Aurich

„Hof der Herzen“ steht vor dem Aus

Kim Hüsing
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Von Kim Hüsing
| 16.11.2021 08:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nadine Oehlbach kümmert sich auf dem „Hof der Herzen“ um kranke und misshandelte Pferde. Stute Sheila war völlig abgemagert, als sie vor sechs Wochen als Kurpferd zu ihr kam. Foto: Kim Hüsing
Nadine Oehlbach kümmert sich auf dem „Hof der Herzen“ um kranke und misshandelte Pferde. Stute Sheila war völlig abgemagert, als sie vor sechs Wochen als Kurpferd zu ihr kam. Foto: Kim Hüsing
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Den Betreibern des Pferde-Tierheims in Dietrichsfeld liegt die Kündigung für ihren Hof vor. Doch wohin mit 16 Pferden?

Dietrichsfeld - Nach elf Jahren „ein Schlag ins Gesicht“: Das Tierheim für Pferde „Hof der Herzen“ in Dietrichsfeld steht vor dem Aus. Die Vermieterin hat Ehepaar Oehlbach die Kündigung wegen Eigenbedarf ausgesprochen. So möchte nach Angaben der Vermieterin ihre Enkelin dort einen Wohnmobilplatz errichten. Nadine und Alexander Oehlbach sind am Boden zerstört: „Wo sollen wir jetzt mit den 16 Pferden hin?“

Die beiden sind vor vielen Jahren aus Karlsruhe an die Küste gezogen. Dort haben sie zunächst einen Gnadenhof betrieben. Seit 2016 ist dieser vom Veterinäramt des Landkreises Aurich offiziell als tierheimähnliche Einrichtung für Pferde anerkannt. „Wir sind in dieser Form das einzige Tierheim für alte und kranke Pferde im ganzen Umkreis“, sagt Alexander Oehlbach.

Abgemagerte und todkranke Pferde werden aufgepäppelt

Die Pferde, die nach Dietrichsfeld kommen, sind misshandelt worden, todkrank oder auf Kur. Stute Sheila päppelt das Paar gerade auf, die völlig abgemagert auf dem Hof eines Händlers stand. Sie ist 31 Jahre alt, aber noch voller Energie. „Vor einer Woche kam die Kündigung. Das ist für uns eine echte Katastrophe“, sagt Alexander Oehlbach. Er und seine Frau Nadine haben seit Tagen nicht mehr geschlafen. Sie wissen nicht, wie es weitergehen soll.

Ehepaar Oehlbach hat gerade neue Paddocks für die Pferde angelegt. Jetzt flatterte nach elf Jahren unerwartet die Kündigung des Hofes ins Haus. Foto: Kim Hüsing
Ehepaar Oehlbach hat gerade neue Paddocks für die Pferde angelegt. Jetzt flatterte nach elf Jahren unerwartet die Kündigung des Hofes ins Haus. Foto: Kim Hüsing

Seit elf Jahren haben sie den stark sanierungsbedürftigen Hof gemietet. „Wir haben hier unendlich Müll abtransportiert, Nebengebäude neu aufgebaut und investiert“, sagt Alexander Oehlbach. Allein 80 000 Euro Miete sind in all den Jahren geflossen. „Wir hatten mit der Vermieterin, einer lieben Frau, mündlich ein Vorkaufsrecht vereinbart – aber leider keine Summe festgelegt“, sagt Nadine Oehlbach.

Verhandlungen über den Hofkauf

Seit einem Jahr würden Gespräche mit der Vermieterin wegen eines Kaufs geführt. „Der Gutachter schätzt den Wert des Hauses auf 140 000 Euro, hinzu kommt die Summe für das Land“, erläutert das Ehepaar. Da der Hof von Moorland umgeben ist, könne dort nichts angebaut werden. „Es geht nur in Gummistiefeln durch. Und selbst die bleiben gerne mal stecken“, beschreibt Nadine Oehlbach. Doch gefordert werde eine exorbitante Summe von 330 000 Euro.

„Ich habe mir von der Vermieterin Zeit erbeten, um das Geld irgendwie aufbringen zu können. Wir wissen, dass es viel zu viel wäre. Aber wir sind hier glücklich und lieben unser Leben, die Ruhe am Rand von Aurich und die frische Luft“, sagt Nadine Oehlbach. Deshalb hat sie die plötzliche Kündigung völlig überrascht.

Sofortige Räumung der Nebengebäude gefordert

Hinzu kommt, dass die offizielle Kündigung zum 01. April 2022 ausgesprochen wurde. Ein zweites Schreiben der Vermieterin weist jetzt auf eine sofortige Räumung der Scheune und der Nebengebäude hin. Diese seien nie Teil des Vertrages gewesen und müssten bis 15. Dezember geräumt werden. „Das ist unmöglich“, finden die Oehlbachs.

Nadine Oehlbach arbeitet beim Landkreis Aurich, ihr Mann ist Lkw-Fahrer. Auf dem Hof wohnen außerdem zwei erwachsene Kinder und ihr schulpflichtiger Sohn. „Wir haben nie um Spenden geworben, sondern alles aus eigener Tasche finanziert“, so die 47-Jährige.

Stadt Aurich müsste einen Bebauungsplan aufstellen

Auf dem Hof gibt es weder Telefon noch Internet. Er liegt völlig abseits. „Das lieben wir. Und die oftmals lungenkranken Pferde spüren durch die Seeluft und die Solekammer Erleichterung. Ein anderer Hof nutzt uns nur etwas, wenn er in Küstennähe liegt, erschwinglich ist und alle Voraussetzungen für die Tierhaltung erfüllt“, sagt Alexander Oehlbach.

Der Stadt Aurich liegt bisher weder im Planungs- noch im Bauordnungsamt ein Antrag für die Errichtung eines Campingplatzes bei Dietrichsfeld vor. Fachbereichsleiterin Laura Rothe erläutert zudem, dass ein Planverfahren angeschoben werden müsste. Da die Fläche im Außenbereich liegt, wäre ein Bebauungsplan aufzustellen.

Ungewisse Zukunft für Mensch und Tier

Das Ehepaar Oehlbach hat nun einen Anwalt eingeschaltet, der die Klage zurückweisen wird. Doch wie es weitergehen soll, wissen die Oehlbachs im Moment nicht. „Mit 16 Pferden, Hunden und Katzen zieht man nicht mal eben um“, so Alexander Oehlbach. Gerade haben sie noch 3 500 Euro in Paddocks investiert. Weitere Pläne zum Ausbau der Weide haben sie angesichts der unklaren Lage auf Eis gelegt.

„Wir bekommen viele Anfragen. Doch im Moment traue ich mich nicht, weitere Tiere aufzunehmen“, muss Nadine Oehlbach den Tränen nahe eingestehen. „Das Verhalten der Enkelin der Vermieterin ist herzlos. Im schlimmsten Fall muss ich den Händler anrufen und die Tiere abholen lassen. Das wird mir das Herz zerreißen.“

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