Hannover

Niedersachsen stemmt sich weiter gegen generelle Schulschließung

Lars Laue
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Von Lars Laue
| 30.11.2021 17:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In Niedersachsen gilt an den Schulen eine durchgängige Maskenpflicht. Das soll auch so bleiben. Auch sollen die Schulen nach wie vor nicht wieder flächendeckend geschlossen werden. Foto: Felix Kästle/dpa
In Niedersachsen gilt an den Schulen eine durchgängige Maskenpflicht. Das soll auch so bleiben. Auch sollen die Schulen nach wie vor nicht wieder flächendeckend geschlossen werden. Foto: Felix Kästle/dpa
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Werden die Weihnachtsferien nun vorgezogen? Bleiben die Schulen angesichts der unaufhörlich steigenden Corona-Zahlen überhaupt bis dahin geöffnet? Im Interview wagt Kultusminister Grant Hendrik Tonne einen Ausblick.

Herr Kultusminister Tonne, waren Sie schon auf einem Weihnachtsmarkt oder verzichten Sie angesichts der aktuellen Corona-Lage lieber darauf?

Ich schränke meine privaten Aktivitäten bereits seit Längerem deutlich ein. Auch bei den außerschulischen Kontakten meiner Kinder sind wir wieder strenger. Das ist bedauerlich und macht keinen Spaß, aber die Lage ist ernst. Priorität hat, dass Schulen und Kitas offenbleiben und dafür kann jeder etwas tun, indem bei privaten Kontakten und im Freizeitbereich deutlich heruntergefahren wird.

Weihnachtsmärkte sind weiterhin erlaubt und Fußballstadien dürfen zur Hälfte mit Zuschauern besetzt werden, aber bis mindestens Ende Januar sind sämtliche Klassenfahrten bereits abgesagt - wie passt das zusammen?

Die Bilder aus den Bundesligastadien muten aus der Zeit gefallen, deplatziert, nahezu grotesk an. Ich bin glühender Fußballfan, aber damit werden die komplett falschen Signale gesendet. Wir haben ein strenges Regelwerk für Schulen und Kitas aufgelegt, um Sicherheit zu schaffen, damit die Bildungseinrichtungen offen bleiben können. Dazu gehört auch das Absagen von Klassenfahrten. Das ist hart, aber notwendig. Es gilt, sich auf das Notwendige zu konzentrieren und das sind Angebote für Bildung und Betreuung. Wenn gleichzeitig wie in Nordrhein-Westfalen 50.000 größtenteils Erwachsene ohne Abstand und Maske feiern, dann ist das natürlich schräg. Die Kinder und Jugendlichen, die Familien insgesamt, dürfen nicht erneut die Leidtragenden sein, daher müssen jetzt die Erwachsenen zurückstecken und sich diszipliniert verhalten. Das bedeutet: Sich impfen lassen und die Füße stillhalten, was Kontakte und Aktivitäten anbelangt.

Die Debatte um das Vorziehen der Weihnachtsferien ist im vollen Gange und in einigen Bundesländern sind frühere Ferien schon beschlossene Sache. Wann fällt dazu die Entscheidung bei uns in Niedersachsen?

In diesem Moment, wo wir dieses Gespräch führen, gibt es keinen neuen Sachstand, es gibt kein Vorziehen und kein Ausschließen. Wir beraten innerhalb der Landesregierung derzeit über den Kurs insgesamt. Fakt ist: Als isolierte Einzelmaßnahme lehne ich vorgezogene Ferien ab. Wir benötigen ein Gesamtpaket aus Kontaktbeschränkungen und schärferen Reglementierungen insbesondere bei Großveranstaltungen, Diskotheken und in Hotspots. Alles liegt auf dem Tisch. Wir werden das Ergebnis unverzüglich mitteilen, damit alle Planungssicherheit haben. Ich weiß, wie wichtig das für Familien und die Schulen ist.

Können die Schulen überhaupt bis Weihnachten geöffnet bleiben? Ein genereller Wechsel ins Homeschooling scheint momentan wieder näher zu rücken.

Ein genereller Wechsel ins Distanzlernen ist nicht vorgesehen. Diese Art von de facto flächendeckenden Schulschließungen lehne ich auch klar und deutlich ab. Das hat bei vielen Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren hinterlassen. Die Politik ist gut beraten, dazu zu lernen und ihrer Aussage, dass jetzt die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt stehen müssen, Taten folgen lassen. Schul- und Kitaschließungen müssen unbedingt vermieden werden. Dass örtliche Gesundheitsämter aus Gründen aktueller Infektionsschutzmaßnahmen auch Wechsel- oder Distanzunterricht anordnen, war und ist natürlich möglich und hat dann auch seine Berechtigung.

Aber letztlich scheint doch ein Lockdown für alle unvermeidbar zu sein oder wie sehen Sie das?

Es ist jetzt an der Zeit für umfassende Maßnahmen: Noch mehr Impfen, Boostern, weitestgehend FFP2-Maske tragen, Kontakte reduzieren. Wir müssen runter bei den Neuinfektionen. Gleichzeitig müssen Schulen und Kitas grundsätzlich offenbleiben. Wie Sie das nennen, ist mir gleich. Es muss wirken und die Belange der Kinder und Jugendlichen und der Familien berücksichtigen.

Kommunale Spitzenverbände haben massiv kritisiert, dass Diskos weiterhin geöffnet sind. Haben Sie Verständnis dafür, wenn Jugendliche trotz der explodierenden Corona-Zahlen in die Disko gehen und das Virus von dort womöglich in die Schulen tragen?

In Niedersachsen werden die allgemeinen Regeln ja weiter verschärft, ab diesem Mittwoch gilt so gut wie überall 2Gplus. Und noch weitere Verschärfungen haben wir in der Pipeline. Insbesondere in den höheren Warnstufen und in Corona-Hotspots wird es zu Einschränkungen vor allem für Ungeimpfte kommen.

Wieso werden ungeimpfte Schüler angesichts der dramatischen Corona-Situation eigentlich weiterhin nur dreimal wöchentlich vor der Schule getestet und nicht täglich?

Mit dreimal sind wir vorne mit dabei und agieren auf Grundlage der wissenschaftlichen Empfehlung. Viel hilft nicht immer viel. Zuletzt haben die Leopoldina-Wissenschaftler das dreimalige Testen als richtigen Weg genannt. Zudem: Wenn es Verdachtsfälle gibt, wird fünfmal getestet, also bei konkreten Anlässen wird der Testrhythmus erhöht. Dafür entfallen die Quarantäne und die Kontaktnachverfolgung.

Medienwirksam startete am Montag eine konzertierte Aktion zur Auffrischung des Impfstatus für die rund 25.000 Beschäftigten der Polizei Niedersachsen. Wäre eine solche „Booster“-Sonderaktion für die vielen Schulbeschäftigten im Land nicht mindestens genauso angezeigt?

Natürlich brauchen wir den Lehrer-Booster. Alle Lehrerinnen und Lehrer sollten schnellstmöglich ihre Drittimpfung erhalten. Wir arbeiten gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium an niedrigschwelligen Angeboten im Schulkontext. Quer durch das Land können und sollen die Angebote der mobilen Impfteams und der Ärzteschaft auch angenommen werden. Schülerinnen und Schüler sowie Eltern sollen sich erst- oder zweitimpfen lassen und die Lehrkräfte sich ihren Booster holen.

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