Osnabrück
Wie eine Hellmann-Mitarbeiterin bei der Integration von Flüchtlingen hilft
Hellmann-Mitarbeiterin Jutta Oeltjendiers ist für ein Jahr Niedersachsens Regionalbotschafterin im bundesweiten „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“. So hat sie zwei Geflüchteten im Osnabrücker Logistik-Unternehmen geholfen.
Sechs Jahre sind mittlerweile seit dem Sommer 2015 vergangen, in dessen Folge mehr als eine Million Schutzsuchende nach Deutschland kamen. Die Herausforderungen, Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren, sind jedoch seit dieser Zeit nicht weniger geworden, weiß Jutta Oeltjendiers. Jüngst wurde die Ausbildungsreferentin des Osnabrücker Logistikdienstleisters Hellmann Worldwide Logistics zu Niedersachsens Regionalbotschafterin der bundesweiten Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums und des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ ernannt.
Vernetzung vorantreiben und Know-how bündeln
Teil des Netzwerks ist Hellmann bereits seit der Gründung vor mehr als fünf Jahren. Ein Jahr lang wird Oeltjendiers nun Ansprechpartnerin und Schnittstelle für niedersächsische Unternehmen sein, die Vernetzung vorantreiben, Know-how und regionale Besonderheiten bündeln und bundesweit mit anderen Regionalbotschaftern Informationen austauschen. Ihre Expertise wollen sie durch das Netzwerk an die Politik weitergeben.
Die Arbeit mit Menschen anderer Herkunftsländer und ihre Integration ins Unternehmen sind für Jutta Oeltjendiers nicht neu. Seit 2013 - lange bevor sich viele Firmen im Zuge der Flüchtlingswelle mit dem Thema Integration beschäftigt haben - war sie für Hellmann in diesem Bereich tätig. „Damals waren es zum Beispiel junge Menschen aus Spanien, die aufgrund der hohen Jugendarbeitslosigkeit in ihrem eigenen Land für eine Ausbildung oder zum Arbeiten kommen wollten“, sagt Oeltjendiers über ihre ersten Erfahrungen aus der Vergangenheit.
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Hilfe im Behördendschungel
Die EU-Freizügigkeit habe viele bürokratische Herausforderungen vom Arbeitsrecht bis zu Beihilfeanträgen einfacher gestaltet, als das jetzt meist bei Geflüchteten der Fall ist. Einfach sei eine Integration jedoch auch damals nicht gewesen. „Viele Jugendliche haben sich wenig Gedanken darüber gemacht, was sie in Deutschland erwarten würde“, sagt die Ausbildungsreferentin.
Auch wenn bei Hellmann alleine in diesem Jahr 160 Azubis aus 13 Nationen ihre Ausbildung begonnen haben, sind es vor allem Menschen mit Fluchtgeschichte, denen Jutta Oeltjendiers derzeit hilft, im Arbeitsleben und dem Behördendschungel in Deutschland zurechtzukommen. „Ich bin keine Rechtsexpertin“, sagt sie. „Aber ich habe einen guten Kontakt zum Beispiel zur Caritas in Osnabrück, die eine gute länderspezifische Expertise hat.“
Zwei der Azubis, für die Jutta Oeltjendiers als Ansprechpartnerin zur Verfügung stand und steht, sind Ali Jan Rizayi (22) und Jamal Najmaldeen (23). Ali Jan Rizayi ist Afghane. Er ist seit 2014 - also vor der großen Flüchtlingswelle - in Deutschland angekommen und hat im vergangenen Jahr bei Hellmann seine Ausbildung zum Berufskraftfahrer abgeschlossen.
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Schwierige Suche nach Praktikum und Ausbildungsplatz
Jamal Najmaldeen ist aus dem Sudan geflüchtet, seit 2015 in Deutschland und aktuell im dritten Lehrjahr zum Berufskraftfahrer. Die beiden jungen Männer sind an diesem Tag gemeinsam eine Schicht gefahren - mit dem neuen LNG-Lkw, den Ali Jan Rizayi gerade abfahrtbereit für die Nachtschicht auf dem Hof der Osnabrücker Niederlassung von Hellmann geparkt hat.
Eigentlich wollte Ali Jan Rizayi Busfahrer werden, erzählt er. „Das war mein Traum.“ Doch einen Praktikumsplatz hat er 2016 nicht bekommen, und auch auf einem „Unternehmens-Speed-Dating“, das Geflüchtete und Firmen aus der Region zusammenbringen sollte, konnte er niemanden ausfindig machen, mit dem er hätte in Kontakt treten können.
