Osnabrück

Wie viel Kirche steckt im Weihnachtsfest? Interview mit Kirchenpräsidentin

Stefanie Witte
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Von Stefanie Witte
| 20.12.2021 11:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Familienfest oder christliche Botschaft? Die Präsidentin der evanglisch-reformierten Kirche plädiert dafür, zu unterscheiden. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa
Familienfest oder christliche Botschaft? Die Präsidentin der evanglisch-reformierten Kirche plädiert dafür, zu unterscheiden. Foto: Fernando Gutierrez-Juarez/dpa
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Coca-Cola-Weihnachtsmann und Geschenkeschlacht oder primär christliches Fest? Im Interview spricht die neue Präsidentin der evanglisch-reformierten Kirche, Susanne Bei der Wieden, über das Fest und über Corona-Regeln.

Frau Bei der Wieden, es gibt Menschen, die Open-Air-Gottesdienste zu Weihnachten so gut finden, dass sie sich jedes Jahr einen wünschen. Hat Corona für das Weihnachtsfest auch Positives gebracht?

In den Kirchengemeinden sind viele gute Ideen entstanden. Ich war begeistert davon, wie Kollegen mit LKWs oder Traktoren durch Wohnviertel gefahren sind und an unterschiedlichen Orten Gottesdienste gefeiert haben. Es gab Gottesdienste an interessanten Orten wie im Stadion in Emden. Das hat sicher auch Menschen angezogen, die sonst nicht gekommen wären. Das ist ein etwas anderes Weihnachten, hat aber vielleicht sogar mehr mit dem Weihnachten von damals zu tun - draußen, an Hecken und Zäunen und nah bei den Menschen.

Immer mehr Menschen treten aus den christlichen Kirchen aus - welche Bedeutung, glauben Sie, wird Weihnachten in ein paar Jahrzehnten für die Gesellschaft haben? Bleibt irgendwann nur noch Coca-Cola-Weihnachten?

Ich habe gerade durch die weihnachtliche Popmusik gescrollt. Ich hatte dazu eine Anfrage zu sagen, was mir davon gefällt. Dann habe ich einige Songs wie Little Things von Abba und Merry Christmas von Elton John und Ed Sheeran gehört und bin sehr nachdenklich geworden: Weihnachten wird dort auf die Familienfeier reduziert und vielleicht noch auf´s Küssen unterm Mistelzweig. Man findet keine Anhaltspunkte mehr dafür, was Weihnachten in einem theologischen Sinne bedeutet. Vor 20 Jahren kamen in den Texten immer noch Engel vor, irgendetwas Transzendentes, eine Macht außerhalb unserer selbst, eine Berührung von Himmel und Erde, die sich in der Popkultur wiedergefunden hat. Wenn es heute nur noch um die Sehnsucht nach einer heilen Familienwelt und Kitsch geht, macht mich das sehr nachdenklich. Wir müssen auch den Mut haben, anders von Weihnachten zu reden.

Kann die Weihnachtsbotschaft auch Agnostikern und Atheisten etwas sagen?

Es gibt durchaus Menschen, die Heiligabend in einen Gottesdienst gehen, ohne zu glauben. Etwa weil sie Zuspruch suchen oder weil sie nicht alleine sein wollen. Die erreichen wir, weil sie vielleicht ein Gespür für die eigene Unvollkommenheit haben und eine Sehnsucht nach so etwas wie Erlösung. Wenn ich mir das Bethlehem vor 2000 Jahren ansehe und die Zelte an der belarussischen Grenze heute - diese Szenen kommen sich sehr nahe. Dieses Thema holt viele Menschen ab. Und der Hinweis, Gott sei einer von denen, die da in der Kälte ausharren, ist dann eine Metapher, an die viele anknüpfen können.

Weihnachtsgottesdienste in Kirchen sind möglich, Sie haben sich aber im Vorfeld kritisch zur 2G-Regel geäußert. Was stört Sie daran?

