Osnabrück

Reno-Chef: „Hier wird keine Ware vernichtet“

Nina Kallmeier
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Von Nina Kallmeier
| 23.12.2021 08:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
In der Pandemie ist bei Reno das Online-Geschäft überproportional gewachsen. Foto: Friso Gentsch
In der Pandemie ist bei Reno das Online-Geschäft überproportional gewachsen. Foto: Friso Gentsch
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Im November 2020 hat Steffen Rosenbauer die Geschäftsführung der Hamm Reno Gruppe im Bereich Retail verstärkt, seit April 2021 ist er CEO. Ein Gespräch über seinen Start, schwierige Zeiten in der Pandemie und seine Pläne für die Zukunft.

Herr Rosenbauer, seit 1. April dieses Jahres sind Sie Hamm-Reno-Chef - kein einfacher Zeitpunkt, einen solchen Posten zu übernehmen. Wie stand das Unternehmen ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie da?

Als ich im Frühjahr 2021 meine Aufgaben als CEO übernahm, hatten wir bereits die bittere Erfahrung der behördlich angeordneten Filialschließungen gemacht. Aber zum Glück basiert das Geschäftsmodell der HR Group auf drei Säulen: dem stationären Geschäft mit unseren Filialen, dem Systemgeschäft, wo wir europaweit für große Handelsorganisationen Schuhverkaufsflächen als Dienstleister bewirtschaften, und dem E-Commerce mit Reno.de sowie mit surf4shoes, dem Dienstleister für alle internationalen digitalen Marktplätze. Diese drei Standbeine haben unser Risiko in der Pandemie deutlich minimiert und unterschiedlich performt.

Was genau heißt das in diesem Fall?

In normalen Jahren halten sich die Umsätze im Retail und im Systemgeschäft in etwa die Waage, aber in Pandemiezeiten hat sich der Schwerpunkt auf das Systemgeschäft verlagert, weil wir viele Partner im Lebensmitteleinzelhandel haben, die vom Lockdown nicht betroffen waren. Darüber hinaus hat sich das Online-Business hervorragend entwickelt.

Viele Unternehmen haben in der Pandemie Corona-Hilfen von Bund und Ländern in Anspruch genommen. Die HR Group ebenfalls?

Ja, nach dem ersten Lockdown haben wir, wie der überwiegende Teil der Einzelhandelsunternehmen, Gelder über die Überbrückungshilfe III beantragt. Diese sind teilweise bereits geflossen.

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Das Kurzarbeitergeld hat dafür gesorgt, dass insgesamt in Deutschland wenig Arbeitsplätze abgebaut wurden. Hat die HR Group in den Corona-Jahren Filialen endgültig geschlossen und Mitarbeiter abgebaut?

Wir überprüfen regelmäßig unser Filialnetz - und das auch schon vor der Corona-Pandemie. Das gehört zu unserem Tagesgeschäft, denn letztlich muss sich jede Filiale selbst tragen. Wenn Mietverträge auslaufen oder zur Verlängerung anstehen, prüfen wir sehr genau, ob der Standort noch unseren Anforderungen entspricht. Wenn wir eine Filiale schließen müssen, dann verlieren wir natürlich Mitarbeiter, aber dazu gibt es keine Alternative. Aber in anderen Fällen eröffnen wir auch neue Filialen, wie in diesem Jahr zum Beispiel in Marburg und Güstrow.

Die Schließung des Handels kam im vergangenen Jahr mitten im umsatzstarken Wintergeschäft. Was ist mit den Schuhen passiert, die nicht verkauft wurden?

Wir profitieren in Krisenzeiten von unserem differenzierten Geschäftsmodell, dessen Geschäftsfelder sich ideal ergänzen. Das hat auch dazu geführt, dass wir die vielen Paar Schuhe, die in den Filialen aufgrund der Schließung nicht verkauft werden konnten, im Systemgeschäft an Standorte zum Bespiel in Supermärkten verlagern konnten. Außerdem haben wir in Abstimmung mit unseren Lieferanten Schuhware auf das kommende Jahr verlegt. In den Medien wird berichtet, dass Fast-Fashion-Anbieter Ware vernichten. Bei uns hingegen wird keine Ware vernichtet. Wir sind Kaufleute und verkaufen Schuhe, wir zerstören sie nicht.

Sie haben das E-Commerce-Standbein genannt. Inwieweit haben Online-Käufe die Ausfälle in den Filialen kompensieren können?

Die Corona-Pandemie hat das Wachstum in diesem Bereich auch bei uns deutlich beschleunigt und dem Unternehmen während der Pandemie gute Umsätze ermöglicht Den Trend zum Online-Kauf gibt es seit vielen Jahren, und die HR Group hat viel unternommen, um das Online-Angebot und die Services rund um das Shoppingerlebnis im Netz auszubauen. Und wir arbeiten stetig daran, unser Online-Angebot weiter auszubauen und nahtlos mit unserem Filialgeschäft zu verknüpfen. Dazu gehört zum Beispiel Click und Collect, aber auch die Rückgabe von Online-Bestellungen im Store.

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Welchen Anteil hatte das Geschäft vor der Pandemie, und wie stark soll es wachsen?

Durch die Pandemie hat der E-Commerce-Bereich überproportional an Bedeutung gewonnen. Eine Entwicklung, die generell im Einzelhandel zu beobachten ist und wo zweifellos noch Luft nach oben besteht. Dennoch sind wir davon überzeugt, dass der stationäre Bereich auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen wird. Denn es gibt einen großen Kundenkreis, der gerne die Beratung im Store in Anspruch nehmen möchte und darauf viel Wert legt. Schuhe sind ein besonders beratungsintensives Produkt - gerade bei Kinderschuhen ist eine gute Beratung ausgesprochen wichtig.

