Hamburg
Terroranschlag in Hamburg vereitelt – Deutsch-Marokkaner in Haft
Der Fall weckt Erinnerungen an die Hamburger 9/11-Terroristen: Ein 20-jähriger Deutsch-Marokkaner hat Material für eine tödliche Bombe in seiner Wohnung gehortet und versucht, weitere Waffen zu kaufen.
Wäre dieser Sprengsatz in einer Menschenmenge hochgegangen, es hätte wohl Tote gegeben: Die Hamburger Sicherheitsbehörden haben offenbar einen schweren Terroranschlag mit islamistischem Hintergrund vereitelt. Wie Innensenator Andy Grote (SPD) am Freitag sagte, sei der mutmaßlich verhinderte Attentäter, ein 20 Jahre alter Deutsch-Marokkaner, bereits im August in der Hansestadt festgenommen worden und sitzt seither in Untersuchungshaft.
Material für Splitterbombe
Abdurrahman C. habe alle Zutaten für den Bau einer Splitterbombe aus Schwarzpulver, Nägeln und Schrauben übers Internet gekauft und zudem versucht, eine Pistole und eine Handgranate zu erwerben. Grote sprach von einer für die Stadt beispiellosen Bedrohung: „Wir haben es hier mit einem sehr, sehr ernsthaften Vorgang zu tun, wie wir ihn in Hamburg so noch nicht hatten.“ Mittlerweile sei die akute Gefahr eines Bombenanschlags gebannt. Über das mögliche Anschlagsziel ist den Fahndern bisher nichts bekannt. Auch hätten sich bei den monatelangen Ermittlungen keine Erkenntnisse über mögliche Mittäter oder Mitwisser ergeben.
Mit Frauen sprach er nicht
Nach Überzeugung von Staatsanwaltschaft und Polizei verfügt C. über einen eindeutig islamistischen und gewaltbereiten Hintergrund. Das hätten bei ihm gefundene Datenträger bestätigt. C. sei radikal-islamistisch geprägt, sagte der Leiter der Staatsschutzabteilung im Landeskriminalamt (LKA), Claus Cortnumme. Er habe sich im Netz exzessiv mit Waffen, Gift und Sprengvorrichtungen auseinandergesetzt und gewaltverherrlichendes Material konsumiert. Cortnumme: „Er hat sich sehr für Märtyrertod und Paradieseintritt interessiert.“
Verbindung zu den Terrorpiloten von 9/11
Zeugen beschrieben den jungen Mann nach den Angaben als introvertierten Einzelgänger, der streng nach islamischen Regeln lebte. So habe er nicht mit Frauen gesprochen und keinen Alkohol getrunken.
Obendrein weist der Tatverdächtige eine indirekte Verbindung zu den Terroranschlägen des 11. September 2001 auf, die wesentlich in Hamburg vorbereitet worden waren. Sein marokkanischer Vater sei den Behörden seinerzeit als Mitglied der extremistischen Islamszene bekannt gewesen, sagte LKA-Chef Mirko Streiber. C. senior fungierte als Vorstand der berüchtigten Al-Quds-Moschee in St. Georg, wo sich die Terrorpiloten um Mohammed Atta regelmäßig trafen.
Festnahme bei Waffenübergabe
Abdurrahman C. ist in Hamburg geboren und in Billstedt aufgewachsen. 2016 zog er mit seiner Familie nach Marokko, kehrte vor einem Jahr nach Hamburg zurück. Er nahm an einem Studienkolleg in Wismar teil, schaffte die Prüfung aber nicht.
Im vergangenem Sommer habe er versucht, im Darknet eine russische Makarow-Pistole mit 50 Schuss und eine Handgranate zu kaufen. Verdeckte Ermittler gaben sich als Verkäufer aus und nahmen den 20-Jährigen bei der fingierten Übergabe auf einem Parkplatz an der Kieler Straße fest.
Bei der Durchsuchung einer von ihm genutzten Wohnung in Rahlstedt seien die Chemikalien für den Bau eines Sprengsatzes gefunden worden, sagte Grote - darunter ein Kilogramm Kaliumnitrat, ein Kilogramm Schwefel und ein halbes Kilo Holzkohlestaub sowie mehrere Hundert Schrauben und Muttern. Nach Polizeiangaben hätte eine solche Bombe „im Nahbereich tödlicher Verletzungen“ verursachen können.
Bundesanwalt prüft Übernahme der Ermittlungen
Dem 20-Jährigen werden versuchte Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat und der versuchte Erwerb einer Kriegswaffe vorgeworfen. Kommende Woche will der Bundesanwalt in Karlsruhe entscheiden, ob er die Ermittlungen an sich zieht.
Am vergangenen Mittwoch hätten Ermittler in dem Zusammenhang in mehreren Bundesländern 16 Wohnungen von Kontaktpersonen des Beschuldigten durchsucht, sagte Hamburgs Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich. Insgesamt 130 Ermittler seien im Einsatz gewesen. In den Wohnungen in Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Baden-Württemberg seien Handys, Tablets, Notebooks und Speichermedien sichergestellt worden. Die Auswertung laufe noch.