Aurich

Impfpflicht: Mediziner fürchten Personalmangel

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 19.01.2022 13:06 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Gespräche rund ums Impfen nehmen in der Corona-Pandemie viel Zeit in den Arztpraxen in Anspruch. Foto: DPA
Gespräche rund ums Impfen nehmen in der Corona-Pandemie viel Zeit in den Arztpraxen in Anspruch. Foto: DPA
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Hoher Aufwand und Personalsorgen treiben die Mediziner im Kreis um. Die Impfpflicht im medizinischen Bereich könnte zudem erhebliche Auswirkungen für Mitarbeiter und Patienten haben.

Aurich - Ab 15. März gilt eine bundesweite Impfpflicht für medizinisches Personal. Doch längst nicht alle Ärzte und Mitarbeiter in Praxen und Kliniken haben sich bisher den Corona-Schutz abgeholt. Hiesige Allgemeinmediziner blicken mit Sorge auf die kommenden Wochen. „Ich weiß von etlichen Kollegen, die ungeimpfte Mitarbeiter in ihren Praxen beschäftigen. Für sie stellt sich die Situation schon jetzt sehr schwierig dar“, sagt Dr. Jörg Weißmann. Er ist Allgemeinmediziner in Emden und Vorsitzender der Bezirksstelle Aurich der Ärztekammer. „In meiner Praxis stellt sich die Frage nicht. Hier sind alle geboostert“, stellt er erleichtert fest. Doch bleibe offen, ob es in Zukunft verantwortbar sei, ungeimpft Patienten zu behandeln.

„Es gibt meines Wissens einen Entscheidungsbaum für Inhaber von Praxen. Dieser zeigt jedoch nur Möglichkeiten wie Abmahnungen und Kündigungen auf. Es ist bis dato nicht verpflichtend“, erläutert Dr. Weißmann. Zudem vermisse er Kriterien, unter denen eine Weiterbeschäftigung des Personals möglich sein könnte. Denn schon jetzt sei es nicht einfach, im ländlichen Raum medizinisches Fachpersonal zu bekommen. Weißmann setzt deshalb alles auf Gespräche, um möglichst viele Skeptiker doch noch von einer Impfung zu überzeugen. Ungeimpfte gebe es gerade im Bereich Homöopathie und Naturheilkunde auch unter den Ärzten.

Telefonische Krankmeldungen als Entlastung

Dr. Jörg Weißmann und sein Team behandeln alle Patienten weiter, auch diejenigen, die eine Impfung ablehnen. Er ist froh, dass die sich schnell ausbreitende Omikron-Variante bisher relativ milde Fälle zur Folge habe und er wenige Patienten in die Klinik schicken müsse. Denn die Klinken „sind das Nadelöhr in der Pandemie“, ist er überzeugt. Doch auch sein Team spürt die Mehrarbeit deutlich. Denn Testungen, Impfungen und unendlich viele Gespräche fallen parallel zum Arbeitsalltag in seiner Praxis an. Deshalb ist er froh, dass jetzt wieder die Möglichkeit besteht, Krankmeldungen telefonisch zu bekommen. „Das entlastet uns enorm“, hoffe er auf ein Modell für die Zukunft.

Für Gespräche mit seinen Patienten nehme er sich dennoch immer Zeit. Gerade Impfskeptiker hätten viele durchdachte Fragen. Bei seinen älteren Patienten nehme er häufiger eine Überforderung wahr. „Sie fühlen sich durch die neue Technologie an die Wand gedrängt und isoliert“, berichtet der Mediziner. Deshalb helfen seine Mitarbeiter ab und an beim Installieren einer Corona-App aus.

Personalnotstand durch Impfpflicht befürchtet

Dr. Lukas Bockelmann, Vorsitzender des Ärztevereins Aurich und Arzt in Timmel, würde die Zahl der Ungeimpften unter dem medizinischen Personal in der Region unter zehn Prozent schätzen. Eine Statistik gibt es seines Wissens nach jedoch nicht. Auch der Ärztekammer liegen keine Daten vor. Bisher sei ihm aber kein Fall zu Ohren gekommen, bei dem ein Kollege mit fehlendem Personal wegen des Impfstatus zu kämpfen habe. „Wir haben im Praxisalltag genug Herausforderungen. Mehr brauchen wir nicht“, spricht er von einer hohen Last. Insbesondere die Anpassung an die jeweilige Situation koste viel Zeit und Energie. „Einen hohen Personalnotstand von jetzt auf gleich, können wir uns nicht erlauben“, mahnt er. Jeder einzelne, der aufgrund seines Impfstatus wegfalle, habe starke Auswirkungen auf die medizinische Versorgung. „Jede Person, die aufhört, wäre sehr schmerzhaft“, hofft er auf wenige Ausfälle durch die Impfpflicht.

Das Thema beschäftigt auch Dieter Krott von der Kassenärztlichen Vereinigung. Der Geschäftsführer der Bezirksstelle Aurich hat bisher keine Informationen vorliegen, wie viele Praxen von ausfallendem Personal betroffen sein könnten. „Die Sorge treibt uns um, wenn Praxen dann nicht an der Versorgung der Patienten teilnehmen können“, sagt Krott. Dies könne eintreten, wenn ein Arzt nicht geimpft ist oder ihm zu viel Personal wegfalle. „Es gibt viele offene Fragen, die gerade auf Bundesebene diskutiert werden“, berichtet der Geschäftsführer. Nach Angaben der Ärztekammer Niedersachsen müssen Impf- und Genesenennachweise der Klinik- oder Praxisleitung vorgelegt werden. Wo dies nicht erfolge, müsse ab 16. März das Gesundheitsamt informiert werden, so Sprecher Thomas Spieker. „Jede bürokratische Aufgabe kommt für die Mediziner on top, die sich eigentlich nur um ihre Patienten kümmern möchten“, mahnt hingegen Dr. Weißmann an.

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