Osnabrück

Holt-Prozess: Postraub, helle Köpfchen und jede Menge Fragen

Nina Kallmeier
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Von Nina Kallmeier
| 11.01.2022 17:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Prozess gegen Windkraftbetrüger Hendrik Holt, seine Mutter, Schwester, seinen Bruder und Finanzdirektor Heinz L. geht am Landgericht Osnabrück weiter. Foto: Swaantje Hehmann
Der Prozess gegen Windkraftbetrüger Hendrik Holt, seine Mutter, Schwester, seinen Bruder und Finanzdirektor Heinz L. geht am Landgericht Osnabrück weiter. Foto: Swaantje Hehmann
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Der Holt-Prozess am Landgericht Osnabrück geht weiter. Am Dienstag hat Finanzdirektor Heinz L. seine Aussage fortgesetzt. Was ein legendärer Postraub in England mit dem Fall zu tun haben könnte.

Nach heutigem Wert rund 67 Millionen Euro erbeutete eine Bande 1963 beim legendären Überfall auf einen Postzug im englischen Buckinghamshire. Um ganz so viel Geld geht es im Prozess gegen den Jungunternehmer Hendrik Holt, seine Mutter, Schwester, seinen Bruder und Finanzdirektor Heinz L. zwar nicht; die Unternehmerfamilie aus dem Emsland und L. sollen der Anklage zufolge internationale Energiekonzerne mit teils oder ganz gefälschten Windparkprojekten um rund zehn Millionen Euro betrogen haben.

Wie viel wusste Heinz L.?

Die Brücke, an der die englischen Räuber die Geldsäcke in die Fluchtfahrzeuge umgeladen haben - Mentmore Bridge - könnte Namenspatronin für eines der Projekte gewesen sein, mit dem die Holts und L. Energiekonzerne über den Tisch ziehen wollten. Das zumindest stellte Staatsanwalt Nils Leimbrock in den Raum, nachdem Heinz L. mitteilte, die Windparkprojekte, deren Namen er verantwortete, nach Brücken benannt zu haben.

Ist das ein Indiz dafür, dass L. um den mutmaßlichen Betrug Bescheid wusste? Am Dienstag hat der Finanzdirektor seine Aussage fortgesetzt. Eines hatte die erste Aussage kurz vor Weihnachten mit jener am zweiten Verhandlungstag des neuen Jahres gemeinsam: Zu den Kernpunkten der Anklage - dem mutmaßlichen Betrug sowie Hunderten gefälschten Unterschriften - verlor L. kein Wort. Seine Aufgaben fasste er im Wesentlichen so zusammen: Rechnungen zu stellen, Verträge zu verhandeln und auf die Zahlungseingänge zu schauen.

Angaben zu Vorwürfen der Anklage fehlen

Den fehlenden Fokus seiner Einlassung auf die Kernaspekte der Anklage merkte auch der Vorsitzende Richter der Wirtschaftskammer Norbert Carstensen am Ende des Prozesstags an. Zur wesentlichen Frage - hatte Heinz L. Kenntnis davon, dass Nutzungsverträge mit Landwirten nicht ganz korrekt zustande gekommen sind? - gebe es zum jetzigen Zeitpunkt zwei Versionen. Die Holt-Familienmitglieder hatten ausgesagt, dass die Fälschungen allen Beteiligten bekannt gewesen seien. Laut Richter könne man durch die Aussage von Heinz L. den Eindruck gewinnen, er habe von alledem nichts gewusst.

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Dabei gebe es - so Carstensen - aus der Telefonüberwachung, E-Mail-Verkehren und den bisherigen Zeugenaussagen durchaus Anhaltspunkte dafür, dass L. vom mutmaßlichen Betrug gewusst habe. „Einiges spricht dafür, ein Verdacht ist nicht von der Hand zu weisen.“

Was wird aus einem möglichen Deal für Heinz L.?

Hinsichtlich der Punkte, zu denen Heinz L. aussagte, unter anderem Vertragsverhandlungen mit Energiekonzernen, sei eines klar geworden: „Man hat den Eindruck, dass L. weiß, wovon er spricht und was er macht“, sagte Carstensen. Er sei ein „helles Köpfchen“, jemand, der sich rechtlich gut auskannte. Und es gebe Anhaltspunkte dafür, dass sich einer Person, die so den Durchblick habe, gewisse Probleme hätten aufdrängen müssen. Zum Beispiel nannte Carstensen die zeitlich eng aufeinander folgenden Vertragsunterzeichnungen mit dem italienischen Energiekonzern Enel und dem schottischen Unternehmen SSE im Jahr 2019 sowie den möglicherweise ähnlichen Projekten der jeweiligen Joint-Venture.

Trotz des fortgeschrittenen Prozesses machte Carstensen die Tür für einen Deal für Heinz L. nicht ganz zu. „Wenn noch eine geständige Einlassung käme, würden wird das berücksichtigen.“ Seitens der Holts sei dieses Schuldeingeständnis erfolgt, seitens des Finanzdirektors aus Sicht des Vorsitzenden Richters bislang nicht.

Der Prozess wird am 13. Januar fortgesetzt. Eine weitere Stellungnahme von Heinz L. wird am 25. Januar erwartet.

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