Osnabrück

Vegan im Trend: Das sagt der Bauernpräsident zu Veganuary und Hanf

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 17.01.2022 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bauernpräsident Joachim Rukwied macht der Trend hin zur veganen Ernährung keine Sorgen. Er sieht darin viel mehr Chancen für Landwirte. Foto: imago images/photothek
Bauernpräsident Joachim Rukwied macht der Trend hin zur veganen Ernährung keine Sorgen. Er sieht darin viel mehr Chancen für Landwirte. Foto: imago images/photothek
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Die Werbung quillt über mit dem „Veganuary“ - dem fleischfreien Januar. Muss das den Bauern Angst machen? Bauernpräsident Joachim Rukwied im Interview über den Vegan-Trend, bessere Tierhaltung und Hanfanbau.

Herr Rukwied, in der Werbewelt wird der Veganuary gefeiert - der Januar ohne Fleisch. Macht Ihnen, als Interessenvertreter der Tierhalter in Deutschland, so eine Anzeigenflut eigentlich Angst?

Im Gegenteil. Der Trend hin zu vegetarischen oder veganen Lebensmitteln ist auch eine Chance für Landwirte. Es sind ja wir Bauern, die die Rohstoffe für die Ersatzprodukte anbauen. Landwirte sind jetzt in den Anbau beispielsweise von Kichererbsen eingestiegen oder planen das für die Zukunft. Aus den Kichererbsen werden auch vegane oder vegetarische Produkte hergestellt. Wir liefern nachhaltige, heimische Rohstoffe, die zu trendigen Lebensmitteln verarbeitet werden.

Das klingt ja fast, als hätten Sie die Tierhaltung abgeschrieben.

Nein! Neun von zehn Verbrauchern sind Flexitarier, essen also gerne Fleisch. Der Fleischkonsum in Deutschland ist leicht rückläufig, er bricht aber nicht ein. Fleisch steht weiterhin bei der Mehrheit der Verbraucher fest auf dem Speiseplan ungeachtet des Vegantrends. Beim Fleisch gibt es den Trend zu hochwertigen Produkten.

Ist das nicht ein Problem für die deutsche Tierhaltung, der ja eher der Ruf anhaftet, Massenware zu produzieren?

Das stimmt so nicht. Wir sind beim Thema Tierwohl schon jetzt viel weiter als noch vor einigen Jahren. Jedes vierte Mastschwein in Deutschland wird in einem Tierwohl-Stall gehalten, weil der Bauer an der „Initiative Tierwohl“ teilnimmt. Das heißt fürs Tier: mehr Platz, Beschäftigungsmöglichkeiten und so weiter. Weltweit ist die Tierhaltung in Deutschland im Spitzenfeld.

Da sagen viele Kritiker, die paar Quadratzentimeter mehr im Stall reichten nicht. Und auch die politisch diskutieren Umbaupläne für die Tierhaltung gehen deutlich weiter.

Der Umbau der Tierhaltung ist ein Stückweit die Möglichkeit, sich als Tierhalter neu zu erfinden. Die Bauern sind bereit dafür. Aber es kommt auch auf die Verbraucher an, die bereit sein müssen, den höheren Preis für mehr Tierwohl zu zahlen. Noch wichtiger ist aber, damit der Umbau klappt: Die Politik muss entscheiden, wie das Ganze finanziert werden soll und zügig einen Finanztopf schaffen. Der Umbau kostet etwa vier Milliarden Euro im Jahr. Das Geld brauchen wir.

Wo soll das Geld herkommen? Ideen gibt es ja: Den reduzierten Mehrwertsteuersatz streichen, eine Art EEG-Umlage, eine Verbrauchssteuer…

Das ist für uns sekundär. Hauptsache, das Geld kommt auch bei den Tierhaltern an.

Und die wollen wirklich noch umbauen? Gefühlt befindet sich die Tierhaltung doch seit Jahren in einer Niedrigpreiskrise. Kürzlich warnte Niedersachsens Agrarministerin schon vor dem Aus der Tierhaltung in Deutschland.

Ich mache mir Sorgen um den Fortbestand der Tierhaltung in Deutschland. Gerade im Schweine- und Rinderbereich haben die Zahlen der Betriebsaufgaben nichts mehr mit einem normalen Strukturwandel zu tun, welcher in der Regel im Generationswechsel begründet ist. Wir erleben derzeit einen Strukturbruch. Die Betriebe geben reihenweise auf. Die Tierzahlen sind so niedrig wie seit Jahren nicht mehr. Wenn wir uns dann die Entwicklung beispielsweise in Spanien anschauen, sehen wir: Was hier in Deutschland aufgegeben wird, wird andernorts zusätzlich aufgebaut. Es ist doch nicht wirklich nachhaltig, in Deutschland Fleisch aus Spanien zu kaufen. Um so wichtiger ist es daher, schnell mit dem Umbau der Tierhaltung hierzulande zu beginnen.