Die 2G-Regel kann volle Kirchen zur Folge haben. Das finde ich bedenklich, gerade angesichts neuer Mutationen und angesichts der Tatsache, dass wir die Ansteckungswege nicht genau nachvollziehen können. Ich habe 2G-Veranstaltungen im außerkirchlichen Bereich erlebt - da waren Säle voll und man hat getan, als gäbe es Corona nicht. Das empfinde ich als leichtsinnig. Gleichzeitig muss ich Menschen, die nicht geimpft oder genesen sind, abweisen. Dabei kommen vielleicht gerade an Heiligabend Menschen, die sonst schon überall ausgestoßen sind. Wenn man die auch noch an der Kirchenpforte abweist, ist das ein fatales Signal und treibt die Spaltung der Gesellschaft weiter. Wir haben lang erprobte, gute Hygienekonzepte. Ich bin der Meinung, man sollte auch Testmöglichkeiten anbieten. Wenn jemand allerdings auch das ablehnt, dann ist er selber schuld. Dafür habe ich dann kein Verständnis mehr.

Sie haben auch für Toleranz für diejenigen geworben, die sich nicht impfen lassen. Warum war Ihnen das wichtig?

Nein, ich habe nicht für Toleranz, sondern für Differenzierung geworben. Ich empfinde keine Toleranz Menschen gegenüber, die als Corona-Leugner durch die Straßen ziehen, die andere bedrohen und Hassparolen streuen, die obskure Verschwörungstheorien verbreiten. Aber mir begegnen immer wieder Menschen, die Gründe haben, sich nicht impfen lassen zu wollen, über die sie nicht sprechen mögen. Das sind zum Beispiel Menschen, die eine Krankheit haben, über die sie etwa am Arbeitsplatz nicht reden wollen.

Sind Sie für eine Impfpflicht?

Ich persönlich finde eine Impfpflicht durchaus sinnvoll. Dann verlagern sich Ängste von Menschen von der Straße und aus Chatgruppen in Arztpraxen. Dann trennen sich unter den Impfgegnern auch die unterschiedlichen Gruppierungen. Ich wäre aber vorsichtig, das als Kirche zu fordern. Denn wir sind immer noch eine der Institutionen, die Raum bietet für Gespräche und in der sich Menschen aus unterschiedlichen Lagern treffen können.

Sie haben bei ihrer Bilanz zu den ersten 100 Tagen im Amt über eine Lagerbildung in der Gesellschaft gesprochen. Menschen redeten nicht mehr miteinander. Wie lässt sich das ändern?

Das ist sehr schwierig. Angesichts rechter Ränder, die demokratie- und gesellschaftsfeindlich sind, muss man das Gespräch suchen wo möglich. Aber ich sehe auch, dass das immer schwerer wird. Natürlich ist es eine Minderheit, aber diese Minderheit wird lauter und gewalttätiger. Da ist die Politik herausgefordert - etwa mit guten Bildungsangeboten. Für die Kirche sehe ich die Chance, Gesprächsforen anzubieten, in denen zumindest die Gemäßigten abgeholt werden.

Für andere Kirchen, wie etwa die evangelisch-lutherische und die katholische war 2021 ein Jahr der Sparpläne. Weniger Mitglieder, weniger Kirchensteuer - wie ist die Lage bei Ihnen?

Auch wir müssen Ressourcen konzentrieren. Wir gehen auf einen großen Pfarrerinnen- und Pfarrermangel zu, weil viele in den Ruhestand gehen und wenig Nachwuchs nachkommt. Das bedrückt mich fast noch mehr als die Finanzen. Dieser Nachwuchsmangel betrifft aber auch den Bereich der Gemeindeassistenzen, also Jugendreferentinnen und Jugendreferenten, Kirchenmusiker und Kirchenmusikerinnen. Die Zuwendung zu Menschen ist unsere wichtigste Aufgabe. Gleichzeitig stehen wir vor neuen Ausgaben: Wir müssen in den Klimaschutz investieren, etwa im Gebäudebereich. Die Verantwortung gegenüber der Schöpfung ist uns ein Kernanliegen. Da müssen wir auch glaubwürdig sein. Wir werden aber auch weniger Mitglieder haben und sind herausgefordert, uns neu aufzustellen und neue Wege zu gehen.

Welche Aufgaben liegen vor Ihnen?

In meiner Evangelisch-reformierten Kirche beschäftigen wir uns auch mit konkreten Themen. Wir fragen nicht nur: Was heißt Glaube und wie verwalten wir Ressourcen? Wir überlegen auch, wie wir uns als Christen glaubwürdig verhalten. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftlich vieles im Argen liegt, haben wir als Kirche viel zu sagen. Etwa bei der Frage nach dem Umgang mit der Schöpfung, mit bioethischen Fragen, beim Umgang mit Sterbehilfe. Wir müssen interpretieren: Was hat die Bibel zu diesen Fragen heute zu sagen?

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