Osnabrück
Windkraftbetrug: Packt heute auch der Rest der Familie Holt aus?
Nach der bemerkenswerten Aussage von Hendrik Holt um den Millionenbetrug im Windkraftsektor sollen am Dienstag vor dem Landgericht Osnabrück auch sein Bruder, seine Schwester und seine Mutter auspacken.
Hendrik Holt hatte in seiner mehrstündigen Einlassung am vergangenen Donnerstag fast niemanden geschont. Nicht die Windkraftbranche, nicht die Bürgerinitiativen und erst recht nicht die Politik. Nur mit sich selbst und seiner Familie ging er weniger hart ins Gericht. „Ich war irgendwie“, befand er beispielswiese, „mal richtig falsch abgebogen“.
Eine eigenwillige Zusammenfassung dessen, was er eingeräumt hatte: Drei internationale Energiekonzerne mit erfundenen Windparkprojekten um Millionenbeträge gebracht zu haben. In seinem Geständnis schilderte er, wie anfängliche Fälschungen, die niemandem auffielen oder einfach hingenommen wurden, eine „wilde Dynamik“ entwickelten. (Weiterlesen: Hendrik Holt packt aus: Über Gottes Gnaden und Berliner Abgründe)
Diese fand erst ihr Ende, als Polizei und Staatsanwaltschaft an die Tür der Suite klopften, die Hendrik Holt im April 2020 im Berliner Luxushotel Adlon bewohnte, und den Jungunternehmer festnahmen.
„Man konnte ihnen alles vorlegen“
Holt zeigte während seiner Aussage vor Gericht keine Reue. Er bat seine Opfer nicht um Entschuldigung, sondern attestierte ihnen beziehungsweise den von ihnen beauftragten Anwaltskanzleien mangelnde Kenntnis über den deutschen Windkraftmarkt: „Die Fachlichkeit war einfach nicht da. Das muss ich so sagen.“ Er habe seinen Opfern und deren Anwälten alles an manipulierten Dokumenten und Verträgen vorlegen können, es sei alles akzeptiert worden - „egal, wie schlecht die Fälschungen waren“.
Der 31-Jährige präsentierte sich insgesamt selbstsicher und von sich selbst überzeugt. Das entging auch dem Vorsitzenden Richter Nobert Carstensen nicht. Immer wieder entwickelten sich bemerkenswerte Dialoge zwischen Holt und dem Kammervorsitzenden.
So erinnerte sich der heute 31-Jährige an die Anfänge seines Unternehmertums. „Ich bin sehr jung angefangen. Da wurde ich nicht von jedem ernst genommen.“ „Bei ihrem Auftreten…“, warf Carstensen ein. Holt, mit Krawatte und Einstecktuch zur Aussage vor Gericht erschienen: „Das hat sich so mit der Zeit entwickelt.“
Die Familie als Bande?
Die Rollen seiner Familienmitglieder bei dem Millionenbetrug sparte er indes aus. Kein Wort dazu, welche Aufgaben seiner Mutter, seinem Bruder oder seiner Schwester zukamen, die gemeinsam mit ihm angeklagt sind. Die Familie soll bandenmäßig agiert haben.
Einzig Heinz L., seinen „väterlichen Freund“, belastete Holt in seiner Aussage schwer. Viele Entscheidungen seien gemeinsam gefällt worden, sagte der 31-Jährige über die Aufgabenteilung im Unternehmen. Habe er einmal nicht weitergewusst, habe er L. um Rat gefragt. Ganz gezielt habe er den früheren Banker in sein Unternehmen geholt, um von dessen Erfahrung zu profitieren. Holt: „Wenn er gesagt hat, ,Wir müssen Firmen gründen‘, dann habe ich gesagt: ,Okay, machen wir so.‘“. Er selbst habe sich um Feinheiten nicht gekümmert, so Holt.
Mit seiner Aussage bestätigte er den bisherigen Verlauf der Verhandlung: Er und L. waren die Köpfe hinter dem Millionenbetrug. Und - auch wenn er das nicht so explizit sagte - dem Rest der angeklagten Holts kamen eher Nebenrollen bei der Inszenierung eines erfolgreichen Familienunternehmens zu.
Vermutlich werden daher auch die Aussagen der weiteren Angeklagten in diese Richtung gehen. Bekannt ist: Mutter Holt agierte als eine Art Büroleiterin und soll beispielsweise Geld ins Ausland transferiert haben, das auf dem Firmenkonto bei der Volksbank Lingen einging. Ihre Tochter soll in Sachen Repräsentanz ausgeholfen und auch die eine oder andere Unterschrift unter Dokumenten gefälscht haben. Der weitere Sohn gilt indes als Verantwortlicher für die Technik hinter der massiven Fälschungstätigkeit.
Wo sind die Holt-Millionen?
Sollten die Familienmitglieder ihre Rollen einräumen, können sie ähnlich wie Hendrik Holt mit milderen Strafen rechnen - sofern das Gericht die Aussagen als glaubhaft bewertet. Wobei einzig bei der Schwester von Hendrik Holt eine Bewährungsstrafe zu erwarten ist. Alle anderen werden wohl mehr oder weniger lang eine Haftstrafe verbüßen müssen.
Ein Aspekt, zu dem das Gericht vermutlich Aussagen erwarten wird: Der Verbleib der Millionen, die über Jahre ergaunert worden sein sollen. Zwar konnten erhebliche Vermögenswerte sichergestellt werden, aber offenbar fehlt immer noch von einem siebenstelligen Betrag jegliche Spur. Hendrik Holt hatte es in seiner Aussage so dargestellt, als sei viel Geld verprasst worden.
So habe er beispielsweise innerhalb weniger Stunden im Libanon umgerechnet mehrere Hunderttausend Euro für den Kauf einer Yacht sowie eines Luxusautos der Marke Bentley ausgegeben. „Das Geld ist verbraucht“, sagte Holt aus.
Weiterhören: Der Fall Holt im Podcast „Windmacher“