Aurich

Mehr Umweltschutz soll es sein – nur nicht überall

Heino Hermanns
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Von Heino Hermanns
| 16.01.2022 08:56 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Falkenhütte im Allgäu haben viele Ostfriesen bereits besucht – die Zahl der Anmeldungen sinkt aber. Foto: privat
Die Falkenhütte im Allgäu haben viele Ostfriesen bereits besucht – die Zahl der Anmeldungen sinkt aber. Foto: privat
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Jugendliche fordern seit Jahren mehr Klimaschutz. Bei der praktischen Umsetzung kommen sie aber auch an ihre Grenzen. Auch in Aurich.

Aurich - Mehr Umwelt- und Klimaschutz wird seit einigen Jahren vor allem von Jugendlichen gefordert. Seit 2019 gibt es die Demonstrationen von „Fridays for Future“, fast ebenso lange zieht auch „Aurich for Future“ regelmäßig vor das Auricher Rathaus, um für ihre Interessen einzutreten. Im Gymnasium Ulricianum gab es nun aus den Reihen der Schülerschaft den Vorschlag, künftig bei Kurs- und Klassenfahrten auf Flugreisen zu verzichten. Das bestätigt Schulleiter Rüdiger Musolf auf ON-Anfrage. Im Schulvorstand, dem neben Lehrervertretern auch Eltern und Schüler angehören, sollte ein neues Fahrtenkonzept erarbeitet werden. Ausnahmen vom angeregten Flugverbot sollte es nur noch für Sprachreisen etwa in die USA geben. „Aber ein Politikkurs kann auch mit dem Zug nach Brüssel fahren“, so Musolf, der von der Idee ganz angetan ist.

Schulvorstand lehnt Flugverbot ab

Aber es kam anders: Einstimmig, inklusive der Schülervertreter, entschied der Schulvorstand, dass Kurse und Klassen auch künftig das Flugzeug nutzen dürfen, unabhängig von der Strecke, die zurückgelegt werden muss. „So weit sind wir offenbar noch nicht“, sagt Musolf zu dem Abstimmungsergebnis. Es spiegelt seiner Ansicht nach auch die Gesellschaft wider. „Die Schule ist nun einmal ein Mikrokosmos, in dem sich alle Facetten wiederfinden.“ Er erinnert sich in dem Zusammenhang an einen Aufenthalt in Berlin, bei dem er eine Demonstration für mehr Klimaschutz miterlebt habe. Am Ende seien etliche Teilnehmer mit ihren Schildern von der Demo in das nächste Fastfood-Restaurant gelaufen. Wunsch und Wirklichkeit passten auch dort nicht zusammen.

Abgesagt wurden in dieser Woche die Fahrten von rund 600 Jugendlichen aus dem Landkreis Aurich in den Landkreis Oberallgäu, nach Steibis. Zum Abfahrtski sollte es gehen. Die Absage erfolgte aber nicht, weil Umweltverbände immer wieder darauf hinweisen, wie schädlich für die Natur diese Sportart ist. Ausschließlich wegen der Corona-Pandemie kann Steibis in diesem Jahr nicht angefahren werden.

Ist Abfahrtski noch zeitgemäß?

Musolf kann diese Absage nicht nachvollziehen. Die Schüler wären schließlich als geschlossene Gruppe zur Falkenhütte gefahren und hätten während des Aufenthalts auch keinen Kontakt zu anderen gehabt. Dennoch sagt der Leiter des Ulricianums, dass die Skifreizeiten hinterfragt werden müssten. „Ist Steibis noch zeitgemäß?“, fragt Musolf. Er selbst hat einen Besuch in einem Abfahrtsgebiet in den Dolomiten im Sommer 1986 in Erinnerung. Die Gegend habe ohne Schnee einer Mondlandschaft geglichen. Daher müsste bei der Entwicklung des neuen Fahrtenkonzepts am Gymnasium auch über solche Erwägungen gesprochen werden.