Welche Rolle spielt der Handel? Agrarminister Özdemir sprach sich ja kürzlich gegen Ramschpreise für Lebensmittel aus.

Es ist doch derzeit so: Die Preise beispielsweise für Fleisch haben sich im Supermarkt kaum verändert, auch wenn die Preise, die Bauern erhalten, desaströs niedrig sind. Damit Tierhaltung in Zukunft überhaupt noch Sinn macht, brauchen die Bauern bessere Erzeugerpreise. Der Landwirt legt bei jedem Mastschwein, bei jedem Ferkel oben drauf. Ich setze da sehr auf die Zentrale Koordinierungsstelle Handel-Landwirtschaft und auf die Gespräche mit dem Handel. Wir wollen und brauchen gemeinsame Lösungen, um die Landwirtschaft im Deutschland zu erhalten.

Konterkariert der Handel solche Gespräche nicht, wenn er einseitig ankündigt, etwa nur noch Milch zu verkaufen, die nicht aus Ställen kommt, in denen Kühe angebunden werden?

Unsere Betriebe brauchen eine Perspektive. Ohne Perspektive keine Weiterentwicklung, sondern Aufgabe. Das muss auch für den Bauernhof im Allgäu gelten.

Auch dann, wenn dort die Kühe das ganze Jahr über angebunden im Stall stehen?

Langfristig gesehen hat eine ganzjährige Anbindehaltung weder für das Tier noch für den Bauern eine Zukunftsperspektive. Aber für solche Höfe, die den Weidegang im Sommer mit einer Anbindehaltung im Winter kombinieren, brauchen wir eine Lösung.

Im Ampelkoalitionsvertrag steht, die Anbindehaltung soll binnen zehn Jahren beendet werden.

Für die ganzjährige Anbindehaltung ist das ein realistisches Zeitfenster. An der Kombinationshaltung sollten wir allerdings festhalten. Die muss weiter möglich bleiben. Das sind oftmals ja gerade die Betriebe, die im Sommer die Tiere auf die Alm schicken und so auch das Landschaftsbild prägen.

Die Verwerfungen auf den Energiemärkten haben ebenfalls Auswirkungen auf die Landwirtschaft. Wie ist die Lage?

Die wirtschaftliche Lage ist weiterhin angespannt, bei den Schweinehaltern desaströs. Hinzu kommt, dass wir uns derzeit ein stückweit im Blindflug befinden: Stickstoff-Dünger ist im Preis um 300 Prozent gestiegen. Sofern überhaupt noch Ware zu bekommen ist. Momentan kann niemand realistisch sagen, ob der Preis noch weiter steigt. Und auch die Steigerungen beim Diesel schlagen stark zu Buche. Futter im Zukauf ist ebenfalls teurer. Auch das belastet natürlich gerade die krisengebeutelten Betriebe mit Tierhaltung.

Eines der Prestigeobjekte der neuen Bundesregierung ist die Cannabis-Legalisierung. Ist der Hanfanbau für deutsche Landwirte, wenn er denn legalisiert wird, eine Option?

Der Hanfanbau ist unter deutschen Ackerbauern ein hippes Thema. Es wird viel und intensiv drüber diskutiert. Der eine oder andere hat sich schon eingelesen, wie das funktionieren kann mit dem Hanf.

Herr Rukwied, der Bauernverband ist neben der katholischen Kirche die vielleicht männlichste Institution in Deutschland. Bleibt das so?

Nein. Wir wollen die Satzung dahingehend ändern, dass kurzfristig der Vorstand um eine Vize-Präsidentin erweitert wird. Ich gehe davon aus, dass wir bei der nächsten Mitgliederversammlung die Änderung beschließen und dann im Herbst eine Vize-Präsidentin haben. Das ist für mich wirklich eine Herzensangelegenheit. Wir müssen weiblicher werden, auf Bundesebene aber auch in den Ländern.

Wird Ihr Nachfolger im Amt also erstmals eine Bauernpräsidentin?

Das ist gut möglich. Letztlich entscheiden aber die Delegierten auf dem entsprechenden Bauerntag. Ich jedenfalls kann mir gut vorstellen, das Amt an eine Bauernpräsidentin zu übergeben.

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