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Corona, Gender, Stars: Fünf Dinge, die Sie zur Berlinale wissen müssen

Daniel Benedict
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Von Daniel Benedict
| 08.02.2022 15:54 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Berlinale - Aufbauarbeiten Foto: Christophe Gateau
Berlinale - Aufbauarbeiten Foto: Christophe Gateau
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Die Omikronwelle nähert sich dem Höhepunkt - und die Berlinale 2022 lockt Stars und Gäste nach Berlin. Fünf Dinge, die Sie über das Festival wissen müssen.

Am Donnerstag, dem 10. Februar 2022, startet die Berlinale in ihre 72. Ausgabe. Trotz steigender Inzidenzzahlen wird das Festival in Präsenz abgehalten. Welche Stars kommen? Wie divers ist die Filmauswahl und wie verändert Corona die Abläufe? Ein Überblick:

Ausgerechnet jetzt. Während die Omikronwelle auf ihren Kipppunkt zusteuert, kehrt die Berlinale in den Präsenzbetrieb zurück. Festivalchefin Mariette Rissenbeek rechtfertigt den Entschluss: „Als wir die Entscheidung im Dezember treffen mussten, hieß es noch, der Omikron-Peak sei für Anfang März zu erwarten“, sagte sie dem „Tagesspiegel“. „Ende März wäre wegen der Nähe zu Cannes keine Alternative gewesen.“ Der künstlerische Leiter Carlo Chatrian begreift Vorstellungen vor Publikum außerdem als gesellschaftliche Aufgabe: „In Zeiten einer sich polarisierenden Gesellschaft ist es wichtig, dass ich neben Leuten sitze, die ich mir (…) nicht ausgesucht habe, dass ich unterschiedliche Wahrnehmungen aushalte.“

Zugleich bewahrt die Berlinale nur in Präsenz ihr Alleinstellungsmerkmal: Anders als Cannes und Venedig ist sie als Publikumsfestival angelegt. In der letzten regulären Ausgabe 2020 wurden – wenige Wochen vor dem ersten Lockdown – noch 330.000 Tickets verkauft; mit den Vorstellungen für 22.000 Fachleute aus 133 Ländern kam das Festival sogar auf 480.000 Kinobesuche. Damals standen im Pressebereich noch offene Obstkörbe, in die jeder reingreifen konnte. Wenig später war das unvorstellbar. 2021 folgte dann eine Corona-Notausgabe. Das eigentliche Festival lief im Frühjahr für Fachbesucher; das Publikum bekam ein Sommer-Special, für das nur noch knapp 60.000 Karten verkauft wurden.

Das hat auch wirtschaftliche Folgen: 2020 kostete die Berlinale über 27 Millionen Euro; gut 10 Millionen davon kamen aus dem Topf der Kulturstaatsministerin. Den Rest erwirtschaftet das Festival selbst. Wenn weniger Publikum kommt, fehlt es an Einnahmen.

Die Schlangen vor dem Kartenhäuschen, sonst ein Teil der Festival-Folklore, fallen diesmal aus: Tickets verkauft die Berlinale ausschließlich online. Für die Vorstellungen gilt 2Gplus; nur wer geboostert ist, kommt ohne tagesaktuellen Test ins Kino. Auch während der Vorstellung gilt Maskenpflicht.

Dazu wurde der Ablauf gestrafft: Partys und Empfänge sind gestrichen; der Wettbewerb mit seinen Premieren endet schon am Mittwoch statt wie sonst am Abschlusswochenende. Danach folgen vier reine Publikumstage, so dass der Andrang hier entzerrt wird. Pro Tag und Saal laufen nur vier statt fünf Vorstellungen. Dabei ist nur jeder zweite Platz besetzt.

Den roten Teppich erhält sich die Berlinale auch in der Pandemie. Bei den Superstars halten sich die Ab- und Zusagen allerdings die Waage: Nick Cave etwa, über den eine Musik-Doku läuft, reist nicht an. Auch Sigourney Weaver kommt nicht; vor zwei Jahren hatte sie noch den Eröffnungsfilm vorgestellt. Mit einer einzigen US-Produktion im Wettbewerb werden Hollywood-Stars auch sonst rar sein. Dafür kommt einer der größten europäischen Stars: Isabelle Huppert, die einen Bären für ihr Lebenswerk erhält. Ebenfalls zugesagt haben Emma Thompson, Juliette Binoche und Charlotte Gainsbourg. Als Jury-Präsident wird der Blockbuster-Regisseur M. Night Shyamalan erwartet. (Eine Liste zu den Gästen der Eröffnungsgala finden Sie weiter unten.)

Als Eröffnungsfilm läuft Peter von Kant von François Ozons „Peter von Kant“ – ein Volltreffer des künstlerischen Leiters Carlo Chatrian: Der Film ist eine Paraphrase auf Rainer Werner Fassbinders Klassiker „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, der vor exakt 50 Jahren auf der Berlinale Premiere feierte. Damals erzählte Fassbinder von einer despotischen Modeschöpferin – und zwischen den Zeilen auch von den Abhängigkeiten in seiner eigenen Filmfamilie. In seiner Überschreibung verlegt Ozon den Stoff zurück in die Welt des Kinos: Peter von Kant ins nun ein Mann und Filmemacher. Und seine Geschichte wird diesmal in einer Gegenwart erzählt, die kreative Ausbeutungsverhältnisse im Zeichen von #MeToo völlig anders bewertet als zu Fassbinders Zeiten.

Nach dieser Verbeugung vor dem Genie aus Deutschland kommt das hiesige Kino eher kurz: Nur zwei der 18 Wettbewerbsfilme stammen aus heimischer Produktion: Andreas Dresen erzählt von Murat Kurnaz‘ Entrechtung in Guantanamo und vom Kampf seiner Mutter dagegen: „Rabiye Kurnaz gegen Goerge W. Bush“. Nicolette Krebitz steuert „A E I O U – das schnelle Alphabet der Liebe“ bei, in der Sophie Rois sich auf eine amour fou mit einem Teenager einlässt. Internationale Stars sind Juliette Binoche, die in einem Liebesfilm von Claire Denis auf den Goldenen Bären hofft („Both Sides of the Blade“) sowie Sigourney Weaver und Elizabeth Banks in einem Film über Abtreibungen in den USA der 60er Jahre („Call Jane“).

Die gesamte Filmbranche ringt um mehr Diversität; und beim politischsten der großen Filmfestivals ist der Anspruch besonders hoch. Der Stichpunkt Gender nimmt im Pressedossier volle elf Seiten ein. Die Zahlen in Kürze: 256 Filme laufen auf dem Festival, davon sind 208 aktuelle Produktionen; der Anteil der Regisseurinnen beträgt 40,8 Prozent – dazu kommen sieben Nicht-Binäre. Im Wettbewerb stammen 7 von 18 Filmen von Frauen: 39 Prozent. Dazu kommt eine Retrospektive, die drei weibliche Kraftzentren des klassischen Hollywood vorstellt: die Schauspielerinnen Mae West, Carole Lombard und Rosalind Russell. Und hinter den Kulissen? Die Auswahlkommissionen sind in der Mehrzahl weiblich dominiert. Bei den Leitungsposten ist das Verhältnis fast ausgewogen (sieben männlich, sechs weiblich, drei paritätisch). Und die Chefs des Ganzen sind mit Rissenbeek und Chatrian: ein Mann und eine Frau.

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