Hamburg
Carola Christiansen: „Ich habe meine wahre Berufung gefunden“
Krimi-Autorin Carola Christiansen über „mörderische Schwestern“ und ihren Rollenwechsel ins Schreibfach
Es war praktisch ein Heimspiel: Im Café zwischen Stuhlmannbrunnen und dem Altonaer Balkon hoch über der Elbe, da wo sie sich besonders wohl fühlt, traf die noch amtierende Präsidentin des Netzwerks Manfred Ertel zum lockeren Gespräch über die Förderung von Frauen geschriebener Krimi-Literatur und ihren späten Wechsel in ein neues Leben als Schriftstellerin. Und ließ keine Fragen offen.
Sind Sie eigentlich ein Spätzünder?
Als Autorin unbedingt (lacht). Ich schreibe ja überhaupt erst seit praktisch neun Jahren und habe vorher etwas ganz anderes gemacht. Jetzt habe ich das Gefühl, meine wahre Berufung und ein neues Leben gefunden zu haben, also erst sehr spät.
War die Umstrukturierung bei Ihrem Arbeitgeber mit Arbeitsplatzverlagerungen an einen anderen Ort also Glück im Unglück?
Ich hätte sonst den Schritt wahrscheinlich nicht gewagt, ganz auszusteigen und etwas anzufangen, von dem ich ja überhaupt keine Ahnung hatte. Ich habe immer schon viel gelesen und manchmal auch überlegt, vielleicht mal zu schreiben. Doch ich dachte lange, so ein ganzes Buch kriege ich nicht hin. Dann kam die Umstrukturierung. Das war ein kleiner Tritt durch die Tür. Aber es war schon gut, dass die Tür aufging.
Brauchen Sie manchmal den Anstoß von außen, um wichtige Entscheidungen zu treffen?
Ich bin auf jeden Fall jemand, die gern unterschiedliche Möglichkeiten erwägt. Viele Dinge muss ich gut durchdenken, und ich brauche oft einen kleinen Moment, bis ich mich dann entschieden habe. Dazu habe ich gern Input von verschiedenen Seiten. Insofern bedarf es vielleicht auch manchmal Anstößen von außen.
Hätten nicht gerade Ihre Berufserfahrungen im Umgang mit Flug-Traumata oder bei der Betreuung von Opfer-Angehörigen reichlich Stoff für Romane und Geschichten geboten? Warum mussten es Krimis sein?
Das war für mich nie eine Frage. Ich habe früher alles gelesen, was ich in die Finger bekam. Das fing mit dem Bücherschrank meiner Eltern an und ging immer so weiter. In den letzten zehn oder zwölf Jahren habe ich dann aber hauptsächlich Krimis gelesen. Und als ich anfing selbst zu schreiben, habe ich sofort verinnerlicht, was ich gerade besonders viel und vor allem gern lese. Außerdem bekamen wir von der Fluggesellschaft eine Coaching-Firma an die Seite, um herauszuarbeiten, welche Fähigkeiten bei den Einzelnen noch so vorhanden waren. Meine Beraterin hat mir unheimlich geholfen. Und sie schlug mir schnell vor, einen Krimi zu schreiben, der zum Beispiel auf dem Hamburger Flughafen spielt. So ist das ins Rollen gekommen.
Wie schwer war es, sich auf einmal als neue Autorin auf den Krimi-Markt zu wagen?
Ich hatte mir vorher überhaupt nicht überlegt, ob das alles sinnvoll ist, sondern habe einfach losgeschrieben. Kaum war der Krimi fertig, wurde mir bewusst, dass der Markt ja voll ist. Krimis gibt es zu Tausenden, die Büchertische und Regale sind überall voll. Aber dann habe ich mir gesagt, dass ich mich als Leserin über jeden neuen Krimi freue oder als Zuschauerin über jede neue Krimi-Serie. Deshalb konnte und kann es nach meinem Verständnis gar nicht genug geben.
Trotzdem war Ihr Weg eher ungewöhnlich.
Es gibt bestimmt Autoren, die ein Buch schreiben und das ist sofort in aller Munde. Das war bei mir nicht so. Ich war mit meinem Roman fertig und begeistert. Und hatte keinen Verlag. Ich hatte aber auch keine Zeit, lange einen zu suchen, weil ich ja weiter schreiben wollte. Dann nahm ich an einer „Ladies Crime Night“ mit mehreren anderen Autorinnen teil und hatte nur ein fertiges Manuskript. Falls jemand auch nur ein einziges Buch hätte kaufen wollen, hätte ich keins gehabt. Deshalb machte ich erst mal eine Privatedition. Als mir die dann aus den Händen gerissen wurde, blieb ich dran. Eine Freundin entwarf mir das Cover, eine Druckerei druckte mir die Bücher, und ich bin damit auf den Markt gegangen. Ich habe selbst alle möglichen Buchhandlungen aufgesucht, und was ich sonst nicht konnte, etwas zu verkaufen, fiel mir auf einmal gar nicht schwer.
Braucht es auch deshalb einen Zusammenschluss wie den Verein „Mörderische Schwestern“?
Wir sind ja in erster Linie ein deutschsprachiges Netzwerk mit an die 600 weiblichen Mitgliedern, und es ist in der heutigen Zeit immer gut, vernetzt zu sein. Wir bieten zum Beispiel Programme an, die unsere Autorinnen voranbringen, zum Beispiel Schreib- oder Mentoring-Programme. Wir haben Regionalgruppen in denen wir gemeinsame Besuche wie in der Rechtsmedizin organisieren oder zur Polizei auf den Schießstand oder zu Selbstverteidigungsübungen. Dinge, die sonst nicht unbedingt öffentlich im Angebot sind. Wir unterstützen und fördern uns gegenseitig.
