Kusel/Kaiserslautern

Polizisten getötet: Wilderer in U-Haft – beide haben geschossen

DPA User, Maximilian Matthies
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Von DPA User, Maximilian Matthies
| 01.02.2022 13:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Doppelmord in Rheinland-Pfalz: Bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle sind zwei Polizisten getötet worden. Was wir über die Opfer, Tatverdächtige und den Ablauf am Tatort wissen. Foto: dpa/Thomas Frey
Doppelmord in Rheinland-Pfalz: Bei einer routinemäßigen Verkehrskontrolle sind zwei Polizisten getötet worden. Was wir über die Opfer, Tatverdächtige und den Ablauf am Tatort wissen. Foto: dpa/Thomas Frey
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Bei einer Verkehrskontrolle im Landkreis Kusel in Rheinland-Pfalz sind in der Nacht zu Montag zwei Polizisten durch Schüsse getötet worden. Die Polizei nimmt die beiden Tatverdächtigen fest. Was über den Doppelmord bekannt ist.

„Die schießen auf uns!“ So lautete die letzte Meldung der beiden Polizisten, die am frühen Montagmorgen bei einer Verkehrskontrolle an einer Kreisstraße in der Pfalz in der Nähe der Kreisstadt Kusel getötet wurden. Die beiden Opfer hatten nach Angaben aus Sicherheitskreisen zuvor per Funk gemeldet, in einem Fahrzeug sei totes Wild gefunden worden. Dann folgte die letzte Meldung – als die Schüsse fielen.

Im Video: Polizisten getötet: Zwei Personen festgenommen - Fahndung läuft weiter

Was wir über den Doppelmord an den Polizisten in Rheinland-Pfalz wissen:

Eine routinemäßige Verkehrskontrolle an der Kreisstraße 22 zwischen den Orten Ulmet und Mayweilerhof bei Kusel wurde den beiden Polizisten zum tödlichen Verhängnis. Die Beamten hielten das Auto mit den Tatverdächtigen während einer Streife an und fanden totes Wild auf dem Wagen. Darüber informieren die Polizisten ihre Kollegen per Funk und beginnen mit einer Personenkontrolle.

Der nächste Funkspruch ist ihr letzter: „Die schießen auf uns!“ Das war gegen 4.20 Uhr. Verstärkung eilte zum Tatort – zu spät. Die Täter flüchteten, die beiden Polizisten, ein Mann und eine Frau, starben. Die Polizisten wurden laut Staatsanwaltschaft durch Kopfschüsse getötet.

Die Ermittler gehen davon aus, dass jeder der beiden festgenommenen Tatverdächtigen Schüsse abgefeuert hat. Bei den Ermittlungen seien eine Schrotflinte und ein Jagdgewehr sichergestellt worden.

Die beiden Tatverdächtigen sollen als Wilderer in die Polizeikontrolle geraten sein. In dem Laderaum ihres Kastenwagens hätten sich zahlreiche getötete Wildtiere befunden haben, sagte Oberstaatsanwalt Stefan Orthen am Dienstag bei der Pressekonferenz in Kaiserslautern. Diese Tat hätten sie verdecken wollen.

Beide Opfer waren noch recht jung. Es handelte sich um eine 24 Jahre alte Polizeianwärterin und einen 29 Jahre alten Oberkommissar. Während die junge Frau, die noch an der Hochschule der Polizei studierte, nach Polizeiangaben sofort tot war, habe ihr Kollege zunächst noch gelebt. Er sei aber gestorben, als die Rettungskräfte eintrafen.

Die Polizeianwärterin absolvierte einen dreijährigen Bachelor-Studiengang an der Polizeihochschule. „Zu der Ausbildung gehören auch die praktischen Bereiche“, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz am Montag bei einer Pressekonferenz. Die 24-Jährige war demnach im Praktikum. Im April sollte sie ihre Ausbildung beenden.

Wie die Saarbrücker Zeitung berichtete, stammten beide Opfer aus dem Saarland. Die Polizeianwärterin aus Homburg, der Oberkommissar aus Freisen. Beiden lebten demnach direkt hinter der saarländischen Grenze.

Der 29-Jährige war aktiver Fußballer. Kurz nach der Nachricht von seinem Tod drückte sein Heimatverein FC Freisen Anteilnahme durch eine persönliche Traueranzeige auf Facebook aus: „Der Mensch, mit dem wir kickten, lachten und Freundschaft schlossen, er ist nicht mehr da … aus dem Leben, aus unserer Mitte, aber nicht aus unseren Herzen und unserem Team gerissen …“, hieß es.

