Osnabrück

Molière: Theaterdichter und genialer Allrounder des Entertainments

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 14.01.2022 10:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Jean Baptiste Poquelin, alias Moliere 1622-1673. Foto: imago stock&people Foto: imago stock&people
Jean Baptiste Poquelin, alias Moliere 1622-1673. Foto: imago stock&people Foto: imago stock&people
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Lachen ist die beste Möglichkeit, sich von Problemen nicht den Mut rauben zu lassen: Andrea Grewe, Romanistin an der Universität Osnabrück, erklärt, warum Molière heute wichtig ist.

Er hat nicht nur berühmte Theaterstücke geschrieben, sondern war ein Allrounder des Entertainments seiner Zeit: Andrea Grewe, Professorin für Romanistik an der Universität Osnabrück, erklärt das Phänomen Molière, der am 15. Januar 1622, also vor 400 Jahren, in Paris getauft wurde.

Molière hieß eigentlich gar nicht Molière, sondern Jean-Baptiste Poquelin. Wie kam es dazu, dass er sich als junger Mann Molière nannte?

Der Grund dafür war, dass der junge Künstler mit seiner bürgerlichen Herkunft gebrochen hat. Der Vater war tapissier du Roi, also ein Innenausstatter des Hofes. Molière sollte ihm folgen. Der Vater hatte schon versucht, ihm dieses Amt zu reservieren. Aber Molière hatte ganz andere Interessen. Er wollte zum Theater. Es heißt, dass der Großvater ihn schon als Jungen zu Aufführungen wandernder Theatertruppen mitgenommen haben soll. Molière kam schon in ganz jungen Jahren mit der Bühne in Berührung. Ein Onkel spielte als Violinist in der Kapelle des Königs mit. Beziehungen zur Kultur und zum Hof gab es also schon früh. Hier weiterlesen: Mit Molière lachen wir über Tyrannen und Schwurbler.

Er ist jahrelang mit einer Theatertruppe durch Frankreich gezogen. War das Molières eigentliche künstlerische Schule?

Diese Wanderjahre durch die Provinz waren entscheidend für seine Entwicklung. In dieser Zeit hat er sich auch zum Theaterautor entwickelt. Im Gegensatz zu anderen Autoren der französischen Klassik wie Corneille und Racine war Molière eben auch Schauspieler, der die zentralen Rollen seiner Stücke selbst auf der Bühne gespielt hat. Er hat die Theatertruppe auch geleitet. In den Wanderjahren in der Provinz hat er sein Metier eigentlich gelernt und auch verstanden, wie man das Publikum fasziniert. Molière hatte allerdings auch in dieser Zeit schon einflussreiche adlige Mäzene und spielte vor einem gebildeten Publikum.

Molière hat Komödien geschrieben, sein Theater geleitet und die Hauptrollen auch noch selbst gespielt. War er ein Allrounder des Entertainments seiner Zeit?

Sicherlich. Sein Theater war ja nicht nur reines Sprechtheater. Molière hat mit Jean-Baptiste Lully, dem großen Komponisten am Hof Ludwigs XIV., kooperiert und mit ihm die comédies-ballets, die Ballettkomödien, konzipiert. Das war eine frühe Form der komischen Oper. In diesem Sinn nahm Molière auch an dem ersten großen, dreitägigen Fest teil, das Ludwig XIV. 1664 in Versailles veranstaltet hat. An diesem Gesamtkunstwerk mit nächtlicher Illumination des Gartens, Theater, Musik und Feuerwerk haben eine ganze Reihe von Künstlern mitgearbeitet - Molière auch.

Molière genoss die Privilegien des Sonnenkönigs Ludwig XIV. War seine Theaterkunst ein Teil des politischen Machtsystems?

