Aurich
Berufsbildende Schulen setzen bei hohem Krankenstand auf individuelle Konzepte
Handreichungen aus dem Kultusministerium sollen Schulleitern helfen, wenn es wegen Omikron zu Personalengpässen kommt. Doch die beiden berufsbildenden Schulen in Aurich wählen einen anderen Weg.
Aurich - Gewerkschafts- und Elternvertreter sowie Lehrkräfte hatten sich Notfallpläne für die Schulen vom Kultusministerium gewünscht. Nur so könne sichergestellt werden, dass bei hohen Kranken- und Quarantäneständen dennoch möglichst viele Schüler mit Unterricht versorgt werden können. Kultusminister Grant Hendrik Tonne hat jetzt einen Handlungsrahmen an die Schulen in Niedersachsen verschickt. Allerdings bleibt dieser recht vage. Mit Hilfe von zwei verschiedenen Stufen werden allgemein- und berufsbildenden Schulen Optionen an die Hand gegeben. Oberstes Ziel ist es dabei, möglichst lange den Präsenzunterricht aufrecht zu erhalten.
Beispielsweise schlägt die Handreichung vor, an berufsbildenden Schulen Doppelbesetzungen aufzulösen und Lerngruppen zusammenzulegen. Vorher sollten die schuleigenen Vertretungskonzepte ausgeschöpft sein. „Angesichts der Fülle unserer Ausbildungsberufe sind meine Lehrkräfte mit einer hohen Fachkompetenz versehen und nicht universell einsetzbar“, merkt Uwe Biermann als Schulleiter der BBS 2 in Aurich an. Zum Verschieben einzelner Stunden sei die Personaldecke an großen berufsbildenden Schulen zu gering. Denn es fehle an Nachwuchs. Schon offene Stellen zu besetzen, gelinge nicht immer, auch wenn es keine Unterversorgung an seiner Schule in Aurich gibt. Deshalb gehen für Biermann die Empfehlungen aus Hannover etwas an der Realität vorbei.
Distanzunterricht nur eine Option
Der Schulleiter möchte lieber individuell auf Situationen reagieren können. Er und seine Kollegen hätten mit dem Distanzunterricht in den drei Tagen vor Weihnachten gute Erfahrungen gemacht. Das Lernen auf Distanz habe gut geklappt, zudem habe er von keinem gehört, der über die Weihnachtstage schwer erkrankt ist. „Genau das wollten wir für unsere Schüler erreichen“, sagt Biermann. Obwohl er das Distanzlernen vor Weihnachten als richtige Entscheidung bezeichnet, möchte er in der Regel gerne darauf verzichten. 96 Prozent des Kollegiums seien geimpft, ein Großteil auch schon geboostert. Daher rechne er mit keinen allzu großen Ausfällen. Im Moment sind 20 Schüler vorsichtshalber in Quarantäne, um ein PCR-Testergebnis abzuwarten.
Der Schulleiter der BBS 2 geht davon aus, den Präsenzunterricht so lange wie möglich aufrechtzuerhalten. Sollte jedoch eine größere Anzahl an Lehrkräften oder Schülern einer Lerngruppe erkranken, sei der Distanzunterricht eine Option. Er schätze seine über 100 Kollegen so ein, dass sie im Ernstfall auch erkrankt oder unter Quarantäne von zu Hause unterrichten würden. Gleichzeitig appelliert Biermann an die Eigenverantwortung seiner Schüler.
BBS 1: Lehrkraft unterrichtet aus der Quarantäne
Die jungen Erwachsenen könnten durch das Einhalten von markierten Abständen wesentlich zur Sicherheit beitragen. Ihn erreichen immer mal wieder anonymisierte einzelne Beschwerden. So war eine Mutter und Leserin der ON in Sorge, dass die Schüler sich alle in der „unbelüfteten Pausenhalle“ aufhalten müssen, anstatt ihre Klassenräume für Pausen nutzen zu dürfen. Dies begründet Uwe Biermann auf Nachfrage jedoch mit der Aufsichtspflicht. So wäre es unverantwortlich, die Schüler bei geöffneten Fenstern im vierten Stock in den Klassenräumen alleine zu lassen. Die Pausenhalle hingegen sei genau wie der Hof gut einzusehen. Die Türen nach draußen stehen offen, jeder könne frische Luft schnappen.
An der BBS 1 in Aurich ist derzeit eine Lehrkraft in Quarantäne, da ihre Familie an Corona erkrankt ist. Da sie selbst gesund sei, unterrichte sie ihre Klasse von zu Hause, sagt Schulleiter Wilhelm Mammen. Auch ein erkrankter Schüler habe die Möglichkeit, sich per Kamera in die Schule einzuwählen und am Unterricht aus der Ferne teilzunehmen. „Ich sehe die Situation im Moment nicht so dramatisch. Die Schüler haben ihre Erfahrungen mit Distanzunterricht gesammelt, das klappt in der Regel ganz gut“, sagt Wilhelm Mammen. Er ist froh, dass es keine neue Verordnung aus dem Ministerium gab, sondern lediglich Handreichungen. „Ich passe die Maßnahmen lieber an unsere Bedürfnisse an und entscheide selber“, so der Schulleiter. Quarantäne alleine entbinde niemanden vom Unterricht - weder Lehrkräfte noch Schüler. Wer kein Endgerät hat, kann es sich in der Schule ausleihen. Wo der Internetanschluss nicht ausreicht, können gesunde Schüler in ein Open Learning Center an der BBS 1 kommen und dort ihre Aufgaben erarbeiten.
Eine Krankenquote von zehn Prozent sei gerade im Winter schnell erreicht, berichtet Mammen von seinen Erfahrungen. Sollten jedoch 20 Prozent seiner etwa 100 Lehrkräfte ausfallen, müsse er vermehrt ins Distanzlernen übergehen. Doch durch die inzwischen ausgebaute Infrastruktur sollte auch dies kein Hindernis darstellen.