Osnabrück

Der Bobo und der Bergbauer: Über das Elend moderner Landwirtschaft

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 29.11.2021 16:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 8 Minuten
Das Panorama lässt die große Not der Bergbauern schnell vergessen: Journalist Florian Klenk hat ein Buch über seine Freundschaft zum Bergbauern Christian Bachler geschrieben. Doch eigentlich geht es darum um viel mehr. Foto: imago/Eibner Europa
Das Panorama lässt die große Not der Bergbauern schnell vergessen: Journalist Florian Klenk hat ein Buch über seine Freundschaft zum Bergbauern Christian Bachler geschrieben. Doch eigentlich geht es darum um viel mehr. Foto: imago/Eibner Europa
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Hoch oben beim Bergbauern Christian Bachler lernte der Journalist Florian Klenk einiges über das Elend der Landwirte in unserer Zeit. Über seine Erfahrungen und sein Buch „Bauer und Bobo“ spricht er im Interview.

Der Ausgangspunkt war ein Unglück in den Alpen: Eine Kuh tötete auf einer Alm eine Touristin. Ein Gericht in Österreich verurteilte den Bauern zu Schadenersatz. Florian Klenk, streitbarer Journalist aus Wien, begrüßte das Urteil in einer Talkshow - und erntete dafür einen Sturm der Entrüstung aus der Landwirtschaft. Vorne weg: Der Almbauer Christian Bachler, der ein Wutvideo bei Facebook hoch lud.

Dieses Video sollte der Beginn einer ziemlich ungewöhnlichen Freundschaft werden zwischen dem Bauern und dem Journalisten, der ein Praktikum auf dem Bachler-Hof absolvierte. Darüber hat Klenk nun ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Bauer und Bobo: Wie aus Wut Freundschaft wurde“. Eigentlich geht es auf den 160 Seiten aber um viel mehr: um das Leben auf dem Land in der heutigen Zeit, um die Zwänge der modernen Landwirtschaft und wie sie die Bauern krankmachen.

Im Interview berichtet Klenk, wie er droben auf der Alm bei Bauer Bachler in eine Welt eintauchte, die den meisten von uns verborgen bleibt.

Herr Klenk, fangen wir mal mit dem Titel an. Was ist ein Bobo?

Das ist eine leicht spöttische Bezeichnung für einen verschnöselten Städter, der in seiner Wiener Hipster-Blase lebt, von nichts wirklich Ahnung hat, seinen Chai Latte nur mit Mandelmilch trinkt. Kurzum: ein ziemlich abgehobener Typ. Die Steigerung wäre dann der Ober-Bobo. Das bin ich. Der Chefredakteur einer Wochenzeitung, deren Leser aus einem liberalen urbanen Milieu erscheint.

Bauer Bachler hatte Sie in seinem Video so bezeichnet. Hat er Recht?

Ich hoffe nicht! Natürlich lebe ich in einem ganz anderen Umfeld als der Herr Bachler, weit weg von dem Leben und den Problemen auf dem Land. Aber da war dieser eine Satz in seinem Wutvideo, der mich irgendwie getroffen hatte: Der Vorwurf, ich hätte keine Ahnung von ,bäuerlicher Gesellschaft‘. Darüber bin ich ins Nachdenken gekommen und habe gemerkt: Diese ,bäuerliche Gesellschaft‘ ist sozusagen Teil von mir, sie sitzt neben mir am Küchentisch: mein Vater. Der ist in den 50er-Jahren in einer Gesellschaft groß geworden, die fast nur aus Bauern bestand. In gerade einmal einer Generation hat sich das total gewandelt. Meine Familiengeschichte ist da prototypisch.

Innerhalb von einer Generation vom Bauern-Bub zum Bobo. Wie ist es dazu gekommen?

