Hamburg
Tür an Tür mit Olaf Scholz: Mein Nachbar, der Kanzler!
Seine Studentenwohnung in Hamburg-Altona hat Olaf Scholz (SPD) nie aufgegeben. Unsere Autorin wohnt nur wenige Meter von ihm entfernt. Was denkt die Nachbarschaft über Deutschlands neuen Bundeskanzler? Ein Stimmungsbild.
Olaf Scholz hat Inge Roland (Name geändert) mal wieder eine schlechte Nacht beschert. Um fünf Uhr morgens wurde sie vom Gelächter der Polizisten geweckt, die das Haus ihres berühmten Nachbarn bewachen, der direkt gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnt. „Als ob die Party machen“, so beschreibt die 70-Jährige die Geräuschkulisse.
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Nachbarn genervt von ständiger Polizeipräsenz
Während Olaf Scholz am Mittwochvormittag in Berlin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Kanzler ernannt wird, sitze ich in Inge Rolands Esszimmer im Stadtteil Altona-Altstadt. Das Frühstück steht noch auf dem Tisch, Kerzen brennen, eine Freundin ist zu Besuch. Zeit für einen kurzen Plausch hat die Rentnerin trotzdem. „Wie ist Scholz so als Nachbar?“, will ich wissen, denn auch ich wohne seit zwei Jahren nur wenige Meter von seiner Wohnung entfernt. Persönlich gesehen habe ich ihn in dieser Zeit nie, kenne nur die rot-weißen Absperrgitter und das rund um die Uhr besetzte Polizeihäuschen, über das sich Inge Roland beklagt.
Der kleine weiße Container steht direkt unter ihrem Schlafzimmerfenster. So bekomme sie alles mit: „Es wird geraucht, geredet, ins Walkie Talkie gebrüllt und auch mal das ein oder andere Privatgespräch mit der Frau am Telefon geführt.“ Im Sommer ziehe der Qualm direkt in die Wohnung. „Ich habe nichts gegen die Polizei, aber das ist einfach unsozial.“ Ihr Mann sei gerade auf dem Land, um doppeltverglaste Fenster anzufertigen, die den Lärm abschirmen sollen. Ein finanzieller Aufwand, für den der neue Bundeskanzler aufkommen sollte, findet die Freundin. Und überhaupt: „Der ganze Polizeischutz, was das kostet“, sagt Roland.
In Altona lebte Scholz schon als Student
Seit 25 Jahren leben die Rolands in ihrer Altbauwohnung. Scholz war aber schon vor ihnen da, wohnt in Altona seit Studententagen. Mit dem Objektschutz sei es losgegangen, nachdem es 2013 eine Farbbeutel-Attacke auf das Wohnhaus des damaligen Hamburger Bürgermeisters gegeben hatte. Hintergrund waren Demonstrationen für die Rechte der Lampedusa-Flüchtlinge.
Dass der SPD-Politiker seinen Wohnsitz in der Hansestadt nicht aufgibt, obwohl er seinen Hauptsitz in Potsdam hat, versteht die Nachbarin nicht. „In Hamburg sind Wohnungen knapp, die Leute stehen Schlange, das passt nicht zu seiner sozialdemokratischen Haltung.“ Persönlich darauf angesprochen habe sie Scholz aber noch nie. „Nicht, dass seine Bodyguards sich auf mich stürzen.“ Jetzt, wo er Kanzler ist, befürchtet Roland, dass alles noch viel schlimmer wird. Ich wünsche trotzdem alles Gute und verabschiede mich.
