Wilhelmshaven
Die Polizei fragt: Wer kennt den unbekannten Toten aus der Nordsee?
Die Polizei in Wilhelmshaven versucht fast 30 Jahre nach dem Fund einer Leiche in der Nordsee erneut, die Identität des Mannes zu klären. Erstmals werden jetzt Bilder der Kleidung sowie eine Gesichtsrekonstruktion veröffentlicht. Die Polizei fragt: Wer kennt das Opfer? Die Antwort darauf könnte zum Mörder führen.
Die See ist ruhig am Morgen des 11. Juli 1994. Das Küstenwachschiff „Bredstedt“ des Bundesgrenzschutzes ist westlich von Helgoland auf Patrouillenfahrt. Die Besatzung um Kommandant Werner Beisel hält nach Auffälligkeiten an der Gewässeroberfläche Ausschau – Öl-Flecken oder über Bord gegangene Container.
Doch an diesem Morgen gegen acht Uhr entdecken die Grenzschützer etwas Anderes an der Wasseroberfläche: einen menschlichen Körper. Kommandant Beisel lässt ihn bergen. Es ist ein Mann, fast zwei Meter groß, um den Hals diese Wollkrawatte.
Jede Hilfe kommt zu spät. Der Mann treibt offensichtlich schon lange im Wasser. Tiere haben der Leiche stark zugesetzt; vielleicht Möwen. Kommandant Beisel trifft eine Entscheidung: Er lässt die „Bredstedt“ Kurs nehmen in Richtung Wilhelmshaven und übergibt den Leichnam im Marinehafen an die dortige Polizei. Gegen 15 Uhr beginnt die Obduktion. „Auf gewaltsame Weise verstorben durch Gewalteinwirkungen auf Kopf und Oberkörper“ halten die Gerichtsmediziner fest.
27 Jahre später an einem kalten Dezembermorgen in Wilhelmshaven, der Nebel hat sich gerade verzogen: Über den Friedhof Aldenburg bahnt sich eine seltsam anmutende Prozession ihren Weg. Vorneweg Polizisten, dahinter Rechtsmediziner, das Technische Hilfswerk und ein Bestatteter. Sie wollen niemanden beerdigen; im Gegenteil: der unbekannte Tote aus dem Meer soll exhumiert werden. Es geht zu einer Gräberwiese, auf der Menschen anonym beerdigt werden. „Geliebt und unvergessen“ steht auf einem angrenzenden Grabstein.
Der Kleiboden ist vollgesogen mit Wasser. Die letzten Ausläufer eines heftigen Sturms ziehen über den Friedhof hinweg. Schaufel um Schaufel wird das anonyme Grab freigelegt. Erst mit Hilfe eines Baggers, der Rest dann von Hand. Bis runter zum längst zerfallenen Sargdeckel.
Zwei Polizisten steigen hinab ins Grab und bergen, was von der 1994 weit draußen in der Nordsee treibenden Leiche noch übriggeblieben ist. Sie soll noch einmal rechtsmedizinisch untersucht werden, haben die Polizei in Wilhelmshaven und die Staatsanwaltschaft Oldenburg entschieden.
Denn Mord verjährt in Deutschland nicht. Und aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der unbekannte Tote aus der Nordsee ermordet, die Leiche mit Gewichten beschwert und dann ins Meer geworfen. Irgendwo. Irgendwann. Und von irgendwem.
Der leitende Ermittler Joachim Köhler will es genauer wissen. Er arbeitet im Fachkommissariat 1 der Polizeiinspektion Wilhelmshaven und ist unter anderem für Mordermittlungen zuständig. In seinem Kommissariat werden viele schreckliche Verbrechen bearbeitet und gelöst. Dieses eine aber nicht, der Tote aus dem Meer mit der Wollkrawatte um den Hals wurde zu einem sogenannten Cold Case.
Über Jahre haben Köhler und seine Kollegen in Wilhelmshaven immer wieder neue Ermittlungsansätze verfolgt. Sie ließen DNA aus den Zähnen extrahieren und Zementfüllungen im Gebiss untersuchen. So erfuhr Köhler, dass der Unbekannte zum Zeitpunkt seines Todes etwa zwischen 45 und 50 Jahre alt gewesen sein dürfte, also zwischen 1944 und 1949 geboren.
Die Polizei ließ Driftmodelle erstellen, um zu klären, wo das Opfer über Bord ging. Vielleicht vor Wangerooge war das Ergebnis. Wirklich eingrenzen ließ sich der Zeitraum aber nicht. Wie lange die Leiche im Wasser lag, bevor sie die Besatzung der „Bredstedt“ westlich von Helgoland treiben sah, ist unklar.
Der Kommissar und seine Kollegen in Wilhelmshaven schalteten das FBI in den USA ein, um mit damals modernster Technik eine erste Gesichtsrekonstruktion erstellen zu lassen. Sie recherchierten zur Kleidung und kamen zum Schluss, dass der Mann einen Bezug nach Großbritannien haben dürfte.
Doch wirklich weiter half das den Ermittlern in Wilhelmshaven alles nicht. Keiner der bekannten Vermisstenfälle zu dieser Zeit, traf auf den Toten zu. Bis heute ist unklar, wer der Mann überhaupt ist.
