Osnabrück
Cold Cases: So viele Tötungsdelikte sind in Niedersachsen ungeklärt
Wie viele ungeklärte Tötungsdelikte gibt es in Deutschland? Auf diese vermeintlich einfache Frage gibt es keine klare Antwort. Was feststeht: Es sind viele Tausend. Mehrere Hundert davon stammen aus Niedersachsen.
In Deutschland sind weit mehr als 3100 Tötungsdelikte ungeklärt. Das ergab eine bundesweite Umfrage unserer Redaktion. Eine genaue Zahl lässt sich aber nicht nennen, da in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich mit dem Altfällen verfahren wird.
So meldeten insgesamt nur 14 Länder beziehungsweise deren Polizeibehörden überhaupt Zahlen zurück: Sachsen und Sachsen-Anhalt konnten keine entsprechenden Daten melden. Nordrhein-Westfalen indes führt 1160 und damit die meisten solcher offenen Fälle an.
(Weiterhören: Ein Cold Case als Podcast: „Die Anhalterin - Wer tötete Ute Werner?“)
Es folgen Baden-Württemberg und Niedersachsen mit 550 beziehungsweise 375 entsprechenden Cold Cases. Bundesweit meldeten die Behörden 3133 Cold Cases auf Anfrage. Das sind die Zahlen für den Norden:
Alle norddeutschen Bundesländer meldeten Zahlen. Aus dem Rest Deutschlands waren die Rückmeldungen spärlicher. Teilweise unterscheidet sich das Vorgehen sogar innerhalb von Bundesländern. So meldete das Polizeipräsidium aus Mainz 13 ungeklärte Tötungsdelikte. Andere Präsidien in dem Bundesland winkten indes ab. „In Ermangelung einer fachlich festgelegten Definition des Begriffes ,Cold Case‘ können wir Ihre Fragen leider nicht valide beantworten“, hieß es aus Koblenz.
Von Pensionären bis Polizeischülern
Tatsächlich gibt es keine wissenschaftlich präzise Definition. Jedes Bundesland legt eigene Maßstäbe an, offenbar teilweise auch jedes Polizeipräsidium. Niedersachsen beispielsweise hat ein Gesamtkonzept zum Umgang mit ungeklärten Mordfällen erarbeiten.
Demnach „handelt es sich bei Cold Cases um ungeklärte Tötungsdelikte oder Vermisstenfälle mit dringendem Verdacht auf ein Tötungsdelikt, bei denen die Strafverfolgungsbehörden die Akten ,geschlossen‘ haben. So steht es in einer Antwort des Innenministeriums auf Anfrage der FDP im Landtag.
Einmal im Jahr wird abgefragt, wie viele solcher Fälle es im Land gibt. Aktuell sind es 375 Cold Cases, darunter 44 Vermisstenfälle, bei denen die Polizei von einem Tötungsdelikt ausgeht. Auf Ebene der Polizeiinspektionen sind sogenannte Ermittlungsgruppen eingerichtet worden, die sich schwerpunktmäßig um die ungelösten Fälle kümmern.
Im benachbarten Nordrhein-Westfalen geht man noch einen anderen Weg: Dort sind kürzlich 23 alte Ermittler reaktiviert worden. Die eigentlich bereits pensionierten Polizisten haben eine „Auffrischungswoche“ durchlaufen. „In dieser wurden sie über neue Ermittlungsmethoden unterrichtet und in die Bearbeitungsstruktur eingewiesen“, heißt es vom Innenministerium aus Düsseldorf.
Gewerkschaft: Bundesweite Cold-Case-Einheiten
Jetzt sollen die neuen Alt-Ermittler Akten ungeklärter Fälle digitalisieren, Asservate begutachten, Aufklärungschancen erkennen und Ermittlungskonzepte erarbeiten. Die Ergebnisse geben sie dann weiter an die örtlich zuständigen Polizeikollegen. In Niedersachsen läuft es genau anders herum: Hier haben zuletzt immer wieder Schüler der Polizeiakademie in Nienburg Mordermittlern geholfen und Cold Cases noch einmal durchleuchtet.
Der Bund Deutscher Kriminalbeamter fordert bundesweit ein konzentrierteres Vorgehen bei den Ermittlungen zu alten Tötungsdelikten. Häufig würden die Cold Cases „neben dem Alltagsgeschäft“ bearbeitet, so Vorsitzender Dirk Peglow. (Weiterlesen: Cold-Case Martin Drewes: Darum behalten Ermittler Details für sich)
Er sagt: „Die Einrichtung sogenannter Cold Case Units als selbstständige Dienststellen ist daher die beste Lösung, um Altfälle in der gebotenen Form zu bearbeiten und wenn möglich aufzuklären.“ Das sei nicht nur eine Verpflichtung gegenüber den Opfern. Die Aufklärung habe „vor allem für die Angehörigen der Opfer eine enorme Bedeutung“, so Peglow.
Weiterhören: Ein Cold Case als Podcast: „Die Anhalterin - Wer tötete Ute Werner?“