Hamburg
Streit um NS-Infozentrum in Hamburg ist vom Tisch
Eine Ausstellung zu NS-Verbrechen in enger Nachbarschaft zu einem Unternehmen, dessen Vorgänger zu den Profiteuren des Dritten Reichs gehörten? Unvorstellbar, fanden Opferverbände – und haben sich nun durchgesetzt.
Der Streit um das NS-Dokumentationszentrum Hannoverscher Bahnhof ist beigelegt. Die Dauerausstellung zur Deportation Hamburger Juden wird nun ein eigenes Gebäude am Lohsepark in der Hafencity erhalten. Genau dort, wo einst der Hannoversche Bahnhof lag, von dem aus die Nazis zwischen 1940 und 1945 mehr als 8000 Juden sowie Roma und Sinti auf die Todesreise in die Vernichtungslager schickten.
Darauf haben sich Stadt, NS-Opferverbände und der Bauherr jetzt verständigt. Ursprünglich sollte das Zentrum denk.mal Hannoverscher Bahnhof gleich nebenan ins Erdgeschoss eines privat finanzierten Bürogebäudes der Müller-Spreer AG einziehen. Als bekannt wurde, dass die Wintershall Dea AG die Büros darüber angemietet hat, liefen Roma und Sinti, das Auschwitz-Komitee, die Jüdische Gemeinde sowie der Initiative Stolpersteine Sturm. Keinesfalls wollten sie mit dem Nachfolger-Unternehmen ehemaliger Nazi-Profiteure unter einem Dach unterkommen.
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Denn die Vorgängerfirmen vom Wintershall DEA waren Teil der NS-Kriegsindustrie, beuteten im Dritten Reich Zwangsarbeiter aus. Massive Kritik an der unguten Nachbarschaft kam unter anderem von Esther Bejarano, Hamburgs bekanntester Holocaust-Überlebenden, die im Juli 2021 gestorben ist.
Als sicher kann gelten, dass auch Bejarano die räumliche Trennung gutheißen würde. Im März 2021 hatte Kultursenator Carsten Brosda (SPD) alle Beteiligten zu einem Mediationsverfahren zusammengeholt, die Leitung übernahm die Präsidentin des Hamburgischen Verfassungsgerichts, Birgit Voßkühler.
In den Gesprächen habe sich zeigt, dass in der bisherigen Konstellation keine Lösung möglich gewesen sei, teilte die Kulturbehörde am Montag mit. Die Verfolgtenverbände schlugen einen alternativen Standort vor, und dem stimmte die Müller-Spreer AG als Projektentwickler schließlich zu.
Investor bezahlt den Neubau
Das Unternehmen will nun auf eigene Kosten für das Dokumentationszentrum ein alleinstehendes, zweigeschossiges Gebäude errichten und an die Stadt übergeben. Gebaut werden soll auf einem städtischen Grundstück an der Ericusbrücke am nördlichen Ende des Lohseparks. Im Neubau ist auch Platz für Seminarräume, Arbeitsräume und Verkehrsflächen.
Die öffentliche Hand zahlt den Innenausbau und den Einbau der von der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte erarbeiteten Ausstellung. Allerdings verzögert sich die für 2023 vorgesehene Eröffnung auf 2026.
Die Beteiligten des Vermittlungsprozesses zeigten sich durchweg hochzufrieden. Kultursenator Brosda: „Die Lösung bietet die Chance, dass Gedenken an diesem für Hamburg so wichtigen und zentralen Ort zu stärken und so die öffentliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen zu fördern, die, wie es in der Ausstellung heißt, in aller Öffentlichkeit begangen wurden.“
Bei den Opferverbänden mischte sich in die Freude aber auch Kritik. Helga Obens vom Auschwitz-Komitee mahnte: „Zukünftig erwarten wir, dass Politik und Senat die Entscheidung über die Hamburger Erinnerungskultur nicht mehr an private Investoren delegieren.“