Wie hoch ist der Wettbewerbsdruck im Geschäft mit Schuhen - in der Pandemie, aber auch davor?

In der Vergangenheit hat bereits eine deutliche Marktbereinigung stattgefunden. Einige große, aber besonders viele kleinere Schuhhändler mit zwei bis drei Filialen haben den Markt aus den verschiedensten Gründen verlassen. Insgesamt aber gilt: Schuhe wurden und werden immer gekauft. Der Markt ist stabil und wächst laut einer Studie der Wirtschaftskanzlei PwC sogar leicht. Der Druck entsteht vor allem durch das veränderte Kaufverhalten und den Shift vom stationären Geschäft hin zum Online-Handel. Hier hat die Marke Reno schon lange vor der Pandemie begonnen, die eigene Strategie anzupassen. Da sehen wir uns gut aufgestellt.

Online muss sich die HR Group allerdings nicht nur gegen das Geschäft der Hersteller, sondern vor allem jenes von Zalando & Co stellen. Wie will sich Reno da aufstellen?

Als Unternehmen ist es enorm wichtig, zuallererst auf sich selbst zu schauen und auf das, was man selber tun kann. Man muss die eigenen Stärken und Schwächen kennen, und unsere Stärken wollen wir konsequent betonen und ausbauen. Reno steht hier eindeutig als im Markt anerkannter guter Preis-Leistungs-Anbieter.

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Hamm Reno hat in den vergangenen Jahren einen Transformationsprozess angestoßen. Was waren für Sie die dringendsten Aufgaben, als Sie den Posten übernommen haben?

Die Prozesse, die in den vergangenen Jahren angeschoben wurden, waren notwendig und richtig. Seit ich die Stelle als CEO übernommen habe, war und ist meine dringlichste Aufgabe, gemeinsam mit dem Führungsteam in Osnabrück das gesamte Unternehmen gut durch die Corona-Pandemie zu führen. Wir haben bereits seit März 2020 kein „normales“ Geschäft mehr gehabt. Diese Sondersituation wird uns noch eine Weile begleiten. Dennoch bereiten wir uns auf die Zukunft bzw. das Geschäft nach der Pandemie vor.

Was heißt das konkret?

Es gilt die wichtigsten strategischen Komponenten zu adressieren wie zum Beispiel die weitere Optimierung der Vertriebswege online/offline sowie der Supply Chain. Auch unser Filialnetz muss noch weiter homogenisiert werden. Das betrifft eine Angleichung der Lagen, also wo die Filiale angesiedelt ist, die Größe der Geschäfte, aber ebenso die Mieten. Hierzu befinden wir uns im konstruktiven Austausch mit unseren Vermietern. Unsere bevorzugten Lagen sind die kleinen und mittelgroßen Städte und weniger die 1-a-Lagen in den großen Städten.

Wo wollen Sie in den nächsten Jahren Akzente setzen?

Wir sind seit über 130 Jahren im Schuhgeschäft und bringen eine entsprechende Erfahrung mit. Wir wollen schneller und verstärkt auf neue Modetrends eingehen und an Flexibilität zulegen. An Reno zum Beispiel schätzen unsere Kunden besonders das Preis-Leistungs-Angebot mit einem guten Mix aus Eigenmarken und bekannten Herstellermarken. Das ist eine Stärke, die wir weiter betonen müssen. Dennoch haben sich die Kundenwünsche in den letzten Jahren gewandelt. Insbesondere beim Thema Nachhaltigkeit wird mehr eingefordert. Da ist es zum Beispiel eines unserer Ziele, vom Material über die Produktion bis hin zur Belieferung unseren Kunden ein bestmöglich nachhaltiges Produkt anzubieten. Das geht nicht über Nacht und ist daher eine wichtige Aufgabe für die nächsten Jahre.

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Nach dem Lockdown im vergangenen Jahr gilt nun in einigen Bundesländern im Einzelhandel die 2G-Regelung. Welche Auswirkung hat das für Hamm Reno?

Machen wir uns nichts vor: Die 2G-Regelung beeinflusst den Großteil des Einzelhandels sehr stark. Denn wenn Ungeimpfte nicht mehr in die Geschäfte dürfen, geht Frequenz verloren. Aber viele Verbraucher fühlen sich durch die sich stetig verändernde Lage und immer neuen Regelungen verunsichert. Letztlich bleiben potenzielle Kunden öfter zu Hause. Das ist gerade zum jetzigen Weihnachtsgeschäft, das für viele Einzelhändler die wichtigste Zeit im Jahr ist, besonders bitter, gerade weil die allgemeine Frequenz in den letzten Jahren bereits rückläufig war. Daher ist es nun wichtig, mit der Situation bestmöglich umzugehen und darauf zu hoffen, dass sich noch viele Menschen impfen lassen. Wir finden das Impfen richtig. Daher fordern wir auch unsere Mitarbeitenden auf, sich impfen zu lassen. Es ist der beste Weg aus der Pandemie.

Wie gehen Sie ins Jahr 2022? Sind Sie optimistisch, dass das Geschäft dann wieder anziehen wird?

Wir gehen gedämpft optimistisch in das kommende Jahr, denn es gibt noch einige Unwägbarkeiten. Wir müssen einfach schauen, wie sich die Pandemielage weiterentwickelt. Da können wir leider größtenteils nur auf Sicht fahren. Dennoch sind wir sicher, dass sich die Situation im Schuhmarkt langfristig wieder erholen wird, und darauf bereiten wir uns mit voller Kraft vor. 

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