„Wenn wir die Identität des Opfers klären, kommen wir dem Täter ein gutes Stück näher“, sagt Ermittler Köhler bei einer Tasse Ostfriesentee in den Räumen der Polizeiinspektion Wilhelmshaven. Er erzählt von Fortschritten und Rückschlägen in seiner Ermittlungsarbeit, dass er sich immer gesagt habe: „Irgendwo wird dieser Mann seit Jahren vermisst, das muss sich doch herausfinden lassen.“
Zu Lebzeiten muss das Opfer eine auffällige Persönlichkeit gewesen sein – fast zwei Meter groß, gut gekleidet mit einer Bügelfalten-Hose und sehr teuren Herrenslippern.
Ein einfacher Seemann war der Tote vermutlich nicht – die Bekleidung passt nicht zu einem Arbeitsplatz auf See. Ob er von einem Schiff aus versenkt wurde, einer Yacht oder einem Kreuzfahrtschiff, oder doch von Land aus ins Wasser gelangte – all das ist auch fast 30 Jahre nach seinem Tod völlig unklar.
Köhler breitet seine Gedanken zum Fall ganz ruhig aus. Dabei drängt die Zeit ein wenig: Ende April geht der Polizist in den Ruhestand. Den Fall würden die Kollegen in Wilhelmshaven zwar weiterführen, Kommissar Torsten Alpen hat sich bereits eingearbeitet, Köhler weiß die Akten bei ihm in guten Händen. Aber nach all den Jahren will er wohl auch selbst Klarheit haben.
Nun hat er einen letzten großen Versuch gestartet, die Identität des Opfers doch noch zu klären. Deswegen auch die erneute Exhumierung im Dezember. Es ist ein in dieser Art und Weise deutschlandweit vermutlich einmaliges Vorgehen: Köhler hat sich mit Polizeidirektor Karsten Bettels zusammengeschaltet. Der bildet an der Polizeiakademie in Nienburg angehende Polizisten aus – unter anderem in der Frage, wie ungeklärte Mordfälle doch noch gelöst werden können.
In den zurückliegenden Wochen lief dazu ein international besetzter Cold-Case-Kurs an der Akademie beziehungsweise Corona-bedingt über das Netz. Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen aus Europa und Australien tauschten ihre Expertise zu ungeklärten Tötungsdelikten aus.
Gemeinsam mit den Polizeistudenten aus Nienburg haben sich die Spezialisten auch Gedanken zum unbekannten Toten mit der Krawatte gemacht. Der Kurs war bei der Exhumierung auf dem Friedhof in Wilhelmshaven dabei – live zugeschaltet über das Internet per Webcam.
Eine forensische Anthropologin aus Großbritannien gab den Beamten in Norddeutschland Hinweise, was im Grab gesichert werden sollte, damit Spuren mit neuster Kriminaltechnik ausgewertet werden können – Technik, die so in Deutschland sonst kaum zum Einsatz kommt.
Zudem wurde auf Basis des exhumierten Schädels eine neue Gesichtsrekonstruktion erstellt, dieses Mal viel detailreicher als der erste Versuch des FBI. Die Kriminaltechnik hat auch hier Fortschritte gemacht. Fast lebendig wirkt der Mann auf der neuen Zeichnung, die das LKA Niedersachsen erstellt hat. Am Computer wurden Gesicht und Kleidung, die er damals trug, wieder zusammengefügt.
Mit diesem Bild soll nun international gesucht werden. Eine Vermisstenorganisation aus Großbritannien namens „Locate International“ will die Rekonstruktion mit Daten und Fakten zum Fall ins Netz stellen. Ihre Vertreter waren Teilnehmer im Cold-Case-Kurs. Immer wieder konnte die Vereinigung in den zurückliegenden Jahren bei der Lösung ungeklärter Mordfälle helfen.
Auch beim Fall aus Wilhelmshaven besteht noch Hoffnung. Mit der Gesichtsrekonstruktion werden Bilder der Kleidung des Opfers veröffentlicht – unter anderem die Wollkrawatte. Kursteilnehmer gaben den Hinweis, dass solche Krawatten im Raum Großbritannien häufig getragen würden, um die Zugehörigkeit zu einer Vereinigung auszudrücken, etwa einer Studentenverbindung.
Vielleicht erkennt also irgendjemand nicht das Opfer, aber seine Krawatte? Vielleicht ergeben sich so für die Polizei in Wilhelmshaven neue Ermittlungsansätze. Ab Dienstag fragen die Polizei in Wilhelmshaven und die Staatsanwaltschaft Oldenburg nun international: Wer kennt diesen Mann? Hinweise werden unter der Telefonnummer 04421/9420 oder der E-Mail-Adresse unbekannter-toter-vor-helgoland@pi.whv.polizei.niedersachsen.de entgegengenommen.
Wenn vielleicht so auch nicht der Mörder gefasst werden kann, so kann vielleicht geklärt werden, wer der Mann aus dem Meer ist. Oder wie es Kursleiter Bettels formulierte: „Jeder hat das Recht mit einer Identität beerdigt zu werden.“ Kommissar Köhler will dem Toten aus der Nordsee dieses Recht erfüllen.