Osnabrück

Designer Wolfgang Joop und der falsche Glamour der Modewelt

Dr. Stefan Lüddemann
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Von Dr. Stefan Lüddemann
| 16.11.2021 15:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Frauenfeindliche Äußerungen bringen ihn in Bedrängnis: Modedesigner Wolfgang Joop. Foto: Henning Kaiser/dpa Foto: Henning Kaiser
Frauenfeindliche Äußerungen bringen ihn in Bedrängnis: Modedesigner Wolfgang Joop. Foto: Henning Kaiser/dpa Foto: Henning Kaiser
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Junge Models als Freiwild für vermögende Herren: Wolfgang Joop verklärt im Spiegel-Interview nicht nur den Sexismus seiner Branche. Er zerstört auch den Mythos der wilden Siebziger als eines Jahrzehnts der Befreiung.

Glanz und Glamour auf dem Catwalk, im schummrigen Licht der Backstage ein System trister Zwangsprostitution: „Alles war käuflich. Die Agenturen gaben die Schlüssel zu den Zimmern der Models, die nicht so viel Geld brachten, an reiche Männer. Und wenn sich ein Mädchen beschwerte, hieß es: Wir können auch auf dich verzichten“: Mit diesen Sätzen aus seinem Spiegel-Interview sorgt Wolfgang Joop für Empörung. Zu recht. Joop lässt die Maske des weltläufigen Couturiers fallen und zeigt die Fratze des alten, weißen Mannes, der rückblickend verklärt, was die Welt des schönen Scheins als Kloake decouvriert: Missbrauch als Preis, den Frauen für eine schäbige Karriere im Rampenlicht zu zahlen hatten. Hier weiterlesen: Wolfgang Joop entschuldigt sich nach frauenfeindlichen Äußerungen.

Desaster für die Mode

Es geht dabei um mehr als das Fehlverhalten einzelner Männer, die sich nicht zu beherrschen vermochten. Joop plaudert nonchalant über eine kollektive Praxis, die junge Frauen als Ware deklariert hat. Alle haben das gewusst, alle haben mitgemacht. Joops Äußerungen lassen keinen anderen Schluss zu. Ein Desaster für die Modewelt. Und ein Endpunkt für Joop selbst, der einst eine Lichtgestalt der glamourösen Branche war und nun im Stil eines Mannes schwadroniert, der sich für unangreifbar hält. Seine Entschuldigung macht es nicht besser. Joop badet gefühlig in Nostalgie. Viele Frauen tragen bis heute schwer an der Erinnerung an Wolfgangs gute alte Zeit.

Kein Schrittmacher der Befreiung

Kreative Leistungen einzelner Genies rechtfertigen kein Leid anderer Menschen. Die MeToo-Debatte erreicht endgültig die Modewelt. Die Kritik richtet sich, wie in den Theatern und im Film, auf steile Hierarchien, die mit dem Hinweis auf künstlerische Spitzenleistungen gerechtfertigt wurden. Oben der Intendant, der Regisseur, der Modemacher, unten die Schauspielerin, das Model: Solche Struktur fördert den Missbrauch. Die Mythen der Mode sind dahin. Jeder neue Look ein Statement, jede frische Kreation eine Befreiung - vom Ruf der Mode gerade als Schrittmacher für die Befreiung der Frau bleibt nichts übrig, Joop sei bitterer Dank.

Das Pläsier der Mächtigen

Mit seinem verniedlichenden Wort der Sünde pulverisiert der Modemacher nebenbei noch einen anderen Mythos, jenen der Siebziger und Achtziger als Dekaden einer neuen Freiheit. Die Sünde, das war die Provokation der Bürger und ihres Lebens im Käfig der Konvention. Aber solche Sünde zählt nur, wenn sie freiwillig ist und nicht erzwungen. Seit Joops Interview ist klar, dass es eben nicht um die Befreiung aller, sondern wieder nur um das Pläsier weniger Mächtiger ging. Aber haben nicht auch in den Kommunen der Achtundsechziger die Frauen das Geschirr gespült, während die Männer Marxismus diskutierten? Jetzt zerstört Joop analog den Glauben an wilde Zeiten, in denen alle Freiheiten möglich waren. Im Rückblick erscheint diese Ära wie Joops Mode jener Jahre: Oversize mit viel Straß. So etwas möchte heute keiner mehr tragen.

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