Osnabrück
tdh-Botschafterin: „Kinderrechte gehören ins Grundgesetz”
Sie selbst hat vier Kinder und sieben Enkel, da lag es nicht fern, sich nach dem Leben als Bischöfin um die Belange von Kindern zu kümmern. Ein Gespräch mit terre des hommes-Botschafterin Margot Käßmann über Kinderrechte, Ehrenamt in Deutschland und ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung.
Frau Käßmann, seit drei Jahren sind Sie Botschafterin von terre des hommes (tdh). Was hat Sie in dieser Zeit in ihrer Rolle am meisten beeindruckt? Bei terre des hommes denkt man meistens an Indien, Afrika, an Regionen in Übersee. Doch auch hier in Deutschland ist das Hilfswerk aktiv, das vergisst man oft. Im bayerischen Weiden hat ein Ehepaar zum Beispiel ein riesiges Schulkonzept aufgezogen, das hat mich sehr beeindruckt. Mehr als 200 Kinder vor allem mit Migrationshintergrund machen dort nach der Schule Hausaufgaben und lernen Deutsch, bekommen sozusagen eine Eins-zu-Eins-Betreuung, um hier den Anschluss zu finden. Flüchtlingskinder können in den Schulen ja oftmals nicht so betreut werden, wie es eigentlich nötig wäre.
Das Konzept, überall mit Projektpartnern und hierzulande auch mit Ehrenamtlichen aktiv zu sein, das gefällt mir an tdh sehr gut. Eine zentrale Herausforderung ist es dabei, auch immer neue ehrenamtliche Helfer zu rekrutieren. Viele Ehrenamtliche sind inzwischen älter. Begeistern wir nicht auch Jüngere für das Engagement, birgt das die Gefahr, dass solche Projekte einschlafen. Das wollen wir natürlich verhindern.
Wie steht es denn ums ehrenamtliche Engagement in Deutschland? Grundsätzlich sind viele Menschen bereit, sich zu engagieren, das zeigen die Statistiken. Das Engagement ändert sich aber. Die Menschen stellen ihre Expertise gern für konkrete Kampagnen oder Vorhaben für einen gewissen Zeitrahmen zur Verfügung. Früher sind die Leute oft über Jahrzehnte dabeigeblieben, das ist vorbei. Tdh hat immerhin rund 400 Mitglieder, die jünger als 35 Jahre sind, das entspricht ungefähr einem Viertel der gesamten Mitgliedschaft von tdh. Das ist relativ gut.
Es gibt also nicht die oft beanstandete „Entsolidarisierung“ der deutschen Gesellschaft? Sicher gibt es gesellschaftliche Spannungen und eine gewisse Entsolidarisierung in manchen Bereichen. Es gibt aber auch ein sehr hohes Maß an Engagement, beispielsweise in der Betreuung von Geflüchteten. Bei all den Negativmeldungen gerät das heute oft aus dem Blick. Der soziale Frieden in unserer Gesellschaft existiert überhaupt immer noch, weil so viele Bürger für andere Menschen ehrenamtlich aktiv sind – unter anderem bei Organisationen wie tdh.
In diesem Jahr feiert tdh sein 55-jähriges Bestehen. Eigentlich traurig, dass es so eines Hilfswerks immer noch bedarf, oder nicht? Ich würde es so formulieren: Toll, dass es eine solche Organisation gibt. Ich halte es mit Mose. 40 Jahre läuft er durch die Wüste, um das gelobte Land zu finden. Kurz bevor er es erreicht, darf er es von einem Berg aus sehen, aber er kommt selbst nicht mehr hin. Er muss den Staffelstab übergeben, und dann übernimmt die nächste Generation: „Seid getrost und unverzagt“, sagt er. Das imponiert mir. Ich sehe heute eine jüngere Generation, die engagiert ist, die etwas verändern will.
Not hat es immer gegeben. Aber natürlich ändert sich auch etwas zum Positiven. Beispiel Indien. Mit der Unterstützung von tdh hat sich mit Blick auf die Arbeit junger Frauen und Mädchen in den Baumwollfabriken das Bewusstsein verändert. Früher wurden Unfälle vertuscht, heute klagen die Menschen mit der Hilfe von terre des hommes ihre Rechte ein. Die Hilfsorganisation arbeitet auf Augenhöhe. Wir unterstützen Menschen, die vor Ort wissen, was zu tun ist.
