Sidney

Wie Australien vom Covid-Vorbild zur Infektionshochburg wurde

Barbara Barkhausen
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Von Barbara Barkhausen
| 03.01.2022 20:29 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Australien sind die Infektionszahlen explodiert. Foto: Links: Bianca De Marchi/dpa, rechts: Colourbox
In Australien sind die Infektionszahlen explodiert. Foto: Links: Bianca De Marchi/dpa, rechts: Colourbox
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Australien hat sich lange abgeschottet. Tage mit null Neuinfektionen waren keine Seltenheit. Doch nun steigen die Zahlen so rasant, dass Teile des Gesundheitssystems überlastet ist. Wie ist das passiert?

„Festung Australien“ - so nannten viele den Inselstaat, der sich in den vergangenen zwei Jahren so sehr abschottete wie kaum ein anderes Land der Welt. Geschlossene Außengrenzen und selbst Reiserestriktionen im Inneren hielten die Covid-Zahlen auf einem moderaten Level. Ausbrüche wurden mit Blitzlockdowns unter Kontrolle gebracht. Der Wunsch nach Zero-Covid - also nach null Covid-Fällen, sogenannten Donut-Tagen, wie die Australier das nennen - war lange Zeit so groß, dass die Bürger in den Millionenstädten Melbourne und Sydney selbst extrem lange und strenge Lockdowns weitestgehend ohne Murren hinnahmen.

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Melbourne gilt gar als eine der Städte, die über die vergangenen zwei Jahre summiert die längste Ausgangssperre weltweit ausgerufen hat. Auch die fünf Millionen „Sydneysider“ verbrachten den gesamten letzten Winter auf der Südhalbkugel im Lockdown, insgesamt 15 Wochen am Stück.

Rekordinfektionszahlen im Zero-Covid-Land

Als das Land im November nach einer letztendlich extrem erfolgreichen Impfkampagne - australienweit sind über 90 Prozent der Bevölkerung ab zwölf Jahren doppelt geimpft - die internationalen Grenzen zumindest für seine eigenen Bürger wieder öffnete und später dann auch bestimmten Gruppen wie Rucksackreisenden und Studenten wieder Einlass gebot, erschien dies vielen wie ein Sieg über die Pandemie: „Es ist an der Zeit, den Australiern ihr Leben zurückzugeben“, sagte Australiens Premierminister Scott Morrison damals. Vor Weihnachten lockerten auch die meisten Bundesstaaten ihre internen Einreiseregelungen. Bundesstaaten wie New South Wales, in dem Sydney liegt, schafften fast sämtliche Restriktionen ab.

Doch die Freude war verfrüht: Seit Ankunft der Omikron-Variante im Land verzeichnen vor allem die bevölkerungsreichen Bundesstaaten im Osten des Landes Rekordinfektionszahlen - allen voran New South Wales. An Silvester wurden dort 21.151 Neuinfektionen gemeldet, ein massiver 70-prozentiger Anstieg gegenüber den 12.226 Infektionen am Tag zuvor. Am Montag verzeichnete der Staat nach wie vor weit über 20.000 Neuinfektionen - australienweit waren es sogar 37.000 neue Fälle.

Labor-Irrtum stärkt die Welle 

In einer Pressekonferenz in der vergangenen Woche nannte Morrison die Omikron-Variante einen „Game Changer“: „Wir müssen neu definieren, wie wir über die Pandemie denken und wie wir uns selbst und die Dinge, die wir als Regierungen tun müssen, managen.“ Im gleichen Atemzug kündigte er neue Definitionen von „engen Kontakten“ an und lockerte die Parameter dafür, wer getestet werden muss. 

Letzteres ist eine Folge dessen, dass aufgrund der rasant ansteigenden Fälle die Testzentren in Teilen des Landes so überlaufen sind, dass die Menschen oft stundenlang warten müssen oder ganz abgewiesen werden. Zudem kam es über Weihnachten zu einem folgenschweren Fehler: So gab ein Labor in Sydney rund 1500 positive Tests als negativ heraus - ein menschlicher Irrtum, der der derzeitigen Welle aber nochmals mehr Schub verliehen haben dürfte.

Regierungswechsel in New South Wales 

Ein weiterer Faktor, der zu den derzeitigen Rekordzahlen in New South Wales beigetragen hat, ist ein Wechsel in der Regierung des Bundesstaates. So übernahm nach einem politischen Skandal Dominic Perrottet das Ruder in dem Staat, ein konservativer Katholik, der den vorsichtigen Ansatz seiner Vorgängerin ablehnt und eher die Meinung vertritt, dass jeder Einzelne selbst für seine Gesundheit verantwortlich ist. „Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, und genau das tun wir“, sagte er vor Kurzem erst vor Reportern.

Restriktionen wie das Maskentragen oder das Einscannen von QR-Codes zur Kontaktverfolgung strich der Politiker kurz vor Weihnachten - zu einem Zeitpunkt, als die Fallzahlen gerade wieder anstiegen. Inzwischen ist der Politiker zwar wieder eingeknickt und hat beispielsweise das Maskenmandat in Innenräumen wieder eingeführt, doch im Wesentlichen hält er an seiner Position fest, obwohl die schiere Menge an positiven Fällen inzwischen auch die Einweisungen ins Krankenhaus gefährlich ansteigen lässt. Am Montag wurden in New South Wales 1204 Menschen mit Covid-19 im Krankenhaus behandelt - damit ist das Gesundheitssystem vor allem aufgrund der derzeitigen Urlaubszeit zumindest unter Druck geraten.

„Denkweisen ändern sich nicht über Nacht“

Obwohl der Anstieg der Fälle die weltweite Explosion seit dem Auftreten der hochansteckenden Omikron-Variante widerspiegelt, ist die derzeitige Entwicklung für viele Australier ein großer Schock. Zum einen haben viele gehofft, dass die hohe Impfrate die Pandemie unter Kontrolle halten würde, zum anderen muss sich ein Großteil der Bevölkerung nun zum ersten Mal mit der Realität auseinandersetzen, mit der Pandemie zu leben. Für viele Australier kommt dieser „neue Umgang“ mit der Pandemie - vom Einsiedlerstaat zur Infektionshochburg - zu schnell und zu unvermittelt.

„Denkweisen ändern sich nicht über Nacht“, hieß es beispielsweise am Wochenende in einer Analyse des australischen Senders ABC. „Es ist eine Sache zu wissen, dass sich die Art und Weise, wie wir Covid sehen, ändert, dass dies für die meisten Menschen möglicherweise eine mildere Variante ist und Massenimpfungen die hohe Rate an Krankenhauseinweisungen und Todesfällen, wie das Ausland sie im letzten Jahr gesehen hat, verhindern sollten.“ A

ber die Australier hätten sich seit Beginn der Pandemie beim leichtesten Schnupfen oder einem Covid-Kontakt testen lassen müssen. Das sei den Menschen in jeder Pressekonferenz, mit jeder Gesundheitswerbung und beim Scannen jedes QR-Codes eingedrillt worden. Ein neues Regelwerk würde solch eine Denkweise nun nicht über Nacht ändern. „Viele machen sich Sorgen - wenn nicht um sich selbst, dann um ihre verletzlicheren Angehörigen“, hieß es in dem Bericht.

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