Stattdessen traf der 22-Jährige bei dem Event Jutta Oeltjendiers von Hellmann. „Wir sind ins Gespräch gekommen“, erinnert sich die Regionalbotschafterin. „Sie hat mir geraten, mich für ein Praktikum zu bewerben“, sagt Ali Jan Rizayi. Das tat er auch, bekam den Praktikumsplatz und darüber die Ausbildung zum Berufskraftfahrer. Heute fährt er für Hellmann Lkw quer durch die Republik. Dabei ist der Lastwagen das Fahrzeug, das ihn bei seiner Flucht fast das Leben gekostet hätte.
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Als Flüchtling fast in einem Lkw gestorben
Von Griechenland nach Italien habe er sich auf einem Lkw versteckt, erzählt der 22-Jährige, der in Pakistan aufgewachsen ist. Dorthin sind seine Eltern Mitte der 1990er-Jahre von Afghanistan aus geflohen, als die Taliban 1996 erstmals weite Teile des Landes beherrschten und die Hauptstadt Kabul einnahmen. „Die Fahrt auf dem Lkw war die schlimmste Erfahrung, die ich je hatte.“ Zusammen mit anderen wäre er auf der Ladefläche fast erstickt.
Über Ali Jan Rizayi hat Jamal Najmaldeen den Weg zu Hellmann gefunden. Durch einen gemeinsamen Bekannten lernten sich die beiden jungen Männer in Osnabrück kennen. „Ich wollte erst Elektriker werden“, sagt der 23-Jährige, der, seit er zehn Jahre alt ist, auf sich alleine gestellt ist. Das Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung“ (IQ) hat Jamal Najmaldeen auch in diesem Bereich absolviert. „Aber die Schule war für mich zu schwer“, gibt er zu. Eine weiterführende Schule hat er im Sudan nie besucht.
Stattdessen hat er sich in der Hauptstadt Khartum auf der Straße mit Arbeiten durchgeschlagen und später in der Wüste nach Gold gesucht, wie er erzählt. Bevor er die Flucht nach Europa im Schlauchboot angetreten ist, hat der heute 23-Jährige eineinhalb Jahre in Libyen gelebt und sich mit kleinen Arbeiten das Leben finanziert. Drei Tage habe es letztlich gedauert, übers Meer nach Italien zu kommen. „Unser Boot ist kaputtgegangen. Wir mussten gerettet werden“, beschreibt Jamal Najmaldeen kurz und knapp die Überfahrt. „Wir“, das seien neben ihm etwa 300 andere Menschen auf dem Schlauchboot gewesen.
Von den Straßen im Sudan zu Hellmann nach Osnabrück
Bei einem Bekannten sei er mit Ali Jan Rizayi ins Gespräch gekommen. „Er hat mir von Hellmann erzählt und der Unterstützung, die er in seiner Ausbildung bekommen hat. Also habe ich mich beworben.“ Im zweiten Anlauf hat es mit einem Praktikum auch geklappt. Jetzt steht er kurz davor, seine Ausbildung abzuschließen. „Corona hat es aber etwas schwierig gemacht. Der Unterricht online war für mich nicht einfach.“
So unterschiedlich ihre Erfahrungen sind, in einem sind sich Ali Jan Rizayi und Jamal Najmaldeen einig: Ohne Unterstützung hätten sie ihre Ausbildung nicht machen können. Das fängt schon bei der Führerscheinprüfung an, die beide vor Ausbildungsbeginn ablegen mussten. „Die Theorie war am schwierigsten“, sagt Ali Jan Rizayi und Jamal Najmaldeen nickt zustimmend. „Ich musste alle Fragen auf Deutsch lernen“, erinnert sich der 22-jährige Berufskraftfahrer.