Die Ampel-Koalition will Kinderrechte blumig zum „Kompass einer zukunftsorientierten Politik“ machen. Was erwarten Sie von der neuen Bundesregierung? Ich erwarte von der neuen Regierung unter anderem, dass sie das Lieferkettengesetz nachbessert, damit wir Konsumenten und Konsumentinnen wissen, wie und von wem unter welchen Umständen Textilien gefertigt werden. Das Lieferkettengesetz setzt derzeit an einer zu späten Fertigungsstufe an. Es muss alles nachzuverfolgen sein, bis hin zu der Frage „Haben Kinder auf den Feldern die Baumwolle gepflückt“ oder „Wurden dort gesundheitsschädigende Pestizide eingesetzt?“. Das Gesetz soll 2023 in Kraft treten, es gibt also noch Spielraum, Unternehmen noch konsequenter auf Menschenrechts- und Umweltstandards zu verpflichten.
Im Übrigen brauchen wir ein solches wirksames Gesetz auch auf EU-Ebene. Ich wünsche mir, dass sich die Ampel dafür in Brüssel stark macht. Natürlich müssen auch wir uns fragen: Ist es mir wirklich egal, wie ein T-Shirt hergestellt wird, ob durch Kinderarbeit oder unter menschenunwürdigen Bedingungen? Wenn sich unser Kaufverhalten ändern würde, weg von fast fashion, würde sich auch in den Herstellerländern wie Indien oder Bangladesch etwas ändern.
Das alles geht aber nur sehr langsam. Deshalb brauchen wir entsprechende Gesetze, die auch die wirtschaftlichen Akteure zu einem Richtungswechsel drängt.
Und was halten Sie von der von der Absicht der Ampel-Koalition, das Wahlalter bei der Bundestagswahl auf 16 Jahre zu senken? In der UN-Kinderrechtskonvention steht, dass Kinder an Prozessen, die sie betreffen, beteiligt werden sollen, sofern das altersgerecht möglich ist. Demzufolge wäre es konsequent, das Wahlalter auf 16 Jahre zu senken. Damit sollte die rot-grün-gelbe Regierungsmehrheit in dieser Legislaturperiode ernst machen.
Die Mehrheit der Wähler und Wählerinnen im Land ist in meinem Alter und älter; wir entscheiden über Regierungen, die die Weichen stellen für jüngere Generationen. Da sollten diese doch auch ein Wörtchen mitzureden haben. Im Wahlkampf müssten sich Politikerinnen und Politiker dann auch viel mehr auf die Bedürfnisse junger Menschen einstellen.
Das Argument, 16-jährige seien für politische Entscheidungen nicht reif genug, lassen Sie also nicht gelten? Ich kenne auch ziemlich unreife 60- oder 70-jährige... im Übrigen lag das Volljährigkeitsalter ja auch mal bei 21 Jahren. Damals konnten sich viele Menschen nicht vorstellen, dass es auch schon mit 18 geht.
Und was ist mit der Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz? Kinderrechte müssen ins Grundgesetz. Das hat die alte Regierung leider nicht hinbekommen, obwohl es im Koalitionsvertrag stand. Auch die Ampel hat sich vorgenommen, die Kinderrechte im Grundgesetz zu verankern, ich hoffe hier auf mehr Konsequenz. Dass wir als Gesellschaft mehr auf Kinder achten müssen, sehen wir doch in der Corona-Pandemie.
Eine Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz ändert zwar nicht gleich alles zum Besseren, aber es macht die Dringlichkeit klar, Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen stärker in den Blick zu nehmen. Bei der Einweihung eines Platzes der Kinderrechte in Neuss habe ich jüngst gesagt: Kein Kind darf geschlagen werden! Da habe ich bei den anwesenden Kindern in viele fragende Augen geblickt. Es gibt also immer noch genug zu tun.
Wir als Erwachsene dürfen ruhig öfter mal die Perspektive unseres Nachwuchses einnehmen, um von ihm zu lernen. Wir machen Kinder viel zu oft zu bloßen Objekten.