Südbrookmerland

Victorbur: Tafeln mahnen seit einem Jahrhundert

| | 10.11.2021 15:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Das Victorburer Denkmal für Vermisste und Gefallene des Ersten Weltkrieges wurde 1921 nahe der St.-Victor-Kirche errichtet. Foto: Jürgen Hoogstraat/Kirchengemeinde Victorbur
Das Victorburer Denkmal für Vermisste und Gefallene des Ersten Weltkrieges wurde 1921 nahe der St.-Victor-Kirche errichtet. Foto: Jürgen Hoogstraat/Kirchengemeinde Victorbur
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Seit 100 Jahren mahnen Tafeln in Victorbur zum Frieden. Auf ihnen sind die Namen Vermisster und Gefallener des Ersten Weltkrieges zu lesen. Der Zweck des Denkmals hat an Aktualität nicht verloren.

Victorbur 100 Jahre ist es her, dass in Victorbur das Ehrenmal für die Gefallenen und Vermissten aus dem Ersten Weltkrieg von 1914-1918 errichtet und eingeweiht wurde. Daran wird am Sonntag in einem Friedensgottesdienst anlässlich des Volkstrauertages erinnert. Geplant ist dazu auch eine Fotoausstellung mit historischen Aufnahmen aus dem Archiv der Kirchengemeinde.

Dass bereits 1921 in Victorbur (wie auch im benachbarten Wiegboldsbur) ein Ehrenmal für die Gefallenen errichtet wurde, ist bemerkenswert, wie es in einer Mitteilung der Kirchengemeinde heißt. Andere Gemeinden folgten demnach zum Teil erst erheblich später. Die ersten Gedenktafeln wurden in Ostfriesland 1919 in den Gemeinden Woltzeten und Greetsiel aufgehängt. In Victorbur wartete man jedoch aus „Pietätsgründen“ mit der Errichtung bis 1921, da immer noch Nachrichten von gefallenen oder vermissten Gemeindegliedern eintrafen. Man einigte sich auf ein Denkmal in der Nähe von Schule und Kirche. Einige hatten zuvor für Gedenktafeln in der Kirche plädiert. „Noch heute ist die Unsicherheit in der Debatte jener Tage in den Kirchenvorstandsprotokollen nachvollziehbar“, schreibt Pastor Jürgen Hoogstraat zur Wahl des Standortes.

Ehrung war Herzensangelegenheit

Die Trennung von politischer und Kirchengemeinde lag erst drei Jahre zurück und bei allen vorher gemeinschaftlich erledigten Aufgaben gab es viele Unklarheiten. Zur damaligen Zeit lagen die Schule mit einer Lehrerwohnung und die Pastorei direkt gegenüber. Lehrer Gerdes lehnte Überlegungen, das Denkmal auf der Schulseite zu errichten, aus politischen Gründen vehement ab. Daraufhin wurde das Denkmal im Pfarrgarten des damaligen Pastors Siefkes errichtet. „Eine Ehrung der Gefallenen war ein Herzensanliegen der ganzen Gemeinde“, so Hoogstraat.

Das Besuchstagebuch des Victorburer Pastoren aus dem Ersten Weltkrieg ist noch erhalten und berichtet von seinen berührenden Erlebnissen bei der Überbringung der Todesnachrichten. Einmal notiert er: Das Gespräch im Victorburer Kirchenvorstand wurde zu Beginn der 1920er Jahre bestimmt von dem Gedanken, wie den unzähligen trauernden Familien ein angemessener Gedenkort geschaffen werden könnte, politische Gedanken oder eine Betrachtung der Rolle der Kirche in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sind erst viel später aufgekommen.

Hunderte kamen zur Einweihung

Zur Einweihung des Ehrenmals kamen 1921 Hunderte von Gästen aus der Gemeinde und den umliegenden Gemeinden, auch Abordnungen der Kriegervereine Georgsheil, Victorbur und Süd-Wolda waren dabei. Nach einer Predigt von Pastor Hermannus Siefkes wurde das Denkmal vom Lehrer Johann Lottmann von der Schule Neu-Ekels der Gemeinde übergeben. Ein persönliches Schlusswort sprach Postschaffner Frerichs aus Norden, der im Krieg seinen Bruder verloren hatte. Noch konnte niemand ahnen, dass ein zweiter Weltkrieg die Zahl der Opfer und der betroffenen Familien um ein Vielfaches steigen lassen würde.

Heute zählt das Gedenken der Toten der beiden Weltkriege zu den wichtigen Aufgaben von kirchlicher und politischer Gemeinde und wird von Institutionen und Verbänden gemeinschaftlich getragen. Darum wird auch eine Gruppe junger Kirchenvorsteher, die gleichzeitig in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert ist, die Victorburer Pastoren und Bürgermeister Thomas Erdwiens unterstützen, um die Erinnerung an die 100. Wiederkehr der Errichtung des Ehrenmals zu gestalten. Aus der Victorburer Gemeindejugend kam dazu die Anregung, mit einer weiteren Gedenktafel die Erinnerung an bisher nicht genannte Opfer von Terror und Gewalt der Nazizeit oder auch anderer Zeiten zu ergänzen. Diese Anregung soll weiter diskutiert werden und bei einer Renovierung des zuletzt 1968 erneuerten Ehrenmals mit einfließen.

In einem Friedensgottesdienst soll am kommenden Sonntag, dem Volkstrauertag, um 10 Uhr des Leids unzähliger Menschen in Krieg und Gewalt seit mehr als 100 Jahren gedacht werden.

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