Traueranzeige vom FC Freisen auf Facebook:

Ein 38 Jahre alter Verdächtiger hat sich über seine Anwältin bei der Polizei gemeldet und wurde dann vor einem Haus im saarländischen Sulzbach festgenommen; das berichtete ein Polizeisprecher. Der Mann hat keine Angaben zur Sache gemacht. Nach dem Wildhändler aus dem Kreis Neunkirchen hatte die Polizei zuvor öffentlich gefahndet. Nach dpa-Informationen hatten die Ermittler am Tatort Papiere des Verdächtigen gefunden. Der Mann sei der Polizei früher bereits wegen Jagdwilderei und Verkehrsunfallflucht aufgefallen, sagte Kriminaldirektor Frank Gautsche am Dienstag bei der Pressekonferenz in Kaiserslautern.

Der Deutsche Jagdverband erklärte, der 38-Jährige sei nicht im Besitz eines gültigen Jagdscheins gewesen. Nach derzeitigem Kenntnisstand habe die zuständige Behörde im Saarland seinen Antrag, erneut einen Jagdschein zu lösen, wegen fehlender Zuverlässigkeit abgelehnt. Der Verband zeigte sich entsetzt über den „kaltblütigen Polizistenmord“ und forderte die Behörden auf, rasch zu klären, woher die Tatwaffen stammen und wie sie in den Besitz des Tatverdächtigen gelangen konnten.

In dem Haus wurde kurze Zeit später ein weiterer, 32 Jahre alter Verdächtiger festgenommen. Bei einer Durchsuchung seien unter anderem Waffen sichergestellt worden. In welchem Zusammenhang sie mit der Tat stehen, müsse noch geklärt werden. Polizeilich in Erscheinung getreten sei der 32-Jährige in der Vergangenheit wegen Betrugsdelikten.

Der 32 Jahre alte Tatverdächtige hat nach Darstellung der Staatsanwaltschaft die Wilderei eingeräumt und die Polizeikontrolle sowie die Schüsse geschildert. Er habe aber bestritten, selbst geschossen zu haben, sagte Oberstaatsanwalt Stefan Orthen am Dienstag. Die Ermittler gehen nach jetzigem Stand allerdings davon aus, dass beide Verdächtige geschossen haben.

Die zwei Beschuldigten sitzen in Untersuchungshaft. Ein Richter am Amtsgericht Kaiserslautern habe einen Haftbefehl wegen gemeinschaftlicher Tötung erlassen, teilten die Ermittler am Dienstag mit. Sie sind beide deutsche Staatsbürger.

Bei einer Hausdurchsuchung im saarländischen Spiesen-Elversberg fand die Polizei fünf Kurzwaffen, ein Repetiergewehr, zehn weitere Langwaffen, eine Armbrust sowie einen Schalldämpfer und Munition. Die Ermittler gehen den Angaben zufolge davon aus, dass der festgenommene 38-jährige Tatverdächtige Zugang zu den Waffen hatte.

Im Haus des zweiten Tatverdächtigen seien zwei Langwaffen entdeckt worden, hieß es. Der 32-Jährige habe seine Bereitschaft erklärt, auszusagen.

Trotz der beiden Festnahmen sind noch viele Fragen zum Doppelmord an den beiden Polizisten offen.

Was wir nicht wissen:

Die beiden Tatverdächtigen sollen am Dienstag dem Ermittlungsrichter vorgeführt werden. Das sagte eine Polizeisprecherin in Kaiserslautern. Der Zeitpunkt war zunächst noch unklar. Die Fahndungsmaßnahmen werden fortgesetzt, weil nach Polizeiangaben nicht ausgeschlossen werden kann, dass es weitere Mittäter gibt. Solange dauerten die Ermittlungen an, teilte die Sprecherin mit.

Innenminister Lewentz hatte eine „sehr, sehr intensive Vernehmung“ der Tatverdächtigen angekündigt. „Wir wollen lückenlos wissen, was dort geschehen ist“, sagte der SPD-Politiker am Montagabend dem SWR. Ob es weitere Verdächtige gebe, würden Ermittlungen und Befragungen zeigen. „Wir gehen im Moment von den beiden aus, die wir in dem Gebäude dann auch festnehmen konnten.“ Es stehe der Vorwurf im Raum, dass die beiden Männer „sehr, sehr brutal zwei Polizeibeamten das Leben genommen“ hätten. „Die Staatsanwaltschaft muss die konkrete Einschätzung vornehmen.“

Der getötete Oberkommissar soll am Tatort noch mehrere Schüsse abgegeben haben – ob es Warnschüsse waren oder der Beamte einen Tatverdächtigen verletzte, war noch unklar. Die Waffe seiner Kollegin kam offensichtlich nicht zum Einsatz.

Ob die Polizisten durch Kopfschüsse getötet wurden, konnte die Polizei zunächst nicht bestätigen. Sie trugen Schutzwesten von der Hüfte bis zum Hals. Dass sie tödlich getroffen wurden, konnte die Sicherheitskleidung nicht verhindern.

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