Eine Entwicklung der Moderne… wir haben es zunächst bei den Handwerkern gesehen, dann betraf es die Landwirtschaft: eine Industrialisierung der Produktion, eine Mechanisierung der Arbeitskraft. Befeuert wurde diese Entwicklung in der Landwirtschaft durch die zwei politischen Mantras nach den Weltkriegen: Wir brauchten schnell viele Lebensmittel, um die Bevölkerung satt zu kriegen. Man darf ja nicht vergessen: Vor 70 Jahren war Hunger in Europa noch alltäglich. Und zugleich wurden die Weltmärkte geöffnet. Die Preise, die Bauern für ihre Produkte erhalten, sind dadurch teilweise ins Bodenlose gepurzelt. Denken wir nur mal an die Milch- oder aktuell auch die Schweinepreise.

Diese Doktrin hat Agrarstrukturen befeuert, die mit dem Bachler-Hof in der Steiermark nichts mehr zu tun haben. Der Betrieb wirkt wie ein Idyll.

Das ist er vielleicht aus unserer, städtischen Sicht. Tatsächlich aber ist es ein harter Kampf um die Existenz. Die Bauern haben in ihren Schulen gelernt: ,Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit‘. Sprich: Sie müssen größer werden und mehr produzieren, immer mehr. Diese Zwänge gelten auch für den Bachler-Hof. Die eigenen Standesvertreter haben diese Entwicklung in den Verbänden forciert, die Bauern selbst waren weitgehend still. Bachlers Mutter hat mir gesagt: Wenn man Schulden hat, ist man still. Das ist so, das konnte man bei den Landwirten genauso beobachten. Auch bei Bauer Bachler, der darüber krank geworden ist, weil er versucht hat, mitzuhalten mit der Entwicklung, aber nicht konnte.

Moment, der Bachler war doch alles andere als ruhig. Er hat Sie ja öffentlich beschimpft!

In dem Video ging es aber nicht um die Finanzsituation auf seinem Hof, sondern um den Bobo. Aber es ist schon richtig: Bachler hat das Schweigen der Bauern mithilfe der Sozialen Netzwerke durchbrochen. 250.000 Menschen hat er damit innerhalb weniger Tage erreicht. So etwas wäre ja vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen, da hatten Almbauern wie der Bachler gar keine Stimme und wurden nicht wahrgenommen. Er hat mir mal gesagt: Die sozialen Netzwerke sind für die Bauern die Trecker des 21. Jahrhunderts. Einerseits, weil sie sich direkt Öffentlichkeit verschaffen können. Anderseits, weil sie hier direkt ihre Produkte vermarkten. Wenn der Bachler heute ein Schwein oder Rind schlachtet, ist das binnen eines Tages verkauft.

Gibt es in der Erzählung über das Drama der modernen Landwirtshaft den einen Bösewicht?

Nein, ich denke nicht. Vielen Menschen ist dieses Drama ja auch gar nicht bewusst, das sich auf dem Land abspielt. Diese Entwicklung auf den Höfen haben die Konsumenten und Wähler ja gar nicht mitbekommen. Sie wurde geschickt von uns ferngehalten. Nehmen wir die Fleischproduktion: Das Schlachten findet nicht mehr vor den Augen der Bevölkerung statt. Das ist der große Unterschied zur bäuerlichen Gesellschaft, wo das produzieren von Nahrung ein gesellschaftliches Ereignis waren. Heute ist das vollkommen aus den Dörfern verschwunden. Erst das Schlachten, mittlerweile aber auch die Schweinehaltung selbst. Wenn ich mir moderne Ställe anschaue, die ja eher große Produktionshallen sind, dann hat das mit bäuerlich nichts mehr zu tun. Das sind Optimierungsfabriken. Niemand weiß wirklich, wie das Fleisch produziert wird, das wir essen.

Wollen wir das wirklich wissen? Ist das nicht eher eine stillschweigende Übereinkunft zwischen Gesellschaft und Produzenten? Wer will denn bitte sehen, wie ein Schwein geschlachtet wird?

