Osnabrück

Amanda Gorman setzt mit „The Hill we climb“ ein Hoffnungszeichen

Dr. Stefan Lüddemann
|
Von Dr. Stefan Lüddemann
| 14.12.2021 17:38 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der eigentliche Star bei der Amtseinführung von Joe Biden: Die amerikanische Poetin Amanda Gorman am 20. Januar 2021 auf dem Kapitol in Washington. Foto: Patrick Semansky / POOL / AFP Foto: PATRICK SEMANSKY
Der eigentliche Star bei der Amtseinführung von Joe Biden: Die amerikanische Poetin Amanda Gorman am 20. Januar 2021 auf dem Kapitol in Washington. Foto: Patrick Semansky / POOL / AFP Foto: PATRICK SEMANSKY
Artikel teilen:

Sie bannt die Welt: Mit dem Vortrag ihres Gedichts „The Hill we climb“ zur Amtseinführung von Joe Biden wird Amanda Gorman zum Medienstar. Ein Hoffnungszeichen gegen Rassismus und Unterdrückung.

Fünf Minuten, 31 Sekunden: Länger liest Amanda Gorman nicht. Aber diese Minuten reichen. „The Hill we climb“, das Poem zur Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden am 20. Januar 2021, flutet sekundenschnell das Netz, weltweit schalten sich immer mehr Menschen ihrem Vortrag zu. Die 22 Jahre alte Poetin liest nicht bloß. Ihr Vortrag bannt mit einer Woge des Wohllauts alle, die ihm zuhören, und die Afroamerikanerin wirkt, als sei sie selbst das Licht, das die dunklen Jahre des Populisten Donald Trump beendet. Ein feuerroter Reif um den dunklen Haarknoten, ein Prada-Mantel in strahlendem Gelb: Mit Gorman geht die Sonne auf an diesem klaren Januartag. Hier weiterlesen: Amanda Gorman, Lady Gaga und Jennifer Lopez setzen ein Zeichen bei der Amtseinführung von Joe Biden.

Sie stiehlt Joe Biden die Schau

Dichterlesung zur Amtseinführung: In den USA gehört das zum Zeremoniell. Amanda Gorman, am 7. März 1998 in Los Angeles geboren, betritt beileibe kein Neuland. 2017 küren eine Dichtervereinigung und die Library of Congress sie zur National Youth Poet Laureate. Das Kind einer alleinerziehenden Mutter, früh ausgerechnet durch einen Sprachfehler gehemmt, avanciert zur amerikanischen Literaturberühmtheit. Der Auftritt am Kapitol zur Amtseinführung Bidens macht sie zu einer Symbolfigur, die für einen Moment sogar dem neuen Präsidenten die Schau stiehlt. Hier weiterlesen: Amanda Gorman, die Dichterin als öffentliche Person.

Sprache kann eine Befreiung sein

Gorman spricht für Frauen, für Schwarze, eine neue Generation. Und sie verschafft der Literatur einen unerwartet durchschlagenden Erfolg. Lyrik statt Twitter, Verse statt Tweeds: „The Hill we climb“ zeigt, dass Sprache wohltuend und verbindend sein kann. Eine Befreiung, mitten in all den Hasskommentaren des Netzes. Amanda Gorman schenkt sie der Welt, auch wenn Literaturkritiker ihren Text als mittelmäßig abtun. „The Hill we climb“: Das ist eine Mixtur aus Bibel und Abraham Lincoln, eine Kombination aus Nationallegende Amerikas und einer Freiheitsvision für die Welt. Zu dick aufgetragen? Vielleicht. Aber Amanda Gorman erweckt ihr Gedicht mit Charme und Charisma zu einem eigenen Leben.

Der Weg über Grenzen

Ob Spiegel-Bestseller, Amazon oder Börsenblatt des Deutschen Buchhandels - das Gedicht „The Hill we climb“ stürmt auch in Deutschland sofort die Charts. Eine Sensation für das sonst in einer breiten Öffentlichkeit als verstaubt geltende Medium des Gedichts. Aber Amanda Gorman zeigt, dass man Grenzen überschreiten kann, nicht nur Grenzen des Literaturbetriebs, sondern vor allem jene, die Hautfarbe oder soziale Herkunft markieren. Sie spricht selbstironisch von dem schmalen Mädchen, das sie sei. Ein schmales, schwarzes Mädchen, auf das die Welt hört, wenigstens für einen Moment.

Der Lichtstrahl leuchtet

Als um die Übersetzungen ihres Poems in mehreren Ländern Genderdebatten explodieren, scheint dieser Hoffnungsschein der Versöhnung schon getrübt. Aber Gormans Lichtstrahl leuchtet weiter. Wie lauten die letzten Verses von „The Hill we climb“? „For there is always light, / if only we´re brave enough to see it / If only we´re brave enough to be it“.

Ähnliche Artikel