Anders als Jamal Najmaldeen spricht er kein Arabisch - eine Sprache, in der die theoretische Prüfung absolviert werden kann. „Also haben wir zusammen gelernt“, sagt Jutta Oeltjendiers. Auch in der Berufsschule unterstützt sie die Auszubildenden. Das bedeutet auch für sie: Lernen. „Ich bin kein Kfz-Mechaniker. Sprache kann man aber nicht losgelöst vom Fach lernen“, ist Oeltjendiers überzeugt. Sie hat Vokabellisten erstellt und Übungen konzipiert. Ihre Expertise stellt sie heute auch anderen angehenden Berufskraftfahrern an der Berufsschule zur Verfügung. „Kein Geflüchteter ist gleich. Manche haben gerade mal zwei Jahre lang eine Schule besucht, andere haben studiert, haben als Ortskräfte gearbeitet. Den unterschiedlichen Voraussetzungen muss man gerecht werden.“ Und Jamal Najmaldeen ergänzt: „Gerade bei der Sprache hat Jutta sehr geholfen.“
Sensibilisierung für Sprache ein Schwerpunkt für Regionalbotschafterin
Erfahrungen aus ihrer Arbeit will Oeltjendiers im kommenden Jahr auch ins Netzwerk einfließen lassen. Denn Probleme, vor denen Azubis bei Hellmann stehen, betreffen auch andere. Zum Beispiel, wenn es um die Formulierung von Prüfungsfragen geht. „Es ist verständlich, dass diese Fragen nicht einfacher werden können. Aber es sollten die Vokabeln verwendet werden, die auch in den Unterrichtsstunden vorkommen“, sagt sie.
Als Beispiel nennt sie den Begriff „heckseitig“. „Das ist für Menschen, die die deutsche Sprache lernen, verwirrend. Warum kann man nicht sagen ,hinten‘?“ Und Oeltjendiers ist überzeugt: Von einer einfacheren Sprache würden nicht nur Geflüchtete profitieren. „Über das Netzwerk wollen wir in den nächsten Monaten zum Beispiel auch auf solche Formulierungen aufmerksam machen.“
Für Jamal Najmaldeen und Ali Jan Rizayi kommen mögliche Änderungen in den Prüfungsfragen zu spät. Beide sind jedoch - auch mit der Hilfe von Jutta Oeltjendiers, wie sie betonen - in Osnabrück angekommen. Sie haben eine eigene Wohnung beziehungsweise wohnen in einer Wohngruppe. Etwas zu finden sei gar nicht so einfach gewesen. „Auch hier kann ich unterstützen und bin auch schon zu der einen oder anderen Wohnungsbesichtigung unserer Azubis mitgegangen“, sagt Oeltjendiers.
Zukunft in Osnabrück?
Hier in Osnabrück sehen Jamal Najmaldeen und Ali Jan Rizayi erst einmal ihre Zukunft. Für den 23-jährigen Sudanesen war Deutschland immer das Traumziel. „2014 ist Deutschland Fußballweltmeister geworden. Deshalb wollte ich hierher“, erzählt er. Lkw zu fahren mache Spaß, sei aber auch eine große Verantwortung. Kontakt zu seiner Familie hat Najmaldeen heute kaum. Die Bleibeperspektive sei für Geflüchtete weiterhin ein großes Problem, sagt Jutta Oeltjendiers. „Auch wenn es durch die Ausbildung etwas sicherer ist, die Angst vor Abschiebungen bleibt.“
Ali Jan Rizayi hat zumindest mittlerweile ein unbefristetes Aufenthaltsrecht in Deutschland. Mit seiner Familie in Pakistan telefoniert er regelmäßig, seinen kleinen Bruder unterstützt er durch seinen Job bei Hellmann finanziell, sodass dieser in Pakistan zur Schule gehen kann. Nachholen konnte Ali Jan Rizayi seine Familie nicht, als er in Deutschland ankam. „Ich bin 18 geworden, dann war ich zu alt.“
Und eine Flucht ist teuer - 6000 Euro hat sie vom Iran, der ersten Station seiner Reise, bis nach Deutschland gekostet. Eigentlich wollte der Afghane damals allerdings gar nicht nach Deutschland, sondern nach Schweden. „Das hatte mir mein Onkel geraten“, erzählt er. Doch am Osnabrücker Hauptbahnhof wollte die Polizei seinen Ausweis sehen. Den konnte er nicht vorzeigen. So war seine Reise in der Hasestadt zu Ende.
Jutta Oeltjendiers: Netzwerk hat viele Vorteile
Das „Netzwerk Unternehmen integrieren Flüchtlinge“ hat es sich zum Ziel gesetzt, Arbeitgeber aktiv bei der Ausbildung und Beschäftigung von Geflüchteten zu unterstützen. Die Initiative des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) und des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie hat bundesweit 2700 Mitgliedsunternehmen, die gemeinsam eine integrative Personalpolitik umsetzen.
Das hat für Jutta Oeltjendiers, die sich auch für mehr Sprachkurse einsetzt, für Unternehmen wie Geflüchtete nur Vorteile. „Auf der einen Seite können nach wie vor Ausbildungsstellen oftmals nicht besetzt werden. und es herrscht Fachkräftemangel. Auf der anderen Seite suchen Geflüchtete eine Perspektive.“