Tierschutz- und Tierrechtsorganisationen zeigen es uns ja immer wieder. Sie dokumentieren Fehlentwicklungen und veröffentlichen, wo das Fleisch herkommt, das wir so essen. Sicherlich ist Töten nie schön. Ich war auf dem Bachler-Hof bei einer Hausschlachtung dabei. Aber im Fall seiner Schweine kann man sagen, dass sie bis dahin, bis zu ihrem Tod ein gutes Schweineleben hatten. Das kann man über die Tiere aus der Massentierhaltung wohl nicht sagen.

Die Bauern mit solchen Ställen, und nicht nur die, würden Ihnen jetzt vehement widersprechen…

Der Wirtschaftszweig steckt viel Geld rein, die moderne Produktion zu verteidigen. Da wird dann der Vollspaltenboden oder der sogenannte Ferkelschutzkorb verteidigt, als sei es das allerbeste für die Tiere. Das stimmt natürlich nicht. Es ist das Beste aus Sicht des Kapitalismus. Ferkelschutzkorb! Allein dieser Begriff für eine Art Käfig, der die Sau in der Bewegung einschränkt! Das ist ja schon Framing nach Orwell’schem Vorbild. Wenn die Politik vorgeben würde, dass beispielsweise die Haltungsform auf die Fleischverpackung gedruckt werden müsste - Vollspaltenbodenfleisch und Strohfleisch - dann hätte sich der Vollspaltenboden schnell erledigt.

Der Bachler-Hof wirft trotz allem ja nicht genug Geld ab. Die durchrationalisierten Großbetriebe gerade im Schweinesektor aber auch nicht. 20 Euro gibt es derzeit pro Ferkel…

Das ist es ja. Es funktioniert nicht. Ich habe einen dieser großen Betriebe in Österreich besucht und mich mit dem Bauern unterhalten. Als zweiten Wirtschaftszweig betreibt er Bio-Himbeer-Anbau. Mit den Himbeeren verdient er richtig gutes Geld, die verkauft er in Supermärkten an die Bobos. Mit der Schweinehaltung ist kaum Einkommen zu erzielen. Ohne die Einkünfte aus den Bio-Himbeeren würde es ewig dauern, diesen Stall abzubezahlen.

Die Bauern in Ihrem Buch sehen die Billigkonkurrenz aus Deutschland als mitschuldig am Niedergang der Landwirtschaft in Österreich. Die Bauern in Deutschland wiederum kommen selbst nur schwerlich über die Runden.

Das ist schon bemerkenswert. Die Lage der Bauern ist eine soziale. Das sind Leute gerade auf den kleineren Höfen, die hart arbeiten, aber kaum über die Runden kommen. Diese Landwirte haben kaum eine Lobby, ihr Schicksal wird kaum wahrgenommen.

Ein neues Prekariat auf dem Land?

In gewisser Weise. Gleichzeitig haben diese Menschen ja oft noch einen gewissen Grundbesitz, der ist natürlich wertvoll. Das macht sie so interessant für die Banken, die Kredite ausgeben. Der Bauer haftet mit Grund und Boden, der seit Generationen im Besitz der Familien ist. Das sind Drücke und Zwänge, die man als Bobo nur schwer nachvollziehen kann.

Sie haben den überschuldeten Bachler-Hof mit einem Crowdfunding gerettet. Das kann ja kaum die Lösung der Probleme für alle Höfe sein.

Sicher nicht. Aber es hat doch gezeigt: In der Bevölkerung ist eine Empathie für die Situation die Bauern da. Und es gibt Finanzierungswege, bei denen das Geld direkt an den Bauern geht. Vielleicht ist das ein Ausweg für viele Bauern. Ich will ganz sicher nicht zurück in die Zeit, in der Bauern noch mit der Heugabel gearbeitet haben. Landwirtschaft muss aber auch dem Bauernwohl verpflichtet sein, sie müssen von ihrer Arbeit leben können. Wenn diese Not auf den Höfen sichtbarer wäre, dann würde sich sicherlich schneller einiges ändern.

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Florian Klenk: „Bauer und Bobo: Wie aus Wut Freundschaft wurde“, 160 Seiten, Paul Zsolnay Verlag, 20 Euro, ISBN 978-3-552-07259-6 

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