Osnabrück

Lockdown durch die Hintertür: Liveclubs in Osnabrück schließen wegen Corona

Ralf Döring
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Von Ralf Döring
| 13.12.2021 13:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Eben frisch renoviert und wieder eröffnet: „Rosenhof“ in Osnabrück. Doch ein paar Wochen später muss Geschäftsführer Christoph Hengholt den Club schon wieder schließen. Foto: André Havergo
Eben frisch renoviert und wieder eröffnet: „Rosenhof“ in Osnabrück. Doch ein paar Wochen später muss Geschäftsführer Christoph Hengholt den Club schon wieder schließen. Foto: André Havergo
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Im Herbst keimte kurz Hoffnung: Liveclubs machten wieder auf, veranstalteten wieder Konzerte. Mittlerweile haben die Einrichtungen ihre Aktivitäten wieder heruntergefahren. Die Betreiber sagen, warum.

Liveclubs haben derzeit ein Problem, wieder einmal: Zwar zwar verhängt die Politik keinen Lockdown, doch die Clubs bleiben trotzdem leer. Ratschläge von höchster Stelle, Kontakte zu vermeiden, 2GPlus-Regeln und eine allgemeine Verunsicherung reichen, um das Publikum fernzuhalten. Wie gehen die Betreiber mit der Situation um? Die Nachfrage in Osnabrück, Flensburg und Schwerin vermittelt über Ländergrenzen hinweg ein ziemlich einheitliches Bild, so unterschiedlich die Corona-Verordnungen in den einzelnen Bundesländern auch sein mögen.

Osnabrück: Der „Rosenhof“ hat den Lockdown für eine umfangreiche Renovierung genutzt. Anfang November ist der Club mit einem Konzert von Sophie Hunger neu gestartet - mit 2G-Zugangsbeschränkungen, dafür ohne Abstands- und Maskenpflicht. „Es lief tiptop“, sagt Geschäftsführer Christoph Hengholt. Knappe vier Wochen lang: „Jetzt ist wieder Saure-Gurken-Zeit.“ Anfang Dezember verordnete das Land Niedersachen den Spielstätten die 2GPlus-Regelung. Seither sei „das Interesse des Gastes überschaubar“, sagt Hengholt, hoch sei hingegen die „No-Show-Rate“, der Anteil an Gästen, die ihre Konzerttickets einfach verfallen lassen. Mittlerweile ist der Club wieder zu; Konzerte rechnen sich nicht, „bei Partys kommt keine Stimmung auf“. Manche Konzert verschiebt Hengholt bereits zum vierten Mal. Festangestellte Mitarbeiter hat Hengholt in Kurzarbeit geschickt, für Aushilfskräfte hinter den Theken sucht er Alternativen, genauso für die Veranstaltungstechniker, von denen viele als Soloselbständige unterwegs sind. Ihnen brechen erneut die Einkünfte weg - wie übrigens auch den Künstlern. Was tun? Einerseits erlaubt die Politik Veranstaltungen. „Die sagen, ihr dürft ja Veranstaltungen machen, wir machen es nicht unmöglich.“ Aufforderungen zur Kontaktbeschränkung und Corona-Verordungen haben aber zur Folge, dass das Publikum ausbleibt und Konzerte unrentabel werden. Hengholt fordert deshalb „klare Regeln“, die langfristige Planungen möglich machen. Andererseits weiß er aber auch „Das Virus hält sich nicht an Regeln.“ 

Mehr zum Rosenhof:

Schwerin: Torsten Below ist Prokurist der Sport- und Kongresshalle Schwerin. Im November waren dorthin zum Konzert von Roland Kaiser 7500 Zuschauer gekommen, zur Pferdeshow „Cavalluna“ 3500. Jetzt ist die Halle geschlossen: Bis Jahresende ist alles abgesagt. Daran hat der Föderalismus seinen Anteil: Was die Corona-Verordnung im einen Bundesland erlaubt, ist im anderen verboten und im dritten mit diesen und im vierten mit jenen Auflagen verbunden. „Das macht die Sache noch schwieriger“, sagt Below: Statt sich auf den Schlitterkurs durch unterschiedliche Verordnungen zu begeben, verschieben Agenturen und Künstler ihre Tourneen. Immerhin: Bisher ist die Sport- und Kongresshalle ohne Unterstützungen durch die Krise gekommen, wenn auch zu dem Preis, der frei gewordene Stellen nicht neu besetzt worden sind.

