Osnabrück
Chöre und Corona: Der lange Nachhall der Pandemie
Die Kultur leidet unter Corona - das ist nicht neu. Jetzt hat eine Studie offengelegt, wie sehr Laienchöre von den Auswirkungen der Pandemie betroffen sind. Und eine Gruppe trifft es besonders hart.
Ab 19 Uhr hat Carola Reinhold zu tun: Da beginnt die Chorprobe. Das Requiem von Mozart gilt es zur Aufführungsreife zu bringen; am 24. Oktober soll das Werk im Schweriner Dom erklingen. Keine unlösbare Aufgabe, die Schweriner Singakademie kennt das Requiem, es muss halt reaktiviert werden. Allerdings unter Corona-Bedingungen.
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In der Singakademie singen 70 Amateure mit professionellem Anspruch, und bei den großen Produktionen des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin stehen sie als Extrachor auf der Bühne. Um wenigstens einigermaßen bei Stimme zu bleiben, finden Proben via Zoom statt. Chorleiter Daniel Kirchmann spielt den Orchesterpart auf dem Klavier und filmt sich mit dem iPad; die Sängerinnen und Sänger schalten sich zu. „Man sieht die Kollegen singen“, sagt Reinhold, „aber man singt für sich allein.“ Die Video-Chorprobe ist eine Krücke, um überhaupt zu singen: „Wir machen etwas gemeinsam, aber Zoom ersetzt nicht den Probenraum“, sagt Reinhold.
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Auf der Wiese proben, Räume suchen, die den nötigen Abstand von mehreren Metern zwischen den einzelnen Sängern zulassen, Proben mit halber Besetzung: Die Chöre in Deutschland waren kreativ und zu Zugeständnissen bereit, haben Hygienekonzepte entwickelt. Auch die Schweriner Singakademie ist auf die Wiese gegangen, hat den Widrigkeiten getrotzt: Es war kalt, in der Nähe verlief ein Bahngleis, und die mangelhafte Akustik tat ihr Übriges. Aber immerhin konnte der Chor gemeinsam singen. Anfang November begann dann der Lockdown, der mehr oder weniger bis heute andauert - Corona-Verordnungen haben die Singakademie stummgeschaltet, wie jeden anderen Chor in Deutschland. „Wir haben das letzte Mal Ende Oktober geprobt“, sagt Jan Kampmeier. Der Musikwissenschaftler leitet zwei Männerchöre im Osnabrücker Raum. Der Altersdurchschnitt liegt jenseits der 70, die Computeraffinität ist eher niedrig - digitale Proben kommen nicht in Frage. Also herrscht Pause, bis die Behörden Chorproben wieder zulassen.
Wenigstens werden diese Chöre in Vollbesetzung aus der Krise starten; Chorsingen hat ja auch viel mit Gemeinschaft zu tun, und wollen die Sängerinnen und Sänger nach der Pandemie wieder pflegen. Trotzdem klagt in der Studie der Uni Eichstätt ein Drittel der befragten Chöre über Mitgliederschwund. Und am härtesten trifft es Kinder- und Jugendchöre.
Von den 588 Kinder- und Jugendchören, die an der Studie teilgenommen haben, berichtet die Hälfte von „stärkeren Mitgliederverlusten“, heißt es. Schlimmer noch:
Wie auch: Kinder und Jugendliche singen häufig in Schulchören, und die sind in B- und C-Szenarien noch stiller gelegt als der Regelunterricht.
Clemens Breitschaft, Domchordirektor am Osnabrücker Dom, blickt deshalb skeptisch in die Zukunft. „Normalerweise beginnen wir zum neuen Schuljahr mit neuen Gruppen“, sagt er. Der Dom unterhält eine ganze Chorabteilung mit Chören in unterschiedlichen Altersklassen. Für die nächste Zeit fürchtet Breitschaft Lücken für den Kinderchor. Auch Reinhold fürchtet um den Kinderchor der Singakademie: „Bei Kindern ist kontinuierliche Arbeit wichtig“, sagt sie, „sonst geht die Qualität schnell runter.“ Das betrifft allerdings nicht nur Kinder- und Jugendchöre, wie die Choco-Studie ergeben hat. „Was das musikalische Niveau angeht, geht mehr als die Hälfte der Chöre von einer Verschlechterung nach der Pandemie aus“, heißt es da.
Dirigenten können keine Erfahrung sammeln
Was die Studie nicht sagt: Nicht nur Chöre, sondern auch der Dirigentennachwuchs leidet unter der Pandemie. Breitschaft unterrichtet an der Hochschule in Detmold angehende Dirigenten. „Die können gegenwärtig keine Erfahrung im Chorbereich sammeln“, sagt er. Die Pandemie wird lange nachhallen.
Vor dem Hintergrund dieser künstlerischen Defizite wirkt ein weiteres Problem recht profan. Wegzudiskutieren ist es trotzdem nicht: Viele Chöre sind in die roten Zahlen gerutscht, weil Einnahmen aus Konzerten wegbrechen, gerade jetzt, wo zusätzliche Kosten anfallen, etwa, um größere Probenräume anzumieten. Besonders hart trifft es die Chorleiter: Häufig sind das soloselbständige Musiker, die auf Honorarbasis arbeiten. Fast ein Viertel der befragten Chöre bezahlt seine Chorleiter nicht mehr oder nur noch teilweise.
Anspruch und Wirklichkeit
Dadurch klafft die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit des Chorgesangs immer tiefer. Dabei sind Chöre wichtiger denn je: „Singen hat nachweislich unendlich viele positive Wirkungen. Singen stärkt die Teamfähigkeit, die Gesundheit, vor allem das jetzt so wichtige seelische Wohlbefinden, steigert die Intelligenz und das soziale Miteinander.“ Das sagt Christian Wulff, Ex-Bundespräsident, in seiner Eigenschaft als Präsident des Deutschen Chorverbandes. Auch die Choco-Studie unterstreicht das: „Der positive Einfluss des gemeinsamen Singens auf das psychologische Wohlbefinden der Sängerinnen und Sänger wurde in den letzten Jahren durch viele musikpsychologische Studien unterstrichen“, schreiben die Autoren.
Hilfe tut also Not. Das Programm „Neustart Kultur“ der Kulturbeauftragten des Bundes, Monika Grütters, eröffnet wenigstens finanzielle Perspektiven. Genauso wichtig wären aber Testmöglichkeiten für Sänger, um Proben und Konzerte wieder zu ermöglichen. Vor allem aber braucht die Arbeit mit Kinder- und Jugendchören Unterstützung. Denn: „Für das lebenslange Singen in Chören sind positive Singerfahrungen in Kinder- und Jugendchören ungeheuer wichtig“, heißt es in der Studie. Wieder einmal zeigt sich: Wer in Kinder und Jugend investiert, investiert in die Zukunft unserer Gesellschaft. Gemeinsames Singen baue „Brücken in einer Zeit, in der sich eher Gräben vertiefen“, sagt Christian Wulff. Chorgesang ist Dienst an der Gesellschaft.