gehöre zur Grundversorgung und müsse daher auch dann in der Stadt Aurich weiter möglich sein, wenn die Zentralklinik in Uthwerdum in Betrieb sei.
Ganz klar will Ehring-Timm nicht eine zweite Geburtsstation im Landkreis Aurich. Hebammen sollen im neuen Angebot das Sagen haben, Ärzte bleiben außen vor. Dennoch, so ihre Vorstellung, sollte das Ganze unter der Trägerschaft des Kreises stattfinden. Es wäre ein Modellprojekt. Denn Geburtshäuser werden von Hebammen geführt, die nicht bei einem Träger angestellt sind. Für die Kosten wie Miete, vor allem aber für die teuren Versicherungen müssen sie selbst aufkommen.
Zusätzliches Angebot wird gewünscht
Das wäre in der Trägerschaft des Kreises, so wie jetzt bei den angestellten Hebammen in der Ubbo-Emmius-Klinik, anders. Es wäre, so Ehring-Timm, ein zusätzliches Angebot des Landkreises für Frauen. „Denn wer außerhalb der Klinik sein Kind bekommen möchte, findet hier kein Angebot.“ Auf ON-Nachfrage sagt Ehring-Timm, dass es bei der Geburtshilfe immer mehr „Risikofallen“ gebe. Frauen seien ängstlicher geworden, würden sich eine Geburt ohne Arzt nicht zutrauen. Natürlich könnten Risikogeburten im Geburtshaus nicht betreut werden. Auch Kaiserschnitte und Frühchen müssten in die Klinik. Diese Risiken müssten im Vorfeld der Geburt herausgefunden werden.
Das Problem bei einem Standort eines Geburtshauses in Aurich: Im Notfall sind es bis zum Krankenhaus ziemlich genau elf Kilometer Strecke. Nach Auskunft von Annika Weigelt braucht ein Rettungswagen für den Weg zehn Minuten. Sicherlich stellten Geburtshäuser eine Alternative dar. In der deutlichen Mehrzahl der Fälle seien dort komplikationslose Geburten möglich. Im Falle einer Komplikation sei die unmittelbare Nähe zu einer stationären Einrichtung allerdings wichtig. „Diese Abwägung muss jede Schwangere für sich selbst treffen“, so Weigelt. Eine Entscheidung, die laut Ehring-Timm bei Geburtshäusern wie auch schon jetzt bei Hausgeburten vor allem die betreuende Hebamme treffen muss. Es müsse immer sichergestellt werden, dass der nötige Rettungsweg, abhängig von der Entfernung zur Klinik und vom individuellen Geburtsrisiko, zur Verfügung stehe.
Dennoch plädiert sie für ein Geburtshaus in Aurich. Denn in der Stadt gebe es ja bereits die Kreißsäle, die dann weiter genutzt werden könnten. Und die Kreisstadt habe 43.000 Einwohner. Da müsse eine wohnortnahe Geburt möglich sein. Einstimmig stimmte die Stadtpolitik der Resolution zu. Verwunderung gab es im Ausschuss nur über die Kreispolitik. Mit Frauke Jelden, Gleichstellungsbeauftragter im Landkreis, hat Ehring-Timm noch keinen Kontakt aufgenommen. Und auch in der Kreispolitik scheint das Thema bei den Abgeordneten aus Aurich und Norden keine Rolle zu spielen.
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