Osnabrück

Gustave Flaubert und seine kühle Pathologie der Gefühle

Dr. Stefan Lüddemann
|
Von Dr. Stefan Lüddemann
| 11.12.2021 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zeitgenössische Zeichnung des französischen Dichters Gustave Flaubert. Flaubert wurde am 12. Dezember 1821 in Rouen geboren und starb am 8. Mai 1880 in Croisset bei Rouen. Seinen literarischen Durchbruch erlangte er mit dem Roman «Madame Bovary» (1857). Foto: dpa Foto: dpa
Zeitgenössische Zeichnung des französischen Dichters Gustave Flaubert. Flaubert wurde am 12. Dezember 1821 in Rouen geboren und starb am 8. Mai 1880 in Croisset bei Rouen. Seinen literarischen Durchbruch erlangte er mit dem Roman «Madame Bovary» (1857). Foto: dpa Foto: dpa
Artikel teilen:

Er hatte seine berühmteste Figur Madame Bovary unter dem Skalpell - in der Karikatur. Mit dem Roman hat er seine Position in der Weltliteratur sicher. Jetzt wird Gustave Flaubert gefeiert, zum 200. Geburtstag.

Er hat ihr blutendes Herz auf ein Skalpell gespießt, der Herr mit dem Riesenschnauz und den Glubschaugen. Jetzt betrachtet er teilnahmslos das Organ, das er aus dem Körper der Frau herausgeschnitten hat. Der Karikaturist der Zeitschrift „La Parodie“ zeichnet Gustave Flaubert 1869 als Monster in Menschengestalt, als kalten Pathologen der Schicksale und Leidenschaften. Emma Bovary, die Hauptfigur des Romans, der seinen literarischen Weltruhm begründet, liegt hinter ihm auf dem Seziertisch, zerschnitten, ausgeweidet. Bitterböse Übertreibung? Nein, Flaubert ist der kälteste Analytiker der Weltliteratur, ein Perfektionist, wenn es darum geht, Lebenslügen zu demaskieren, zugleich ein Liebender, der mit seiner scheiternden Heldin leidet. Hier weiterlesen: Warum sollte man Gustave Flaubert im 21. Jahrhundert lesen? Übersetzerin Elisabeth Edl im Interview.

Rote Rosen für Emma

Emma Bovary, das ist die Frau mehr will, als das Leben ihr beschieden hat, die Frau, die aufbegehrt gegen die Langeweile in der Provinz. „Für mich soll´s rote Rosen regnen“: Die Liedzeile, die Hildegard Knef mehr als ein Jahrhundert später singt, könnte auch das Lebensmotto der Bovary sein, anrührendsten unter den leidenden Frauengestalten in großen Romanen des 19. Jahrhunderts. Emma Bovary ist innerlich noch zerrissener als Tolstois Anna Karenina, die auch im Selbstmord enden wird, allemal leidenschaftlicher als Fontanes Effi Briest. Das ist ein zu weites Feld? Beschwichtigungsformeln wie bei Theodor Fontane verbietet Flaubert sich. Er exerziert ein Schicksal, das vom Höhenflug jugendlicher Träumen über Ehebruch und Ausschweifung in den Absturz eines tristen Endes führt, mit klinischer Präzision.

Jugend an der Klinik

Die Karikatur, die den Romancier als Arzt am Sektionstisch zeigt, verweist auf Flauberts Biografie. Der Romancier wird am 12. Dezember 1821 als Sohn eines Arztes in Rouen geboren. Der Vater steht dem Städtischen Krankenhaus vor. Die Familie wohnt gleich nebenan. Der junge Flaubert hat Krankheit und Tod ständig vor Augen. Der Idiot der Familie, wie Jean-Paul Sartre den Autor in seinem kolossalen Flaubert-Buch nennen wird, studiert nur kurze Zeit Jura. Er wird Autor und was für einer. Er ist kein Berserker des Romans als Zeitgemälde wie Honoré de Balzac oder Émile Zola. Flaubert dagegen avanciert zum Puristen eines Stils von untrüglicher Treffsicherheit und zum Vorbild einer überlegenden künstlerischen Perspektive.

Wie Gott in der Schöpfung

„Der Künstler muss in seinem Werk wie Gott in der Schöpfung sein, unsichtbar und allmächtig; man soll ihn überall spüren, aber nirgendwo sehen“: Flaubert formuliert sein Ideal, das oft als Feier einer kalten Neutralität missverstanden worden ist. Sicher, er seziert in seinen größten Romanerfolgen „Madame Bovary“ (1857) und „Die Erziehung des Herzens“ (1869) das Leben mittelmäßiger Charaktere wie der unglücklichen Emma Bovary und des verlogenen Frédéric Moreau mit kühler Teilnahmslosigkeit. Zugleich lodert hinter der kalten Fassade dieses Gott-Autors der Hass eines Mannes auf die Stumpfheit der Provinz, ihrer Lieblosigkeit und Apathie. Flaubert legt sich ein eigenes Wörterbuch banaler Redensarten an und er trauert mit seinen Hauptfiguren um die verlorenen Ideale der Revolutionen von 1789 und 1848.

Diagnose der Gesellschaft

Flaubert will kein Therapeut sein, aber er macht aus dem Roman das Medium einer illusionslosen Diagnose der Wirklichkeit. „Dann wollte er endlich jenes unerklärliche, schillernde Unfassbare kennenlernen, das Gesellschaft heißt“: Seine Romanfigur Frédéric Moreau versagt in „Die Erziehung des Herzens“ jämmerlich bei dem Versuch, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Der Einzelne scheitert, weil die komplexe Gesellschaft sich ihm entzieht, weil sie fortwährend Optionen vorgaukelt, wo keine sind. Gustave Flaubert bewertet nicht, er beobachtet kleinste Verhaltensweisen seiner Figuren wie durch ein Mikroskop. Seine Romane lesen sich noch heute als unübertrefflich genaue Analysen der Widersprüche der Gesellschaft in der Moderne. Wer sein Glück sucht, wird allzu oft ihr Opfer.

Das Mehr vom Leben

Gustave Flaubert stirbt 1880 im normannischen Canteleu. Seine Madame Bovary hat ihr eigenes Leben im kollektiven Gedächtnis all jener Menschen angetreten, die vom Leben mehr erwarten, als vorgefertigten Konzepten nachzuleben. Der Prozess, der wegen angeblicher Sittenwidrigkeit des Buches gegen Flaubert einst angestrengt wurde - eine Episode in der Geschichte des Skandals. Flauberts literarischer Ruhm ist unangefochten, gerade als Analytiker einer komplexen Gesellschaft der Moderne, die sich zu seiner Zeit formierte und in deren Horizont wir heute noch leben. Bis heute hat jedenfalls kein Romancier sein literarisches Skalpell so genau geführt wie der schreibende Pathologe Gustave Flaubert.

Ähnliche Artikel