Es gab in der Tat eine deutliche Nähe seines Theaters zum König und dessen Politik. In zahlreichen Stücken Molières treten Repräsentanten des Königs auf, die den Konflikt, in den sich die Figuren verstrickt haben, am Ende lösen. Das gilt vor allem für den „Tartuffe“. Der Vertreter der Regierungsgewalt richtet es am Ende. In diesen Stücken stecken viele politische Anspielungen. Im „Tartuffe“ und in der „Schule der Frauen“ nimmt Molière Bezug auf die Fronde, den letzten großen Aufstand des Hochadels gegen die Monarchie. Molière tritt in seinen Stücken dafür ein, dass der König diese kompromittierten Mitglieder der Gesellschaft mit Gnadenerweisen wieder integriert. Es geht darum, einen gesellschaftlichen Frieden zu stiften. Gerade in seinen ersten Schaffensjahren in Paris hatte Molière in dieser Weise eine große Nähe zu Ludwig XIV.

Über Molières berühmte Figuren wie Tartuffe, den Menschenfeind oder den Geizigen können wir nicht immer nur lachen. Sie sind allesamt auch kleine Tyrannen. Was lehren uns diese Charaktere?

Es sind nicht nur kleine, sondern auf ihre Art auch große Tyrannen. Nehmen wir den Arnolphe aus der „Schule der Frauen“, einen verbohrten Anhänger männlicher Überlegenheit, der von den Frauen Unterwerfung erwartet. Viele Zeitgenossen werden diese Haltung geteilt haben. Aber Molières Theater unterwandert solche autoritären Strukturen. Es richtet sich gegen Machthierarchien. Viele Protagonisten seiner Stücke sind auf solche Strukturen fixiert. Molière aber untergräbt ihren Machtanspruch, indem er zeigt, dass er nur die Kehrseite ihrer eigenen Ängste ist. Dieser Gesichtspunkt ist sicher weiter für uns heute interessant.

Gäbe es das heutige Theatersystem und unsere Vorstellung von Theater ohne Molière?

Molière hat die moderne Komödie entscheidend vorangebracht. Er ist der Autor, der mit dem jugendlichen Liebespaar und dem sie störenden Alten die Grundstruktur dieser Komödie geprägt hat. Molière hat das Augenmerk auf diesen Störenfried gerichtet und damit jene Haltungen in den Blick genommen, die den sozialen Fortschritt zu hemmen versuchen. Er hat damit Missstände und Fehlentwicklungen kritisiert. Molière hat damit nicht nur das französische, sondern auch das europäische Theater tief und folgenreich geprägt.

Louis de Funès hat 1980 einen Film herausgebracht, der in der deutschen Version „Louis, der Geizkragen“ heißt. Eine gelungene Adaption von Molières „Der Geizige“?

Mit Louis de Funès konnte ich lange Zeit nichts anfangen. Dieser Film ist an mir vorbeigegangen. Vielleicht passt seine Spielweise mit seinen Grimassen sogar ganz gut zu der Art, wie Molière seinen „Geizigen“ gespielt hat. Für mich ist der Film von Ariane Mnouchkine über Molière von 1978 viel wichtiger. Die Regisseurin entfaltet ein gewaltiges Panorama der Kultur des 17. Jahrhunderts. Gerade dieser Film zeigt, welch einen Klassiker Molière als Identifikationsfigur heute noch darstellt. Der Film Mnouchkines ist gerade in restaurierter Form wieder publiziert worden - ein Beitrag zu den Feierlichkeiten in Frankreich zum 400. Geburtstag Molières.

Mit Molière lachen wir über die Alten und Griesgrämigen, die Intriganten und Ideologen. Macht uns gerade das Molière heute wertvoll?

Auf jeden Fall. Lachen ist die beste Möglichkeit, um sich nicht von Problemen völlig den Mut rauben zu lassen, auch vom Tod nicht. Molière hat diese Haltung vorgelebt. Seine Stücke haben einen hohen komödiantischen Wert. Nicht umsonst zählt er auch heute noch zu den meistgespielten Dramatikern auf deutschen Bühnen.

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