Osnabrück
Hendrik Holts Bruder sagt aus: Als bei Holts die Fäuste flogen
Hendrik Holt hat bereits geschildert, wie es aus seiner Sicht zum mutmaßlichen Millionenbetrug internationaler Energiekonzerne kam. Jetzt war sein jüngerer Bruder vor dem Landgericht Osnabrück an der Reihe. Was dieser über seine Rolle sagte.
Im bisherigen Prozessverlauf hat sich vor allem eines herauskristallisiert: Der mutmaßliche Millionenbetrug internationaler Energiekonzerne fußt insbesondere auf einer Vielzahl gefälschter Unterlagen. Diese wiederum sollten den Konzernen wie SSE (Schottland), CEZ (Tschechien) und Enel (Italien) vorgaukeln, dass die angebotenen Projekte der Familie Holt und Finanzdirektor Heinz L. eine reelle Chance hätten, realisiert zu werden.
Einer, der im Bereich der Fälschungen eine besondere Rolle gespielt haben soll, ist Hendrik Holts jüngerer Bruder, der ebenso wie seine Mutter, Schwester und Finanzdirektor L. auf der Anklagebank sitzt. Seine Sicht der Dinge hat der jüngere Holt, der heute wieder als IT-Experte arbeitet, am Dienstag in einem vorbereiteten Statement auch weitestgehend eingeräumt. Dieses verlas sein Pflichtverteidiger. Wobei es deutlich weniger ins Detail ging als die Einlassung von Bruder Hendrik zuvor am vergangenen Donnerstag.
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Erst Erklärung, dann die Fragen
Der Grund dafür, dass der jüngere Holt seine Sicht der Dinge nicht von Anfang an selbst vortrug: Er habe Schwierigkeiten, öffentlich über die Geschehnisse zu sprechen, ließ er in der Erklärung wissen. Er - Fachabiturient, abgebrochenes Studium der Sozialarbeit und später des Wirtschaftsrechts - sei durch einen 450-Euro-Job als Assistent ins Unternehmen von Hendrik Holt gekommen. Wenn er gefragt wurde, was er denn genau mache, habe er „Junge für alles“ geantwortet.
Zumindest zu Beginn. Wann genau das war, daran konnte sich der Jüngere der beiden angeklagten Holts nicht mehr erinnern.
Später, so wurde in der Einlassung und anschließend durch die Fragen des Richters deutlich, war das Aufgabenfeld des jüngeren Holts, der vor Gericht wie sein Bruder in Anzug, mit Krawatte und Einstecktuch erschien, jedoch klar definiert: Er war unter anderem dafür zuständig, dass Gemeindeschreiben und Nutzungsverträge gefälscht und Dokumente für Energiekonzerne zur Prüfung in digitale Datenräume hochgeladen wurden. Das räumte er in seiner Aussage am Donnerstag ein. Wobei das letzte Wort bei der Abnahme der Fälschungen wohl bei Bruder Hendrik lag, wie am Dienstag deutlich wurde.
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2018 erste Fälschung für Hendrik Holt
Begonnen habe sein Beitrag zum Betrug Holt zufolge mit einer einzelnen Unterschrift: 2018 habe Hendrik oder Heinz - so genau konnte er sich nicht erinnern - ihn um Rat gefragt, inwieweit ein Vertrag digital manipulierbar wäre, also die Unterschrift eines alten Vertrags auf einen neuen übertragbar sei. Und ob er in der Lage sei, diese Manipulation durchzuführen.
Die erste Fälschung sei nicht Teil eines Masterplans gewesen, betonte Hendrik Holts Bruder, der später nach eigenen Angaben für seine Fälschertätigkeit ein „Gehalt“ von 2000 bis 2500 Euro im Monat kassierte. Von der rasanten Dynamik, die der Betrug entwickeln sollte, sei er förmlich überrollt worden. Ähnlich äußerte sich bereits sein Bruder vergangene Woche. Als chaotisch und stressig beschrieb der jüngere Holt die Zeit. Das habe auch zu Fehlleistungen geführt. „Das ist für mich in der Erinnerung wie ein einziger langer Tag“, sagte er vor Gericht aus.
Trotz dieser Fehler sei der Betrug nicht aufgefallen. „Es hat nie Nachfragen gegeben“, sagte Hendrik Holts Bruder unter anderem mit Blick auf die Vielzahl an Nutzungsverträgen aus. Jede Fälschung, so Holt, sei mit dem geringsten Aufwand aufzudecken gewesen. Doch niemand habe so genau hingeschaut. Auch nicht in den digitalen Datenräumen, so die Aussage des jüngeren Bruders, auf Basis derer teure Anwaltskanzleien im Auftrag der Energiekonzerne die Projekte prüften. „Einer von zehn, die in den Datenraum eingeladen waren, hat mal grob über die Dokumente gescrollt.“ Das ließe sich nachvollziehen. Und irgendwann habe man sich daran gewöhnt, dass die Gegenseite blind annahm, was man ihr vorlege.
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Holt: 1000 Nutzungsverträge gefälscht
Mit dem Desinteresse der Vertragspartner schwand Hendrik Holts Bruder zufolge das schlechte Gefühl, Dokumente zu fälschen. An die 1000 Nutzungsverträge müssten es gewesen sein, die er gefälscht habe, sagte er aus. Wenn Unterschriften vorgelegen haben, habe man diese digital manipuliert. Anderenfalls sei händisch unterschrieben worden - mit frei erfundenen Unterschriften oder solchen, die man bei Google gefunden habe. Wenn die Vertragspartner die Unterschriften nicht kennen, sei auch egal, was drunter stehe, sei die Devise gewesen.
Die Fälschungen durchzuführen sei nicht schwierig gewesen. Grobe Kenntnisse in der digitalen Bildbearbeitung hätten ausgereicht. Photoshop und das weitverbreitete Programm Gimp sollen dazu genutzt worden sein, wurde an anderer Stelle im Prozess deutlich. „Es ist technisch nicht schwer, eine Unterschrift herauszukopieren und woanders draufzusetzen“, sagte Holt aus.
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Warum dabei? Emotionale Pflicht
Warum er mitgemacht hat? Aus emotionaler Pflicht heraus. Hendrik sei für ihn eine Vaterfigur gewesen, der die Familie immer gestützt habe - auch, wenn sich die beiden Brüder in den vergangenen Jahren auch das eine oder andere Mal geprügelt haben. Dabei sollen blaue Augen sichtbare Spuren der Auseinandersetzung gewesen sein.
Die goldene Brücke, die der Vorsitzende Richter Norbert Carstensen Hendrik Holts Bruder baute - inwiefern er möglicherweise frühzeitig hatte aussteigen wollen - ging dieser nicht. Auf mögliche Ausstiegsgedanken ging Holts Bruder nicht weiter ein. Es habe öfter Reibungspunkte zwischen ihm und Hendrik Holt gegeben.
Über die Rollen der weiteren Familienmitglieder äußerte sich der jüngere Holt nicht. Er sagte nur so viel: alleine habe er die Unterschriften nicht leisten können. Mutter und Schwester Holt haben am Donnerstag sowie kommende Woche die Gelegenheit, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Dann wird der Prozess fortgesetzt.