Hamburg/Kiel
Crime Cruise: Mit den mörderischen Schwestern auf hoher See
„Morden ist nicht einfach, es muss ja tödlich sein“: Bei einem Krimi-Festival im Nordatlantik trafen sich Kripoexperten, Autoren und ihre Leser.
Es dauert seine Zeit, bis die beiden Fernseh-Kommissare dem Toten im Schlafwagenabteil der Bahn auf die Spur kommen. Wieder und wieder stellen sie mögliche Tatabläufe nach, wie im Rollenspiel und nicht frei von Komik. Bis sie die Antwort haben. Der Mann hatte selbst auf sich geschossen. Er wollte seinen gewaltsamen Tod vortäuschen, damit seine Witwe die Lebensversicherung kassieren konnte. Die Ermittler spielen mit, das Mitleid gewinnt. Die Zuschauer im Saal atmen tief durch. Das Leben kann gerecht sein. Zumindest im Fernsehen.
Staatlich geprüfter Fallanalytiker
Im kriminellen Alltag gehören solche Rollenspiele als Fallrekonstruktion zum Polizei-Alltag, erläutert der Kriminalist Axel Petermann (69), als der Abspann durch ist. Die „operative Fallanalyse“ sei wichtiger Bestandteil moderner Ermittlungstätigkeit, persönlicher Körpereinsatz inklusive. Petermann weiß, wovon er spricht. Er ist staatlich geprüfter Fallanalytiker und wird gern als „Profiler“ zu Rate gezogen, wenn Ermittlungen im Sande verlaufen oder deren Ergebnisse widersprüchlich sind: „Im Auftrag der Toten“, so sein neues Buch, versucht er dann „die Spur hinter der Spur“ frei zu legen und herauszufinden, „was wirklich geschah“.
Leichersachbearbeitung zwischen Shetlandinseln und Färöern
Gut 120 Krimi-Fans sehen den „Tatort“, für den der „Leichensachbearbeiter“, wie Petermann sich selbst nennt, einen seiner Fälle als Grundlage lieferte. Mitten auf dem Nordatlantik an Bord der Fähre „MS Norönna“, irgendwo zwischen Shetlandinseln und Färöern, lauschen sie dem Experten und einem halben Dutzend Krimi-Autoren. Sie sind Teilnehmer einer Crime Cruise, die sie ganz nebenbei noch nach Island und auf die Färöer führt.
Manfred Lukaschewsky, Ex-Leiter einer Mordkommission und Autor, erzählt von seinem Handwerk. „Die Leiche ist der beste Zeuge“, sagt er. „Sie kann nicht weglaufen und nicht lügen.“ Die Zuhörer lachen. Noch ahnen sie nicht, dass ihnen seine Expertise auch ein bisschen den Spaß am TV-Krimi verdirbt. „Ein tödlicher Kopfschuss, bei dem das Opfer in einer Blutlache liegt, steht nur im Drehbuch“, sagt er zum Beispiel. Denn bluten könne nur ein lebender Organismus. Aber nicht ein tödlich getroffener Mensch.
Bereits zum zweiten Mal organisierte der Hamburger Regisseur und Dramaturg Felix Schmidt (41) die Crime Cruise, zugleich die erste nach Corona. Die Idee zu dem bislang einzigartigen Krimi-Festival auf hoher See hatte er tatsächlich auf der Fähre nach Island. „Die morbide Atmosphäre, die düstere Jahreszeit, das ganze Setting verlangten irgendwie danach, etwas mit Krimis zu machen, was es so noch nicht gab“, erzählt er. Der Erfolg gibt ihm Recht.
Schmidt hat Experten, Newcomer und Bestseller-Autorinnen zusammengetrommelt. Carola Christiansen, die Präsidentin des Autorinnennetzwerkes „Mörderische Schwestern“, ist zum Beispiel mit dabei. Und Sybille Baecker. Ihr Kommissar Brander ermittelt bereits in zehn Krimis in der schwäbischen Provinz, seit wenigen Tagen ist ihr neuer, „Kehrwoche“, auf dem Markt.
Nebenbei erzählt Baecker von ihrem Praktikum in der Pathologie und ihren Recherchen. „Man kann vieles recherchieren und ausprobieren, aber mit Mordmethoden ist das schwierig“, sagt sie: „Denn Morden ist ja nicht so ganz einfach, es muss ja tödlich sein.“ Wohliges Erschauern bei den Zuhörern. Später können die an einem inszenierten Tatort nebst Leiche selbst auf Spurensuche gehen. „Junge Frau, hübsch, blond, das Klischee ist erfüllt“, sagt eine Teilnehmerin.
Der älteste Kriminalfall der Geschichte
Zwischendurch entlockt die Literaturwissenschaftlerin und MDR-Moderatorin Katrin Schumacher den Autoren sehr Persönliches. „Das Böse ist mir nur ab und an begegnet“, sagt Profiler Petermann, auch noch nach all den Jahren Ermittlungsarbeit: „Aber böse Taten, ja, die schon.“ Und das wohl zur Genüge. Zugleich präsentiert Schumacher selbst eine Art Sittengemälde des Fuchses, der als einer der geheimnisvollsten Tiere auch in der Literatur breiten Raum einnimmt. Und als Protagonist des vielleicht ältesten Kriminalfalles der Geschichte gelten kann: „Fuchs, du hast die Gans gestohlen.“