Ostfriesland
Olympia-Anhänger sitzen mit gemischten Gefühlen vor dem TV
Umfrage: Hiesige Olympia-Fans freuen sich auf die Wettkämpfe in Peking, aber sie nennen auch Kritikpunkte. Aus sportlicher Sicht stehen ganz bestimmte Disziplinen hoch im Kurs.
Ostfriesland - Die Vorfreude auf die Olympischen Winterspiele, die am Freitag in Peking beginnen, ist schon vor der Eröffnungsfeier getrübt. China als Gastgeberland ist umstritten. Umweltschützer kritisieren die Verschwendung von Strom und Wasser für die seit Wochen laufenden Schneekanonen, Menschenrechtler den Umgang der Chinesen mit Uiguren und Tibetern und die Drohungen gegen Taiwan.
Wegen der Pandemie wird der Aufenthalt im eingezäunten olympischen Dorf auch kein Vergnügen für die Sportler, Masken und tägliche Tests sind Pflicht. Die Ostfriesischen Nachrichten haben sich bei hiesigen Sportfunktionären, Sportlern und Wintersportfans umgehört.
„Frevel an der Umwelt“
Wilfried Theessen, Vorsitzender des MTV Aurich, wird sich für die Übertragungen keinen Wecker stellen. „So vernarrt bin ich dann doch nicht. Aber die alpine Abfahrt und die Bob-Wettbewerbe werde ich mir auf jeden Fall anschauen“, sagt Theessen. Am Gastgeberland spart er nicht mit Kritik. „Die Olympischen Spiele hätten an einen anderen Ort gehört. Alleine die 60-Kilometer-Wasserleitung für die Schneekanonen sind ein Frevel an der Umwelt“, sagt Theessen. Der Sportfunktionär ist selbst tief in der olympischen Bewegung verwurzelt. Er erlebte die Sommerspiele 1972 in München, die bis zu dem Attentat einer palästinensischen Terrorgruppe heiter gewesen seien. Als 19-Jähriger meldete er sich damals freiwillig als Helfer, um einfach dabei zu sein. „Das war ein grundlegendes Erlebnis, welches mich tief fürs Leben geprägt hat“, so Theessen. Im olympischen Dorf hätte es einen großen Austausch zwischen den Sportlern aus aller Welt gegeben. Dies sei in Peking nicht möglich. „Die Sportler sind eingezäunt und isoliert. Das Erlebnis, mit anderen Sportlern zu sprechen, ist so nicht mehr gegeben“, glaubt Theessen. Die Pandemie sei hier seiner Meinung auch nur vorgeschoben. „Die Sportler sollen gar nicht miteinander reden“, so Theessen.
Dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) rät der Auricher, mehr Bescheidenheit an den Tag zu legen, weg vom Gigantismus. Aber die Verantwortlichen seien abhängig von dem Geld, das für die Vergabe der Spiele gezahlt wird. Hilft in dieser Situation ein Boykott? Dieser Ansicht tritt Theessen entschieden entgegen. Er sieht die Lage aus der Sicht der Sportler. „Die Sportler sollen unbedingt teilnehmen und sich präsentieren. Sie arbeiten hart auf diesen Höhepunkt hin, der nur alle vier Jahre stattfindet“, sagt der MTV-Vorsitzende.
Es geht ums Geldverdienen
Der Vorsitzende des Fußballkreises Ostfriesland, Winfried Neumann, hat sich Anfang der Woche im Fernsehen die Dokumentation „Wer braucht noch dieses Olympia“ angesehen. Darin äußert sich Felix Neureuther kritisch über die Winterolympiade in Peking. Neumann teilt einige Aussagen und sagt: „Da war vieles dran. Besonders ein Satz brachte es auf den Punkt. Die Olympischen Spiele sind für Sportler da. Davon ist vieles verloren gegangen. Es geht vielfach nur ums Geldverdienen.“
Es sei schon verrückt, was da in Peking für Olympia aus dem Boden gestampft worden sei, obwohl es dort nur wenig Schnee gebe. In Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit sei das völlig daneben, meint Neumann. Gleichwohl werde er die Spiele nicht boykottieren, sondern sie am Fernseher verfolgen. Die Kritik an Olympia ist gerechtfertigt, aber stundenlange Diskussionen über einen Boykott bringen nichts, so Neumann, die müssten an anderer Stelle geführt werden. Neumann stand vor einigen Jahren noch selber auf Skiern. Mittlerweile machen seine Knie nicht mehr mit. Das Interesse an Wintersport ist geblieben. Besonders für Biathlon und Skispringen. Disziplinen, die für ihn besonders spannend und reizvoll sind. Er will die Wettkämpfe täglich verfolgen, so wie es die Zeitverschiebung von sieben Stunden voraus zulässt. Nicht schon am frühen Morgen. Immerhin kann er entspannt Olympia schauen, weil im Winter der Garten noch keine große Aufmerksamkeit verlange. Das wäre bei einer Sommerolympiade oder Fußball-WM schon eine andere Sache, sagt er und lacht. Für ihn wird Olympia in Peking zu „einer Wundertüte“ für kritische Athleten und Journalisten werden. Schwierige Bedingungen also, die die Freude auf die Großveranstaltung eintrüben.
„Für die Welt herauspoliert“
Michael Kortmann vom SV Großefehn freut sich auf Olympia. Er sagt: „Wir sind eine sportbegeisterte Familie. Da wird der Fernseher in den nächsten Wochen nebenbei laufen. In erster Linie interessieren mich die nordischen Disziplinen wie Biathlon und Skispringen, aber auch Bobfahren und Rodeln, da haben die deutschen Starter gute Chancen.“
Er erwartet skurrile Bedingungen in einem Land, das die Spiele für die Welt herauspolieren wird. Ein schöner Schein, der über die Verletzung der Menschenrechte und die umstrittenen Bauten strahlen werde. „Eigentlich müsste man die Spiele vor dem Fernseher boykottieren“, meint Kortmann und ergänzt: „Aber es geht auch um die Sportler, die sich seit Jahren darauf vorbereitet haben. Ich schaue mit gemischten Gefühlen.“