Schulleiter Rüdiger Musolf denkt, dass man generell über Skifreizeiten nachdenken müsste. Foto. Heino Hermanns
Schulleiter Rüdiger Musolf denkt, dass man generell über Skifreizeiten nachdenken müsste. Foto. Heino Hermanns

Organisiert werden die Skifreizeiten über den Landkreis Aurich. Dieser ist stolz auf sein Engagement, dass bereits seit 48 Jahren besteht. Zum Ausdruck kam das unter anderem beim Besuch von Landrat Olaf Meinen in Bayern. Kurz nach seinem Amtsantritt machte Meinen sich im Februar 2020 auf den Weg zum Berggasthof Falkenhütte. Im ON-Interview sagte er nach seinem Steibis-Aufenthalt, dass er auf jeden Fall daran festhalten wolle.

Zahl der Teilnehmer bei Skifreizeiten sinkt

Angesprochen auf die Umweltproblematik in Abfahrt-Skigebieten gibt es von der Auricher Kreisverwaltung zwei Jahre später lediglich ein knappes Statement von Sprecher Rainer Müller-Gummels. „In diesem Zusammenhang sei nur darauf hingewiesen, dass in dem genutzten Skigebiet kein Massentourismus stattfindet, sondern die Nutzung auf die dort untergebrachten Gruppen beschränkt ist“, so Müller-Gummels. Die Frage, ob der Kreis sein Engagement im Allgäu nicht überdenken sollte, wird nicht beantwortet. Dabei ist der Zuspruch zu den Skifreizeiten in den vergangenen Jahren gesunken. Wurden früher über 1000 Jugendliche ins Allgäu gefahren, so waren es laut einer Beschlussvorlage der Kreisverwaltung zuletzt nur noch 550. Ein Tiefpunkt wurde 2017 erreicht. Nur 264 Jugendliche wollten damals nach Steibis. In diesem Jahr sollten es 600 sein, für die rund 40.000 Euro Zuschuss hätten gezahlt werden müssen.

Der generelle Verzicht auf Flugreisen zugunsten der Bahn wurde im Gymnasium Ulricianum abgelehnt. Foto: DPA
Der generelle Verzicht auf Flugreisen zugunsten der Bahn wurde im Gymnasium Ulricianum abgelehnt. Foto: DPA

Von den Sprechern der „Aurich for Future“-Bewegung war auf Anfrage keine Stellungnahme zu erhalten. Tex Stoffers, Sprecher der Grünen Jugend Aurich, lehnt auf ON-Anfrage strikte Verbote sowohl bei Flugreisen als auch bei Skifreizeiten ab. Man müsse sich beim Skifahren immer damit auseinandersetzen, wie umweltverträglich der jeweilige Skiort ist. „Wird Kunstschnee verwendet, der die Alpen austrocknet? Gibt es in der Nähe Tierschutzgebiete?“ Das seien Ausschlusskriterien. Es gebe aber durchaus nachhaltige Skigebiete. Ob das auf Steibis zutreffe, könne er nicht beurteilen. Generell findet der Schüler des Ulricianums das Angebot des Landkreises aber sehr gut.

Tex Stoffers ist Sprecher der Grünen Jugend Aurich. Foto: Heino Hermanns
Tex Stoffers ist Sprecher der Grünen Jugend Aurich. Foto: Heino Hermanns

Auch Flugreisen mag Stoffers nicht generell verteufeln. Nur innerhalb Deutschlands schließt er das Flugzeug als Klassenfahrt-Transportmittel strikt aus. Sprachreisen nach Spanien oder Geschichtsreisen nach Rom jedoch würden mit dem Bus eben doch sehr lange dauern. Unterschätzt werde die Bahn. Das Problem könne da aber sein, dass es für die Lehrkräfte ein erhöhter Aufwand sei, in einem Zug die Schüler zusammenzuhalten. Ausnahmen vom Flugverbot hätte es ja aber für bestimmte Kurse geben sollen. Dennoch hat der Schulvorstand den Vorschlag abgelehnt. Man ist wohl wirklich noch nicht so weit.

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