Auch „Der Speicher“ lässt die Türen zum Veranstaltungssaal bis Mitte Januar zu. Zwar müssen die Mitarbeiter nicht um ihr Gehalt fürchten, weil das soziokulturelle Zentrum eine städtische Einrichtung ist, sagt Speicher-Mitarbeiterin Simone Hinrichs. Sie beschäftigt sich derzeit hauptsächlich damit, Veranstaltungen zu verlegen. Wenn von 130 Sitzplätzen maximal 40 besetzt werden dürften, lassen sich Konzert und Kabarett eben nicht mehr kostendeckend betreiben, und vor allem hat der November gezeigt: Selbst bei 40 Plätzen bleiben Stühle leer. „Unter 2GPlus-Bedingungen hatten wir 16 oder 17 Zuschauer“, sagt Hinrichs. Auch sie kritisiert den Appell, Kontakte zu vermeiden, ohne die Veranstaltungsorte zu schließen. „Das ist, als würde die Politik raten, auf Butter zu verzichten, die Bauern aber gleichzeitig bitten, weiter Butter herzustellen“, sagt Hinrichs. „Irgendwann gehen die Bauern in den Konkurs.“ Und Coronahilfen? Der Sonderfonds Kultur des Bundes legt für jedes verkaufte Ticket den Ticketpreis noch mal obendrauf. Kommen allerdings nur 16 Gäste, gibt es auch nur einen Zuschuss in Höhe von 16 Ticketpreisen - zu wenig, um den Betrieb aufrecht zu erhalten.

Flensburg: Im November hat Mike Rossow in seinem Club „Roxy Concerts“ noch zwei Partys mit jeweils 500 Leuten veranstaltet. Doch „mir ist das Ganze zu heiß“, sagt er. Zu viele Menschen, zu wenig Abstand, zu viel Gefahr, dass sich jemand mit Corona infiziert. „Ich gehe den Schritt, den die Regierung nicht geht“, sagt er. Zu 2GPlus hat Rossow eine klare Meinung: „Das ist Bullshit.“ Schon die 3G-Regelung sie kompliziert gewesen - um die Warteschlangen vor seinem Club nicht zu lange werden zu lassen, habe er „acht Securitys mehr“ als üblich engagiert. 2GPlus hat die Sache zusätzlich verkompliziert. Und wenn jetzt statt 500 Gästen nur 200 kommen dürfen, lassen sich Konzerte nicht wirtschaftlich betreiben, sagt Rossow. „Außerdem macht das die Veranstaltung kaputt.“ Rock-’n‘-Roll und Distanzgebot: das schließt sich gegenseitig aus. „Und nach dem dritten oder vierten Bier fallen sowieso sämtliche Hemmungen“, sagt Rossow. Deshalb bleiben die „Roxy Concerts“ bis auf Weiteres geschlossen. Auch er hadert mit der Politik: „Im Sommer hatten wir eine Inzidenz von Null, da durften 35 Leute kommen.“ Ab Mitte September gingen die Zahlen nach oben, trotzdem durfte er seinen Club voll machen. Während der umsatzstärksten Monate im Winterhalbjahr muss er wieder schließen - „mir fehlen 100.000 Euro in der Kasse.“ Jetzt plant er, ab Januar wieder zu öffnen, doch so richtig daran glauben mag er nicht. Auch er rechnet mit einer Dürrezeit bis März.

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