Der Bundeskanzler und seine Liebe zur Elbe
Auf dem Weg zum Kiosk an der Ecke, in dem Olaf Scholz seine Brötchen kauft, treffe ich eine ältere Dame, die seit 30 Jahren in der Nähe wohnt. Kann der Kanzler? „Kleine Politiker wollen gern nach oben“, sagt sie und vergleicht Scholz mit Waldimir Putin. „Der hat Dreck am Stecken, aber windet sich immer raus.“ Persönlich habe sie den SPD-Mann auch schon ein paar mal gesehen, joggend, in Begleitung mehrerer Bodyguards. „Der düst gerne an seiner geliebten Elbe entlang.“ Aber der ganze Polizeischutz, das stehe allen Anwohnern bis „hier“, sagt sie und hält die Hand an die Stirn. Ein Ehepaar, das ich auch noch gerne befragen möchte, winkt beim Namen Olaf Scholz wütend ab: „Och nö!“
Also nächster Versuch. Ist Scholz ein netter Nachbar? „Der ist zu Jedermann freundlich, das kann man nicht anders sagen. Er grüßt, wenn er sich drüben die Zeitung holt“, sagt der 94-Jährige mit blauem Einkaufsbüdel in der Hand und deutet Richtung Kiosk. Aber das mit der Wohnung hier, das sei Blödsinn. „Was soll das? Da könnte doch einer einziehen.“ Ok, als Nachbar also abgehakt, aber als Bundeskanzler? „Als Bürgermeister war der nicht so doll. Die SPD hier war froh, als der nach Berlin ging. Weiß nicht, ob das wat wird mit ihm. So, ich muss weiter.“
Claudia Dyroff, die ebenfalls Richtung Einkaufsstraße läuft, ist sich sicher, dass das nichts wird. „Ich verstehe die Welt nicht mehr“, sagt die 52-Jährige, die selbst die Linke wählt. „Als Politiker ist er mir einfach zu blass.“
Scholz' Einkaufsliste: Brötchen, Zeitungen, Wasser
In dem kleinen Eck-Kiosk dann endlich freundlichere Töne über Deutschlands frisch gewählten Kanzler. „Er hat das drauf und ist ein sympathischer und offener Mensch“, sagt Sergio Gün. Der 37-Jährige steht seit fünf Jahren hinter der Ladentheke, verkauft frische Brötchen und nimmt auch gern die Pakete der Nachbarschaft an. „Eins von Olaf Scholz war auch mal dabei, da stand sein Name drauf.“
„Der geborene Kanzler“
In letzter Zeit wird er häufiger zum Interview gebeten, die Hamburger Lokalpresse will wissen, was er denn so einkauft, Deutschlands mächtigster Mann. Dabei ist Scholz' letzter persönlicher Besuch rund neun Monate her. „Er hat eine 1,5 Liter Flasche Wasser gekauft. Ich glaube Volvic.“
Auch Brötchen und Zeitungen besorgte sich Scholz bei Gün. Einmal habe er dem Politiker gesagt, dass die SPD mehr für die Kurden in Deutschland tun müsse. „Er hat mir zugehört, wir haben uns unterhalten.“ Mit seiner Erfahrung als Hamburger Bürgermeister sowie Finanzminister sei Scholz der geborene Kanzler.
Auch Tim Oehler, der eine Schachtel Zigaretten kauft, findet Scholz' Art perfekt für das Kanzleramt. „Er kriegt es hin, sowohl die FDP als auch die Grünen an einem Tisch zu behalten.“
Ist das so? „Das werden die nächsten 100 Tage zeigen“, sagt Wilfried Voigt, der draußen mit seiner Frau Heidemarie die Straße passiert. „Wir sind beide Sozialdemokraten und haben ihn gewählt“, so die 65-Jährige. Distanziert, aber verantwortungsvoll hätten sie ihn wahrgenommen und auch als Bürgermeister habe er einen guten Job gemacht, sich mit dem G20-Gipfel aber überschätzt. Auch hier im Viertel brannten damals zahlreiche Autos.
Und mit Scholz schon mal persönlich gesprochen? „Ja“, sagt Wilfried Voigt. Da er wisse, dass der Kanzler gerne rudert, habe er gerufen: „Passen sie auf, dass Sie nicht untergehen.“ Ein gut gemeinter Rat, den er hier nicht von jedem bekommt.