Aber es gab bereits und gibt immer noch das „Syndikat“, in dem sich Hunderte von Autorinnen und Autoren zur Förderung der Krimi-Literatur zusammengeschlossen haben. Warum braucht es eine Konkurrenz-Organisation?
Wir verstehen uns ja seit vielen Jahren nicht mehr als Konkurrenz, sondern einfach als Vereinigung von Autorinnen. Und haben uns unter dem Dach „Autorenrechte“ mit 14 anderen Verbänden zusammengeschlossen. Damit hat hoffentlich auch das leidige Konkurrenzdenken aufgehört. Außerdem ist bei den „Mörderischen Schwestern“ das Besondere, dass man nicht Autorin sein muss. Das ist für uns oft von Vorteil, weil wir bei Fragen zu bestimmten Fachgebieten, die bei der Recherche wichtig sind, etwa zum Zustand der Verwesung von Toten oder auch nur wie ein Begräbnis funktioniert, ziemlich sicher eine „Schwester“ unter uns haben, die sich in dem Bereich auskennt, da es ihr Beruf ist.
Auf den Büchertischen im Handel findet man Dutzende Krimi-Autorinnen, viele der am besten verkauften Krimis sind von Frauen geschrieben. Haben es Autorinnen trotzdem immer noch schwerer als Männer, so dass sie ein eigenes Netzwerk brauchen?
Ursprünglich waren die „Schwestern“ gegründet worden, weil es für Frauen wirklich sehr schwer war, auf dem Buchmarkt anerkannt zu werden. Das ist immer noch so. Inzwischen hat sich das zwar deutlich gebessert, es ist etwas ins Rollen gekommen. Aber es braucht offenbar zwei Jahrzehnte, bis sich Dinge deutlich sichtbar verändern. In einer Studie über die Sichtbarkeit von Frauen in Medien und als Autoren, an der wir jetzt teilgenommen haben, ist immer noch zu erkennen, dass Frauen als Autoren schlechter gestellt sind als ihre männlichen Kollegen. Es hat sich zum Beispiel gezeigt, dass männliche Rezensenten dazu neigen, eher Männern eine gute Rezension zu geben. Ich möchte denen nicht mal böse Absicht unterstellen, es ist vielleicht einfach eine Vorliebe. Aber Frauen als Buchkritikerinnen sind breiter und objektiver aufgestellt.
Warum ist Ihre Hauptfigur nicht eine weibliche Ermittlerin, sondern ein Kommissar?
ich habe mir da ehrlich gesagt gar keine Gedanken zu gemacht. Mein Kommissar ist in meinen Ideen entstanden, und er hat ja außerdem eine starke Frau zur Seite, die nicht bei der Polizei ist. Und trotzdem eine große Rolle spielt. Mir ist wichtig, der Kunst keine Zügel anzulegen, dass zum Beispiel Autorinnen sich gezwungen fühlen, nur noch über Frauen zu schreiben. Sicher ist es wichtig, auch in Kriminalromanen ein Abbild der Gesellschaft darzustellen. Aber das darf nicht dazu führen, dass sich Künstler gegängelt fühlen.
Warum spielen Ihre Krimis in Hamburg?
Weil ich Hamburg liebe. Hamburg ist gelebte Vielfalt, bunt, ich liebe diese Atmosphäre, den Hafen, die Weltoffenheit. Und es zieht mich einfach zum Wasser. Deshalb spielen alle Geschichten, die in meinem Kopf sind, am Wasser. Zumindest zurzeit noch.
Wie wichtig ist die emotionale Nähe zu den Schauplätzen für Ihre schöpferische Kreativität?
Sehr wichtig. Für einen langen Roman ist es für mich unbedingt erforderlich, die Gegend zu sehen, zu fühlen, zu riechen, zu schmecken. Die Menschen und die Landschaft auf mich wirken zu lassen.
Trotzdem verlassen Sie Altona ein Stück weit und verlegen die Ermittlungsarbeit Ihres Kommissars im neuen, noch unveröffentlichten Roman zum Teil nach Venedig. Was ist passiert?
Durch die „Mörderischen Schwestern“ war ich mit fünf Kolleginnen vor einigen Jahren im Frühjahr zu einer Art gemeinsamer Schreibwerkstatt in Venedig. Der Lido war wie ausgestorben, Nebel lag über der fast ausgestorbenen Altstadt, es war wie ein Traum. Da habe ich mich in Venedig verliebt. Danach war ich noch ein paar Mal in der Stadt, war unter anderem zu einem Polizeifest eingeladen und habe mal zwei Monate lang dort gelebt, als ich meinem Sohn vorübergehend wegen seines Umzugs meine Hamburger Wohnung überlassen habe. Ich liebe inzwischen einfach auch diese Stadt.
Wird es dabei bleiben und auch der nächste Krimi mit in Venedig spielen?
Ich fürchte, er muss es. Denn ich habe von der Hamburger Kulturstiftung ein Stipendium bekommen für ein „Projekt“. Und das ist ein Kriminalroman der Hamburg und Venedig verbindet. Ich werde dieses Projekt Anfang Dezember angehen und deshalb auch nicht erneut als Präsidentin für unser Netzwerk kandidieren. Der fünfte Krimi spielt in meinem Kopf aber ganz woanders: Dann soll mein Kommissar auf die Färöer Inseln reisen.