Osnabrück
Mutter Holt packt aus: Fühlte mich wie auf Pulverfass
Nach Hendrik Holt und seinem Bruder hatte am Donnerstag Mutter Holt die Gelegenheit, ihren Beitrag zum mutmaßlichen Millionenbetrug zu schildern. Sich selbst schrieb sie eine Nebenrolle zu – und belastete einen Mitangeklagten.
Was ist das für ein Gefühl, internationale Energiekonzerne mutmaßlich um Millionen zu Betrügen - und jederzeit auffliegen zu können? Hendrik Holts Mutter, die sich zurzeit zusammen mit ihrem Sohn und anderen wegen des mutmaßlichen Betrugs mit frei erfundenen Windparks vor dem Landgericht Osnabrück verantworten muss, beschrieb es am Donnerstag so: „Es war wie auf einem Pulverfass.“
Gemeint war damit ein Treffen im Sommer 2019, das sie zusammen mit einem Umweltgutachter, der für das Holt-Imperium gearbeitet hatte, in der Gemeinde Herzlake wahrnahm. Der Samtgemeindebürgermeister konfrontierte Mutter Holt damals mit einem gefälschten Gemeindeschreiben. Darin sollte er sich positiv zu einem geplanten Projekt der Holts geäußert haben. Das Gegenteil war der Fall, wie der Bürgermeister an diesem Tag noch einmal deutlich machte, schilderte Mutter Holt. Sie sei wie erstarrt gewesen. „Ich wusste ja, dass Sachen gefälscht waren.“ Sie hätte jedoch nicht damit gerechnet, an dem Tag damit konfrontiert zu werden.
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Erste Fälschung auf einer Teilnehmerliste
Wie Mutter Holt - mal im vorbereiteten Statement abgelesen, mal frei gesprochen - am Donnerstag einräumte, hat sie jedoch nicht nur von gefälschten Dokumenten gewusst, sondern sich auch an den Fälschungen beteiligt. Die erste gefälschte Unterschrift, die sie selbst geleistet habe, sei unter einer Teilnehmerliste einer Versammlung mit Grundstückseigentümern in Herßum, im Emsland, gewesen. Es war eine der Veranstaltungen, auf denen Hendrik Holt & Co. den Recherchen unserer Redaktion zufolge Landwirten ihre Windkraftprojekte vorstellten, um sich im Anschluss deren Grundstücke für das Projekt zu sichern.
Derjenige, für den Sie unterschrieben habe, sei eher gegangen und Hendrik und Heinz L. hätten eine vollständige Liste haben wollen, beschrieb Mutter Holt die Umstände. Wer den Auftrag zur Fälschung erteilt habe, daran könne sie sich nicht mehr erinnern.
Später seien es Nutzungsverträge oder Nachträge zu selbigen gewesen, die sie unterschrieben habe. Aber auch hier konnte sich die Emsländerin nicht mehr an den konkreten Auftraggeber erinnern, ebenso wenig zu welchen Projekte die Verträge gehörten, die sie unterschrieb. Auch die Anzahl der gefälschten Unterschriften blieb offen. Der jüngere mitangeklagte Sohn hatte seinen Beitrag zuletzt auf rund 1000 Unterschriften geschätzt.
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Bürotätigkeit für Hendrik Holt und Heinz L.
Neben den Fälschungen waren es vor allem Bürotätigkeiten, denen Mutter Holt - ursprünglich gelernte Pflegeassistentin - für ihren Sohn Henrik und Finanzdirektor Heinz L. nachkam. Zunächst als Nebentätigkeit, schnell jedoch als Vollzeitjob. Alltägliche Zahlungen habe sie auch eigenständig abgewickelt, die Vollmachten zu den Geschäftskonten hatte habe sie ebenso wie L. gehabt, berichtete Mutter Holt.
Ihn belastete sie auch hinsichtlich der Finanzströme des Holt-Imperiums ins Ausland. L. habe ihr die Aufträge für Überweisungen von Geldern unter anderem auf Konten nach Andorra gegeben habe. Sohn Hendrik habe an den Geldflüssen wenig Interesse gehabt. Was allerdings im Ausland mit den Geldern passiert sei, darauf habe sie keinen Einfluss und zu diesen Konten auch keinen Zugang gehabt, schilderte Mutter Holt dem Richter.
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Alles besser, wenn Hendrik „weg sei“?
Sie habe die Hoffnung gehabt, wenn ihr Sohn Hendrik und Heinz L. erst einmal „weg seien“, sei alles vorbei und alles würde sich wieder beruhigen - selbst wenn die Machenschaften aufflögen. Die Villa der Familie in Bakum ist Hendrik Holts Mutter zufolge nicht mit Geldern finanziert worden, die sie aus den Geschäften ihres Sohnes erhalten hat. „Das Haus habe ich von meinem privat geerbten Vermögen gebaut“, betonte Mutter Holt. Sohn Hendrik habe weder mitfinanziert, noch je seinen Wohnsitz dort gehabt.
Reue zeigte Mutter Holt, die eigenen Angaben zufolge monatlich zwischen 5000 und 10.000 Euro ausgezahlt bekam, nur insofern, als dass man für sein Handeln die Konsequenzen tragen müsse. Was sie jetzt auch tue.
Am kommenden Dienstag wird die Aussage der Schwester von Hendrik Holt erwartet. Dann wird die Verhandlung fortgesetzt.