Aurich/Berlin
Am Rande der Belastungsgrenze
Hiesige Ärztevertreter gehen davon aus, dass die Hausarztpraxen die Corona-Drittimpfungen schaffen. Eine Auricher Hausärztin widerspricht – und lädt einen Bundesminister zu sich ein.
Aurich/Berlin - Am Donnerstag hat die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts (RKI) offiziell Corona-Drittimpfungen für alle Erwachsene ab 18 Jahren empfohlen. Sechs Monate nach der letzten Impfung, in Ausnahmefällen auch schon nach fünf Monaten, sollen Erwachsene die sogenannte Booster-Impfung bekommen können.
Der geschäftsführende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte das schon in den letzten Tagen gefordert. Mit dieser Forderung hat er einen Ansturm auf die Arztpraxen ausgelöst. Denn die Impfzentren in den Ländern wurden Ende September geschlossen.
„Meine Mitarbeiterinnen können nicht mehr“
Der Vorsitzende der Ärztekammer Aurich, Dr. Jörg Weißmann (Emden), der Vorsitzende des Auricher Ärztevereins, Dr. Lukas Bockelmann (Timmel) und Dr. Hans-Hermann Meyerholz, der eine Kinderarzt-Praxis in Moordorf betreibt, gaben in einem ON-Bericht den Aussagen des Ministers recht. Die hiesigen Hausarztpraxen könnten die Impfungen durchführen, wenn sie nur wollten. Dieser Aussage widerspricht die Auricher Hausärztin Renate Kleeblatt im ON-Gespräch vehement. „Meine Mitarbeiter und ich können nicht mehr.“ Gerne würde sie Jens Spahn einladen, sich einen Tag lang auf das Ostfriesensofa im Eingangsbereich ihrer Praxis zu setzen. „Dann könnte er mitbekommen, was er mit seinen Ankündigungen ausgelöst hat.
Denn im Grunde, so Kleeblatt, müssten nun die Hausärzte das leisten, was von Januar bis April dieses Jahres von den Impfzentren gemacht worden sei. „Da durften die Hausärzte aber noch nicht impfen.“ Mit der jetzigen Aufforderung zur Drittimpfung würden teils skurrile Situationen entstehen, so Kleeblatt. So gebe es Anrufe von Senioren, die laut sagten, sie müssten geboostert werden. Auf die Frage, wann denn die letzte Impfung gewesen sei, folge dann gerne die Suche nach dem Impfpass und schließlich die Antwort: „Im September.“ Eine Booster-Impfung sei dann nicht vor März kommenden Jahres nötig, so Kleeblatt. Aber die Erklärung koste am Telefon regelmäßig viel Zeit.
Patienten werden ungeduldig
Viel Zeit kostet im Gegensatz zu anderen Impfungen auch die Corona-Impfung. Denn zum einen ist eine umfangreiche Dokumentation nötig, und auch die Aufklärung der Patienten dauere länger als zum Beispiel bei einer Grippeimpfung, so Kleeblatt. „Zudem müssen die Patienten ja noch nach dem Pieks zehn Minuten bei uns im Wartezimmer bleiben.“ Auf diese Weise soll beobachtet werden, ob es nach der Corona-Impfung Reaktionen gibt. Aus Überzeugung impfe sie weiterhin gegen das Corona-Virus, so Kleeblatt. Im Moment aber komme sie damit an ihre Grenzen. Denn Patienten, die sonst bei anderen Ärzten seien, würden sie privat anrufen mit der Bitte um eine Drittimpfung. „Sogar mein Sohn wurde angesprochen, ob ich Booster-Impfungen in der Praxis durchführen würde.“ Der Großteil der Patienten sei dabei immer noch freundlich und verständnisvoll. „Das gilt auch für meine Mitarbeiterinnen, die trotz des Stresses die Geduld nicht verlieren.“ Aber rund drei Prozent der Patienten reagierten pampig, hätten kein Verständnis dafür, dass in der Praxis priorisiert werden müsse. Solche unschönen Diskussionen seien besonders kräftezehrend.
Hinzu kämen auch in der Praxis die Diskussionen mit Impfgegnern, die wegen anderer Krankheiten gekommen seien. „Oft führe ich die nicht mehr.“ Denn wer bis jetzt gar nicht geimpft sei, werde das auch nach einer langen Diskussion nicht mehr machen. Anders sei es bei jenen, die mit dem Argument „Ich warte auf den Totimpfstoff“ noch nicht geimpft seien. Diesen Menschen entgegnet Kleeblatt, dass keiner der bislang verfügbaren Impfstoffe ein Lebendimpfstoff sei. „Dann kommt meist gar nichts mehr.“
Die Situation in der Praxis verschärft sich noch durch die steigende Zahl an Infekten, die ganz normal ist in dieser Jahreszeit. Dafür gibt es die Infektsprechstunde, in der die Untersuchung mit Kittel, Maske und Handschuhen durchgeführt wird. Alles zusammen bringt die Mitarbeiterinnen und Renate Kleeblatt selbst an die Grenzen des Machbaren. Zum Selbstschutz hat die Hausärztin daher an einigen Tagen die Sprechstunden verkürzt. „In der kommenden Woche ist die Praxis am Freitag geschlossen.“ Das müsse einfach sein. Denn wenn das Team wegen Überlastung komplett ausfalle, sei den Patienten auch nicht geholfen.