Osnabrück

Gebrauchtwagen so teuer wie nie: Lohnt sich der Kauf überhaupt noch?

Corinna Clara Röttker
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Von Corinna Clara Röttker
| 11.01.2022 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Coronakrise und der Chipmangel treiben die Preise für gebrauchte Autos in die Höhe. Foto: Christoph Hardt/ Imago Images
Die Coronakrise und der Chipmangel treiben die Preise für gebrauchte Autos in die Höhe. Foto: Christoph Hardt/ Imago Images
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Wegen der Corona-Krise und des Chipmangels sind gebrauchte Autos derzeit teils absurd teuer. Neuwagen haben zudem lange Lieferzeiten. Was also tun? ADAC-Experte Maximilian Bauer klärt auf.

Herr Bauer, Gebrauchtwagen sind im Zuge der Pandemie und des Chipmangels so teuer wie nie geworden. Lohnt sich da aktuell überhaupt noch ein Kauf? Oder sollte man nicht besser gleich einen Neuwagen nehmen?Es kommt darauf an, was für einen Gebrauchtwagen mit welcher Ausstattung man haben will. Ein wirkliches Schnäppchen kann man momentan tatsächlich nur schwer erzielen, da viel weniger Autos in den Markt gekommen sind, als sonst üblich. Es gibt Fälle, in denen sehr junge Gebrauchte genauso viel kosten wie ein entsprechender Neuwagen, der aber nur mit langer Lieferzeit verfügbar wäre. Da kann es dann durchaus Sinn machen, sich für einen Neuen zu entscheiden, der dann auch Garantie hat. Wobei es bei Neuwagen momentan wenig Rabatt gibt.

Und vorausgesetzt man hat als Käufer die Zeit und kann solange warten.Absolut, die Frage der Verfügbarkeit ist momentan ein großes Problem. Die Lieferzeiten für Neuwagen können derzeit bis zu einem Jahr betragen. Wohl dem, der zufrieden mit seinem Fahrzeug ist und derzeit nicht auf einen Wechsel angewiesen ist. Für viele Kunden, die aber jetzt ein Auto brauchen, heißt es: Nehmen, was da ist - und das ist dann unter Umständen ein relativ teurer Gebrauchter. An der Situation im Markt wird sich mittelfristig wohl auch nichts ändern, auch weil die fehlenden Neuwagen von heute in Zukunft auf dem Gebrauchtmarkt fehlen werden. Wer es also mit dem Gebrauchtwagenkauf nicht eilig hat, der sollte besser abwarten.

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Besonders teuer sind gerade Diesel. Wenn also Gebrauchtwagen, dann derzeit eher einen Benziner?Würde ich nicht sagen, da die Spritpreise aktuell sehr hoch sind und der Diesel in der Regel sparsamer ist. Deswegen ist er momentan auch so gefragt. Aber bevor Sie jetzt fragen: Grundsätzlich gibt es keine allgemeine Regel, wonach Dieselfahrer generell günstiger unterwegs wären als Fahrer eines Benziners. Vielmehr kommt es auf das gewünschte Modell, die jährliche Fahrleistung, die Anschaffungs- und laufenden Kosten sowie den Wertverlust des Wagens an. Heißt: Bei jedem Modell muss individuell geprüft werden, was sich eher rechnet.

Umgekehrt macht es jetzt vermutlich auch Sinn, das eigene Fahrzeug zu verkaufen und einen guten Preis abzustauben - vor allem, wenn es sich beim Kauf um einen Neuwagen gehandelt hat.Absolut. Wer ohnehin sein Auto verkaufen wollte, für den ist jetzt der ideale Zeitpunkt gekommen, einen guten Preis für seinen Gebrauchtwagen zu bekommen. Hier der Tipp: Eine frische Hauptuntersuchung bringt beim Verkauf nochmal richtig. Allerdings muss man anschließend auch ein anderes Fahrzeug kaufen können, wenn man Ersatz benötigt. Bei den aktuellen Preisen am Markt geht die Rechnung also nur auf, wenn man sich danach kein anderes Auto wiederkaufen muss.

