Glinde
Vater löscht Familie aus: Fall von häuslicher Gewalt schon 2020
Ein derartiges Verbrechen konnte niemand vorhersehen. Doch nachdem in Glinde in Schleswig-Holstein ein Vater seine Söhne und sich selbst tötete, kommt heraus, dass es in der Familie bereits in der Vergangenheit Spannungen und auch Gewalt gab.
Welche Abgründe taten sich hinter der weiß getünchten Fassade auf? Nach der Bluttat mit drei Toten in Glinde kommen am Dienstag immer mehr Menschen zum Tatort, zünden Kerzen an und legen Blumen vor dem unscheinbaren Einfamilienhaus an der Straße Kleiner Glinder Berg nieder. Sie können nichts tun, außer ihrem Mitgefühl und ihrer Trauer auf diesem Weg Ausdruck zu verleihen.
Im Haus, in dem ein 44 Jahre alter Familienvater am 2. Weihnachtstag den bisherigen Ermittlungen zufolge zunächst seine Söhne (13, 11) erschoss, dann seine 38-jährige Frau mit Schüssen schwer verletzte und die Waffe schließlich gegen sich selbst richtete, geht unterdessen die Arbeit der Spurensicherer weiter.
Weiterlesen: Bluttat in Glinde: Vater schoss, Mutter wählte noch den Notruf
Vieles deutet inzwischen darauf hin, dass es innerhalb der Familie bereits vor der Tat tiefe Risse gab. Was letztlich den Ausschlag für das Verbrechen gab, liegt dagegen weiter im Ungefähren.
Fall von häuslicher Gewalt im März 2020
Die Vorgeschichte der entsetzlichen Tat reicht mindestens bis ins Frühjahr 2020 zurück. „Am 15. März 2020 gab es einen Fall von häuslicher Gewalt in der Familie“, erklärt Sabine Schmidt vom Jugendamt Stormarn und bestätigt einen Bericht der „Bild“-Zeitung. Am 24. März erreichte demnach der Meldebogen der Polizei ihre Behörde.
„Wir haben daraufhin ein Gespräch mit allen Beteiligten geführt“, so Schmidt weiter. Darin habe sich der Vater einsichtig und bereit zur Mitarbeit gezeigt. Den Vorwurf, seine Frau so schwer am Kopf verletzt zu haben, dass sie später ambulant behandelt werden musste, worauf seine Söhne den Notruf gewählt hätten, habe er unumwunden eingeräumt.
Bereits seit längerem innerfamiliäre Konflikte
Gerüchte, wobei es nicht bei dieser Attacke geblieben sei, kann Schmidt allerdings nicht bestätigen: „Uns ist allein dieser Vorfall bekannt.“ Man habe der Familie damals empfohlen, sich an eine örtliche Beratungsstelle zu wenden: „Das ist das übliche Vorgehen.“
Gleichwohl habe es offenbar bereits seit längerem innerfamiliäre Konflikte gegeben. Mit einer derartigen Eskalation habe jedoch niemand rechnen können. Ein Auslöser dafür könne eine Trennungsabsicht sein, so Schmidt. Die Erfahrung zeige leider, dass gerade Männer in diesem Fall zum Äußersten bereit seien, insbesondere, wenn es um Kinder geht.
Psychische Auffälligkeiten habe man beim Vater aus Glinde, der Fotos von seinen Söhnen beim Fußballspielen oder Musizieren in sozialen Netzwerken teilte, dagegen nicht feststellen können.
Viele Mütter kommen mit ihren Kindern zum Trauern an den Tatort
Die Ehefrau, die wie ihr Mann neben der deutschen noch eine weitere Staatsbürgerschaft besitzt und seit vielen Jahren in Glinde lebte, schwebt nach den Schüssen vom Sonntagabend nicht mehr in Lebensgefahr, liegt jedoch weiter im künstlichen Koma. Dass ihre Kinder tot sind, weiß sie noch nicht.
Es sind vor allem Frauen, die nach der schrecklichen Tat an den Ort des Verbrechens kommen, viele haben ihre Kinder dabei. „Es hat uns mitten ins Herz getroffen“, beschreibt eine Mutter aus Trittau ihre Gefühle. Ihre Bekannte aus Stellau kann die Tränen kaum zurückhalten, als sie auf zwei weiße Kuschelteddys blickt, an denen Luftballons in Herzform hängen.
Innerhalb einer halben Stunde finden sich ein Dutzend Frauen und Kinder am Tatort ein. Und während sie vor dem flachen Holzzaun trauern, kommt der Postzusteller und befüllt den Briefkasten an der versiegelten Haustür. Die Blicke der Anwesenden folgen ihm, als er eilig weiterzieht.