Berlin

Hohe Inzidenzen bei Kindern: So wahrscheinlich sind jetzt Schulschließungen

Kim Patrick von Harling
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Von Kim Patrick von Harling
| 29.11.2021 11:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Inzidenzen bei Kindern schnellen in die Höhe. Drohen schwerwiegende Konsequenzen? Foto: imago images/Bihlmayerfotografie
Die Inzidenzen bei Kindern schnellen in die Höhe. Drohen schwerwiegende Konsequenzen? Foto: imago images/Bihlmayerfotografie
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Nie wieder Schulschließungen: Das ist das Credo, das Politiker gebetsmühlenartig wiederholen. Zeitgleich steigt bei Kindern die Corona-Inzidenz. Wie wahrscheinlich also sind erneute Schulschließungen wirklich?

Trotz der dramatisch steigenden Corona-Zahlen hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier jüngst gegen Schul- und Kitaschließungen ausgesprochen. „Es muss jetzt unser oberstes Ziel sein, Kitas und Schulen offen zu halten“, sagte Steinmeier in einer Video-Ansprache zum 10. Deutschen Schulleiterkongress in Düsseldorf. Doch was ist die Alternative? Bayerns Ministerpräsident Markus Söder forderte zum Beispiel „Masken an allen Schulen“. Auch vorgezogene und verlängerte Weihnachtsferien sind im Gespräch. Flächendeckende Schulschließungen werden indes kategorisch ausgeschlossen - bis jetzt. Denn Fakt ist: Gerade unter Kindern ist die Sieben-Tage-Inzidenz extrem hoch - mit steigender Tendenz.

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In seinem aktuellen Wochenbericht vermeldet das Robert Koch-Institut (RKI) bei Kindern im Alter von zehn bis 14 Jahren eine Sieben-Tage-Inzidenz von 920,51. In keiner anderen Altersgruppe ist dieser Wert auch nur annähernd so hoch. Mit einer Inzidenz von 828,58 folgen die Fünf- bis Neunjährigen. Unionsfraktions-Chef Ralph Brinkhaus brachte angesichts dieser Zahlen vorgezogene Weihnachtsferien ins Spiel. 

Ampel-Koalition: Schulschließungen verhindern

Ein Vorschlag, der bei der Ampel-Koalition gar nicht gut ankam. Grundsätzlich schließen FDP, Grüne und SPD eine pauschale Schulschließung, die vorgezogenen Weihnachtsferien gleichkommt, aus. „Ein erneuter, pauschaler und flächendeckender Unterrichtausfall muss verhindert werden. Das betrifft auch vorgezogene Ferien“, sagte jüngst die designierte Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) im Gespräch mit der „Bild“. 

Wie wahrscheinlich sind erneute Schulschließungen?

Deutlichere Worte fand Grünen-Politiker Dieter Janecek in Richtung Brinkhaus: „Wer 50.000 Menschen in Fußballstadien lässt und gleichzeitig über Schulschließungen fabuliert, erzeugt bei den Eltern nur Wut und Verzweiflung.“ Tatsächlich wären erneute Schulschließungen, wie sie im Frühjahr 2020 erfolgt waren, für berufstätige Eltern eine logistische Herausforderung, die ohne finanzielle Einbußen kaum zu bewerkstelligen ist. 

Schulschließung: Vage Formulierungen der Politiker

Offiziell spricht sich also die Ampel-Koalition gegen Schulschließungen aus. Doch vollends ausgeschlossen sind sie laut Ferdinand Wollenschläger, Professor für Öffentliches Recht an der Universität Augsburg, nicht. Denn die Formulierungen der Politiker ließen viel Spielraum. Er verwies auf mögliche Abstandsvorgaben, die Unterricht in voller Klassenstärke unmöglich machen könnten oder Anordnungen von Wechsel- oder Distanzunterricht. „Möchte man eine generelle Aussetzung des Präsenzbetriebs an Schulen definitiv ausschließen, empfiehlt sich daher eine Klarstellung, dass im Schulbereich keine kapazitätsbeschränkenden Auflagen zulässig sind“, erklärt Wollenschläger im Gespräch mit der Deutschen Presseagentur (dpa). 

Schulschließungen durch die Hintertür?

Verwaltungsrechtler Hinnerk Wißmann von der Universität Münster sieht ebenfalls die Gefahr der Schulschließung aufgrund vager Versprechungen. „Der Wortlaut der bislang vorgesehenen Regelung könnte so missverstanden und überdehnt werden, dass etwa durch Abstandsregeln der Zahlenbegrenzungen der Betrieb in den Schulen (und Hochschulen) faktisch wieder eingestellt oder durch Vorgaben zu digitalen Lehrformen grundlegend verändert würde“, sagt Wißmann. Heißt konkret: Hybridunterricht und Co. sind laut Ampel-Formulierungen nicht vollständig obsolet - Schulschließungen durch die Hintertür also.

Aus wissenschaftlicher Sicht machen Schulschließungen - egal in welcher Form - jedoch keinen Sinn. Zumindest sind Bildungseinrichtungen keine Infektionstreiber, wie eine Studie des Instituts zur Zukunft der Arbeit zeigt. Die regelmäßigen Testungen in den Schulklassen würden Covid-Infektionen auch bei asymptomatischen Verläufen schnell identifizieren. Durch diese Früherkennung könnten entsprechend Infektionsketten durchbrochen werden. Bei Erwachsenen würde bei asymptomatischen Verläufen im Vergleich nur wenig getestet.

Schulschließungen: Kein geeignetes Mittel

Experten gehen davon aus, dass die Inzidenzen bei Kindern nur deshalb so hoch sind, weil diese regelmäßig in den Schulen auf Corona getestet werden. „Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahlen in jeder Altersgruppe ähnlich hoch sind“, sagt Jakob Maske, Bundessprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte und selbst niedergelassener Kinder- und Jugendarzt, im Gespräch mit dem Magazin „Business Insider“. Schulschließungen, egal in welcher Form, seien laut Experten also kein geeignetes Mittel zur Bekämpfung der vierten Corona-Welle - sie sind extrem unwahrscheinlich.

Übrigens: Ob Schulschließungen im Frühjahr 2020 überhaupt rechtens waren, entscheidet das Bundesverfassungsgericht am Dienstag. Sollten die Richter zum Schluss kommen, dass die bundesweiten Schließungen gegen das geltende Recht waren, wird diese Maßnahme also vollends vom Tisch sein.

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