Würden Sie überhaupt angesichts des großen Wertverlusts in den ersten Jahren den Kauf eines Neuwagens empfehlen?Einer normalen Privatperson nicht, da Gebrauchtwagen grundsätzlich einfach günstiger sind. Neuwagen sind eher für Unternehmen und Personen geeignet, die weniger aufs Geld schauen müssen, beziehungsweise die Anschaffung von der Steuer absetzen können. Ein Beispiel: Kostet ein Neuwagen im Schnitt 600 Euro im Monat inklusive Versicherung, Sprit etc., dann sind davon häufig 250 bis 300 Euro reiner Wertverlust. Bei einem Gebrauchten ist dieser Kostenfaktor viel geringer, so dass man in Summer viel billiger davonkommt.

Grundsatzfrage: Kauft man einen Gebrauchten besser beim Händler oder von privat?Bei einem privaten Verkäufer gibt es meistens das günstigere Auto, aber auch nicht mehr. Händler bieten dagegen eine gesetzliche Gewährleistung und häufig auch Garantien. Sie müssen eine Gewährleistung geben, wenn etwa das Auto nach kurzer Zeit defekt ist. Das kann sich bei einem Gebrauchtwagen lohnen, solange man an einen seriösen Verkäufer gerät.

Und woran erkennt man seriöse Händler?Es gibt beispielsweise Händler, die versuchen, ihre Pflichten zu entgehen. Oftmals nutzen sie dazu einen Trick, indem sie das Auto „im Kundenauftrag“ verkaufen. Das ist gesetzlich nicht verboten, der Händler tritt quasi als Vermittler auf. Doch das teilt er dem Kunden oft nicht mit, obwohl er das müsste. Vielen Verbrauchern ist das bei Vertragsunterschrift nicht klar. Deshalb sollte man immer den Verkäufer fragen, wer den Gebrauchtwagen anbietet und sich vergewissern, dass der Händler auch im Kaufvertrag steht. Anders ist es beim Privatverkäufer: Er muss beim Verkauf den Zustand des Autos nur nach bestem Wissen und Gewissen mit allen wichtigen Macken beschreiben.

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Welche Macken werden am häufigsten vertuscht?Das lässt sich nur schwer sagen. Aber sicherlich sind Tricksereien wie zum Beispiel Tachomanipulationen bei teuren Autos lukrativer als bei günstigeren. Aber solche Eingriffe sind nur schwer nachzuweisen, stattdessen gilt es Indizien zu sammeln.

Das heißt? Worauf sollte man grundsätzlich beim Kauf von Gebrauchtwagen achten?Wichtig ist, dass man sich die Historie eines Fahrzeuges genau anschaut: Berichte von Haupt- und Abgasuntersuchungen, Ölwechsel-Aufkleber, Eintragungen im Scheckheft, auch alte Reparatur-Rechnungen können Aufschluss geben, denn dort wurde der Kilometerstand in der Regel vermerkt. Ist keine einzige Rechnung vorhanden, ist das bedenklich. Dann sollte man lieber die Finger von dem Auto lassen, sonst läuft man Gefahr, die Katze im Sack zu kaufen.

Beim Kauf eines Elektroautos gibt es vom Staat eine Prämie. Wäre es angesichts der aktuellen Marktentwicklungen nicht ohnehin clever, jetzt auf Elektro umzusteigen?Auf jeden Fall. Aufgrund der Förderung sind E-Autos relativ günstig und teilweise vergleichbar mit Preisen von jungen, herkömmlichen Gebrauchten. Selbst wer knallhart rechnet, fährt mit einer ganzen Reihe von Elektromodellen heute schon billiger als mit einem vergleichbaren Verbrenner - die Gesamtkostenbilanz von der Anschaffung über den Betrieb bis hin zu Wartung und Pflege ist beim Elektromodell in vielen Fällen besser. Dies gilt vor allem für kleinere Elektroautos wie dem Renault Zoe oder dem Opel Corsa-e und weniger für einen Tesla Model X oder Audi e-tron. Die sind auch mit Prämie noch teuer.

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