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Warum Eltern ihre Kinder nicht aufs Gymnasium schicken wollen

Sina Wilke
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Von Sina Wilke
| 21.01.2022 13:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Kinder, die das Zeug für das Gymnasium haben, gehen auf andere Schulen. Symbolfoto Foto: imago images / Photothek
Viele Kinder, die das Zeug für das Gymnasium haben, gehen auf andere Schulen. Symbolfoto Foto: imago images / Photothek
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Eltern halten ihre Kinder für kleine Genies? Nicht alle. Viele Mütter und Väter möchten nicht, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht - obwohl es das Zeug dazu hätte.

Diese Klagen von Pädagogen sind bekannt: Immer wieder berichten sie von leistungsbezogenen Eltern, die ihre Kinder überschätzen und gegen den Rat der Lehrer aufs Gymnasium schicken. Für die eine kleine Welt zusammenbricht, wenn der Spross eben doch nicht so gut lernt wie erhofft. „Mein Kind gehört nicht auf eine Gemeinschaftsschule! Mein Kind ist begabt, bloß unterfordert!”

Aber über all den Erzählungen von überehrgeizigen Eltern geht der Blick verloren für ein anderes Phänomen: Mütter und Väter, die ihren Kindern trotz Begabung nicht das Abitur zutrauen. „Das braucht sie doch eh nicht!“, heißt es dann, oder: Ich glaube, das Gymnasium wäre zu viel für ihn. „Das gibt es häufiger, als man denkt“, weiß der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger.

Oft hätten Eltern, die diesen Bildungsweg für ihre Kinder nicht wollen, selbst kein Abitur. Dass sich der Bildungsgrad in Familien fortsetzt, zeigen Jahr für Jahr die Ergebnisse der Pisa-Studien: In keinem vergleichbaren Land der Welt hängt der Schulerfolg so stark von Einkommen und Vorbildung der Eltern ab wie in Deutschland. Schüler aus einem bildungsfernen Milieu haben - bei gleicher Intelligenz - deutlich geringere Chancen, ein Gymnasium zu besuchen als Akademikerkinder.

Dafür gibt es viele Gründe - einer sind die Lehrer. Im vergangenen Jahr zeigten Forscher, dass Schüler niedriger sozialer Herkunft in 30 Prozent der Fälle schlechtere Noten erhielten als ihre Mitschüler aus bildungsnahen Schichten, obwohl sie die gleiche Leistung erbrachten. Aber sogar noch mehr, so die Forscher, sorgen Eltern für das Missverhältnis zwischen Begabung und Gymnasialkarriere, weil sie ihren Nachwuchs eher auf eine Sekundarschule schickten, wenn sie selbst kein Gymnasium besucht hatten.

Warum? „Oft wollen die Eltern ihr Kind vor einem gymnasialen Bildungsweg bewahren, weil sie befürchten, es könne sich emotional, intellektuell und strategisch von ihnen entfernen“, schreibt die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm in der „Neuen Zürcher Zeitung“. Während besser gebildete Eltern Abitur und Studium als Statussicherung ansähen, blickten weniger gebildete Familien skeptisch aufs Gymnasium und schätzten die dortigen Hürden als hoch ein. Eine weitere Untersuchung zeigt zudem, dass Akademikereltern ihre Kinder eher überschätzen, während Arbeitereltern sie unterschätzen.

„Die Angst vor dem Unbekannten, das Bild einer Schulart, an der viele scheitern - was heute nicht mehr stimmt - und die Angst, den Kindern bei schulischen Arbeiten nicht helfen zu können, das spielt alles eine Rolle”, erklärt Heinz-Peter Meidinger. Dabei bedeute dies „heutzutage nicht automatisch, dass sie sich dadurch gegen ein späteres Studium ihrer Kinder entscheiden, da inzwischen die verschiedenen schulischen Wege nach oben offen sind.“

Oft sei die Entscheidung gegen ein Gymnasium nachvollziehbar, aber immer wieder auch schade, so der langjährige Gymnasiallehrer: 

Schließlich gebe es wohl keine Schulart mit so einem breiten Angebot. Und Stamm betont:

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