Osnabrück
Muss Deutschland einen Ausfall der Gasversorgung fürchten?
Mit den Spannungen zwischen Russland und der Nato im Ukraine-Konflikt wächst die Sorge, Moskau könne Europa den Gashahn zudrehen. Muss Deutschland Versorgungsengpässe fürchten? Die Fakten im Überblick.
Sollte Russland im Fall einer Eskalation des Ukraine-Konflikts den Gashahn komplett zudrehen, stünde Europa und vor allem Deutschland vor einem Problem. Mit einem Anteil von 55 Prozent ist das Land der mit Abstand größte Gaslieferant der Bundesrepublik, gefolgt von Norwegen (30 Prozent) und den Niederlanden (13 Prozent). Ausfälle in dieser Dimension ließen sich nicht ohne weiteres ersetzen.
Dabei hätte man es wissen können. Vor rund zwölf Jahren lag der Anteil russischen Gases in Deutschland bei etwas unter 40 Prozent; schon damals hieß es, Deutschland sei zu abhängig und müsse gegensteuern - das Gegenteil ist geschehen.
Große Reserven für einen Notfall aber gibt es nicht. Die Füllstände der hiesigen Erdgasspeicher in diesen Tagen bei knapp 40 Prozent - und sind damit so leer wie selten zuvor zu diesem Zeitpunkt im Jahr. Zum Teil sind die Speicher in Händen von Tochterfirmen des regierungsnahen russischen Gazprom-Konzerns.
Eine Anfrage der Bundesregierung, im jetzigen und dem kommenden Winter mehr an Gas an Deutschland zu liefern, hatte in den Niederlanden jüngst für Befremden bei der dortigen Regierung gesorgt.
Eine Erhöhung der Lieferungen nach Deutschland stelle „ein Risiko für die niederländische Versorgungssicherheit dar“ und könnte erhebliche Debatten in den Niederlanden auslösen, hieß es in einem Brief des Wirtschaftsministeriums an Berlin, aus dem das „Handelsblatt“ zitierte.
Auch Norwegen fördert bereits am Anschlag und hat wissen lassen, keinerlei Reserven für Mehrlieferungen nach Deutschland zu haben.
Wer könnte einen Gaslieferstopp also ausgleichen? Die USA sind seit Dezember weltgrößter Exporteur von Flüssiggas LNG (Liquified Natural Gas) und haben damit Katar überholt. Der Agentur Bloomberg zufolge haben mehr als eintausend Cargo-Schiffe mit flüssigem Erdgas die USA im vergangenen Jahr verlassen. Die Hälfte der Lieferungen ging nach Asien, ein Drittel nach Europa. Auch im Verbund mit Katar könnten die USA einen Ausfall der Lieferungen aus Russland laut Energieexperten nicht vollständig kompensieren.
Auch hier ist Deutschland zudem abhängig von anderen Staaten. Denn bis dato gibt es keine eigenen Anlandemöglichkeiten für Flüssiggas-Tanker. Derzeit kommt das Flüssiggas über die LNG-Häfen in anderen europäischen Ländern, allen voran über das niederländische Rotterdam und das belgische Zeebrugge. Von dort wird das Gas über das Leitungsnetz nach Deutschland weitertransportiert.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte jüngst erklärt, er halte es für möglich, die EU-Anlandungskapazitäten für LNG hochzufahren. So sind die Kapazitäten in den Niederlanden, Polen und Italien erst zu 30 Prozent ausgelastet. In Deutschland sind LNG-Terminals lediglich in der Planungsphase.
Angesichts möglicher Engpässe gewinnt eine Debatte um staatliche Gasreserven wieder an Schwung. So sagte RWE-Chef Markus Krebber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung” soeben, die Eingriffe könnten „in Richtung einer staatlichen Bevorratung gehen wie beim Erdöl”.
Alternativ sei eine schärfere Regulierung denkbar, so dass Gasversorger „ihre Lieferverpflichtungen zu bestimmten Anteilen durch langfristige Kaufverträge oder Einspeicherungen absichern“ müssten. In Deutschland gebe es an dieser Stelle eine Regelungslücke.
Um Deutschlands Ölverbrauch im Notfall für 90 Tage decken zu können, hält der Deutsche Erdölbevorratungsverband (EBV) entsprechende Vorräte. „Mit diesen so genannten strategischen Ölvorräten könnte also für drei Monate ein vollständiger Ausfall aller Importe ausgeglichen werden“, heißt es auf der Onlineseite des Bundeswirtschaftsministeriums. Eine vergleichbare strategische Gasreserve gibt es bislang nicht.
Wie wahrscheinlich ist es aber überhaupt, dass Russland Europa den Gashahn im Falle scharfer Sanktionen auf eine mögliche Invasion Russlands in die Ukraine komplett zudreht? Der Kreml weist die Befürchtungen als „Hysterie“ zurück.
„Russland hat in den schwierigsten Momenten der Konfrontation zwischen Ost und West seine Vertragsverpflichtungen tadellos erfüllt“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow jüngst. Sein Land habe noch nie Anlass dazu gegeben, dass Europa an der Zuverlässigkeit Russlands als Gaslieferant zweifeln müsse. Auch in Zeiten des Kalten Krieges sei der Rohstoff immer geflossen.
Tatsächlich ist die Lieferung von Erdgas keine Einbahnstraße. Russland ist abhängig von den Einnahmen aus dem Verkauf fossiler Rohstoffe. Durch eine Einstellung der Lieferungen ins Ausland würde man sich also ins eigene Fleisch schneiden, sagte denn auch die Direktorin des Osteuropa-Instituts Zois, Gwendolyn Sasse, der Nachrichtenagentur dpa. Moskau brauche die Einnahmen aus dem Gasverkauf dringend für den Staatshaushalt.
Malt der Westen also ein übertrieben düsteres Bild? In der Vergangenheit hat Gazprom gewöhnlich immer deutlich mehr Gas geliefert als in langfristigen Verträgen vereinbart war; es wurde zusätzlich börslich auf den Spotmärkten gehandelt, wo sich gutes Geld verdienen ließ. Davon hat man jedoch Abstand genommen - nach Ansicht von Marktbeobachtern offenbar, um endlich die Erlaubnis zur Betreibung der Ostseepipeline Nord Stream 2 zu bekommen.
Der regierungsnahe Konzern agiert also durchaus bisweilen politisch. Mit der Eskalation des Streits um die Ostukraine im Winter 2014/15 beispielsweise hat Gazprom die Gaslieferungen nach Europa um 50 Prozent gedrosselt, weil die Europäer Gas an die Ukraine geliefert hatten - auch wenn es den Konzern am Ende Einnahmen in Milliardenhöhe gekostete hat.