Hannover
Homöopathie für Tiere: Ärger um Globuli für Schafe in Niedersachsen
Globuli fürs Schaf: Genau das ist Thema einer Homöopathie-Fortbildung der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Ungeachtet aller Kritik an der pseudowissenschaftlichen Methode, hält man dort am Kurs fest. Kein Wunder, denn bei der Kammer schwört man selbst auf Homöopathie.
Einige wenige Plätze sind noch frei für den Kurs am 28. Januar. „Homöopathie und Co - rund um die Geburt bei Schafen“ lautet der Titel, Teilnahmebeitrag: 120 Euro. Die Kammer selbst wies darauf am Wochenende auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hin – und bereut das mittlerweile möglicherweise.
Denn statt weiterer Teilnehmer meldeten sich vor allem Kritiker. Ob die Kammer den Schuss nicht gehört habe, wollte ein Nutzer wissen. Ein anderer fragte, ob die Kammervertreter noch bei Sinnen seien. Tierquälerei lautete ein häufiger Vorwurf. Verteidiger des Kursangebots fanden sich indes kaum.
Homöopathie ist umstritten. Das gilt schon beim Menschen, wo jenseits des Placebo-Effekts keine wissenschaftliche Wirkung nachgewiesen ist. Und bei Tieren umso mehr. Auch hier fehlt es an Nachweisen, dass die hochverdünnten Mittel wirken. Anwender schwören dennoch auf die kleinen Zuckerkügelchen namens Globuli - die häufigste Darbietungsform der homöopathischen Mittel.
Der Schafskurs ist nicht der erste dieser Art, den die Kammer in ihrem landwirtschaftlichen Bildungszentrum in Echem (LBZ) und andernorts anbietet. Und es wird auch nicht der letzte sein. Für März beispielsweise steht der Kurs „Die wichtigsten homöopathischen Arzneimittel für den Schweinestall“ im Terminkalender.
LBZ-Leiterin Martina Weber kennt die Kritik an solchen Angeboten. „Wir bieten die entsprechenden Kurse seit einigen Jahren an, sie sind ein kleiner Teil unseres gesamten Angebots.“ Etwa fünf derartige Veranstaltungen rund um Globuli sollen es im Jahr sein, heißt es von der Kammer.
Auch andere Landwirtschaftskammern, als Organisationen öffentlichen Rechts Selbstverwaltungsorgane der Landwirtschaft, bieten Homöopathie-Kurse an: in Nordrhein-Westfalen, in Schleswig-Holstein und Hamburg. Die Kammer der Hansestadt weist daraufhin, dass das entsprechende Angebot mit Steuermitteln gefördert werde. Das sei in Niedersachsen nicht der Fall, betont die Kammer mit Hauptsitz in Oldenburg.
„Das Interesse unter Landwirten ist da, sich mit Homöopathie in der Tierhaltung auseinanderzusetzen. Die Erfahrungen mit dem Einsatz homöopathischer Mittel sind gut“, sagt Weber und meint damit nicht nur die Erfahrungswerte der Kursteilnehmer.
Das Bildungszentrum in Echem unterhält als Fortbildungseinrichtung für Landwirte eigene Tierbestände, etwa Kühe. „Wir selbst setzen Homöopathie ein“, sagt Weber. „Die Gabe erfolgt entweder in Globuli-Form oder per Sprühflasche durch Aufsprühen auf die Schleimhäute im Maul der Tiere.“ So würden beispielsweise Kälber versorgt, die Fruchtwasser geschluckt hätten, nennt die Leiterin ein Einsatzgebiet für Globuli.
Die Mittelgabe werde streng dokumentiert und erfolge nur in Absprache mit dem betreuenden Tierarzt. Über ihn würden die Homöopathika auch bezogen. Die Mittel sind in Deutschland apothekenpflichtig. „Bei schwerwiegenden Erkrankungen setzen wir nicht nur auf Homöopathie. Die Tiere bekommen die Medikamente, die sie benötigen.“
Genau hier mag einer der Vorteile der Globuli für Landwirte liegen: Tiere, die beispielsweise mit Antibiotika behandelt worden sind, dürfen für eine gewisse Zeit nicht an einen Schlachthof geliefert werden. Solche Sperren gelten für Globuli nicht, da keine Rückstände im Fleisch zu vermuten sind. „Homöopathische Mittel können ein Beitrag dazu sein, weniger Antibiotika in der Tierhaltung zu geben. Das ist unsere Erfahrung“, sagt Weber.
Heißt das, die Tiere leiden, weil ihnen notwendige Medikamente verwehrt werden und stattdessen Globuli verabreicht werden? Nein, stellt die LBZ-Leiterin klar. Die Grenzen homöopathischer Anwendungen würden klar aufgezeigt. „Unabhängig davon, wie man nun die Frage der Wirkung bewertet: Die Kurse schulen das Sehen. Tierhalter lernen, woran sie erkennen, dass es ihren Tieren vielleicht doch nicht so gut geht, wie es den Anschein macht.“
Das ist eigentlich der einzige Punkt, den viele Kritiker der Homöopathie in der Tierhaltung zu Gute halten. Es wird genauer aufs Tier geschaut und die Signale gedeutet. Bei Kühen beispielsweise ist oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dass die Tiere leiden. Sie zeigen Schwächen nicht. Die Kurse, so das Pro-Argument, sensibilisierten die Teilnehmer.
In der EU-Öko-Verordnung, die auch die Haltung von Bio-Tieren regelt, sind Homöopathika übrigens extra als Mittel der Wahl aufgeführt. Sie, so legt die Formulierung nahe, sind wirksamen Medikamenten sogar zunächst einmal vorzuziehen.
Darauf verweist auch Kursleiterin Christiane Gromöller auf Nachfrage. Sie selbst nennt ihre Tätigkeit „Tierheilpraktikerin“ und doziert zu diversen Tierarten. Auf ihrer Internetseite heißt es vollkommen korrekt: „Ich muss aus rechtlichen Gründen darauf hinweisen, dass diese Therapieform schulmedizinisch nicht anerkannt ist. Wissenschaftliche Beweise für Wirkung und Wirksamkeit liegen derzeit nicht vor.“
Die aktuelle Aufregung ist auch für Gromöller nichts Neues. „Es kommt immer mal wieder zu kleineren oder größeren Shitstorms. Deswegen ist noch kein Vortrag abgesagt worden.“