Osnabrück

Warum hohe Gaspreise nicht für jeden schlecht sind

Nina Kallmeier
|
Von Nina Kallmeier
| 10.11.2021 11:39 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Artikel teilen:

Verbraucher müssen sich auf höhere Gaspreise einstellen, für Unternehmen macht die Preisentwicklung die heimische Förderung jedoch auch wirtschaftlicher.

Die Energiepreise gehen zurzeit durch die Decke: Am Mittwoch kostete eine Megawattstunde Erdgas mit Liefertermin November am größten kontinentaleuropäischen Handelsplatz in den Niederlanden bis zu 160 Euro. Das ist dreimal so viel wie vor einem Monat und fast zehnmal so viel wie noch vor einem Jahr. Doch jede Entwicklung hat zwei Seiten: Während sich Verbraucher auf einen teuren Heizwinter einstellen müssen, profitieren Unternehmen, die Erdgas fördern, von der aktuellen Preisentwicklung.

Erdgas aus Niedersachsen

Eine besondere Rolle für die heimische Erdgasförderung spielt das Land Niedersachsen. Von dort kommen mit knapp fünf Milliarden Kubikmetern rund 96 Prozent des in Deutschland geförderten Erdgases. In Schleswig-Holstein, wo im sogenannten „Entenschnabel“ auch die einzige Offshore-Gasförderplattform Deutschlands betrieben wird, wurden im vergangenen Jahr gut 32 Millionen Kubikmeter gefördert, in Mecklenburg-Vorpommern waren es 2,3 Millionen. Insgesamt betrug die Fördermenge zuletzt rund 5,2 Milliarden Kubikmeter - etwa fünf Prozent der Menge, die jährlich benötigt wird. Alleine die Haushalte in Deutschland hatten zuletzt einen Gasverbrauch von etwa 30 Milliarden Kubikmetern (290 Milliarden Kilowattstunden) im Jahr.

Lesen Sie auch: Hohe Energiepreise: Ein Vorteil für Förderung von Öl und Gas im Emsland?

Bundesregierung: Erdgasförderung stützt Versorgungssicherheit

Da ist das Gas aus Deutschland nur ein Tropfen auf den heißen Stein, mögen manche sagen. Doch der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der FDP-Bundestagsfraktion zufolge stützen diese 5,2 Milliarden Kubikmeter die Versorgungssicherheit und generieren inländische Wertschöpfung. Das betont auch Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geothermie (BVEG) und ergänzt mit Blick auf den Klimaschutz: „Die verbrauchsnahe Produktion hat schon wegen des kürzeren Antransports einen besseren CO2-Fußabdruck als importierte Erdgasmengen.“

Historisch habe der Anteil von Erdgas aus Deutschland mit mehr als 20 Prozent auch schon deutlich höher gelegen. „In den 1960er bis 1980er Jahren ist die damalige Energiewende im Heizungskeller - die Umstellung von Öl und Kohle auf Gas - ganz erheblich mit Gas aus Deutschland und den Niederlanden entwickelt worden. Übrigens ohne staatliche Subventionen“, sagt er.

Lesen Sie auch: Öl- und Gasförderung in Niedersachsen: Jeden Monat ein Vorfall

Erdgasfördermengen nehmen ab

Allerdings: In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Fördermenge in Deutschland mehr als halbiert. 2010 lag sie noch bei 12,7 Milliarden Kubikmeter, zu Hochzeiten 1999 waren es sogar 21,2 Milliarden. 

Einen Anteil von rund neun Prozent an der gesamtdeutschen Gasproduktion hatte zuletzt das Unternehmen Neptune Energie. Der Förderer, der mittlerweile seinen Hauptsitz von Lingen im Emsland nach Hannover verlagert hat produziert in Deutschland in Thüringen, in der Altmark und in Niedersachsen Erdgas. „In Niedersachsen haben wir mit dem Feld Schneeren in der Region Hannover und einigen kleineren Feldern im Emsland und der Grafschaft Bentheim zwei Kerngebiete“, sagt Unternehmenssprecher Stefan Brieske.

Rund 330 Millionen Kubikmeter Erdgas hat Neptune Energie zuletzt alleine in Niedersachsen gefördert. Ein Rückzug sei aktuell nicht geplant. „Im Gegenteil: insbesondere in der Grafschaft haben wir durch den erfolgreichen Neuaufschluss des Feldes „Adorf Karbon“ eine sehr vielversprechende Perspektive, um deutlich zu wachsen“, so Brieske.

Lesen Sie auch: Verband: Erdöl und Erdgas noch länger relevant - auch aus Niedersachsen

Branche: Gaspreise können auch schnell wieder sinken

Auf Wachstum stehen die Zeichen aber nicht aufgrund der aktuell hohen Preise. Hier ist Brieske nur vorsichtig optimistisch. „Im Vergleich zum Vorjahr sehen wir natürlich insbesondere durch die Preisentwicklung einen deutlich positiven Effekt auf den Umsatz. Wenn es gelingt, gleichzeitig Kosten zu senken bzw. zu stabilisieren verbessert sich die wirtschaftliche Situation der Förderindustrie“, sagt er. Gleichwohl habe man in den vergangenen Jahren immer wieder die Volatilität des Marktes erlebt. „Demnach können die Preise auch sehr schnell wieder in die Gegenrichtung ausschlagen. Diese Erfahrungen zeigen, dass langfristige Prognose kaum möglich sind.“

So sieht es auch der BVEG-Hauptgeschäftsführer Ludwig Möhring. „Die aktuell hohen Preise sind nur eine Momentaufnahme und Konsequenz von Entwicklungen auf dem Erdgasweltmarkt“, sagt er. Die Preise, die aktuell für 2022 und 2023 notiert würden, seien erheblich niedriger. Für die kurzfristige Knappheit verantwortlich sei neben einem gestiegenen Gasbedarf in Asien auch geplante Instandhaltungs- und Reparaturmaßnahmen großer Gasfelder. Zudem hätten viele Felder in den USA wegen des Preisverfalls im vergangenen Jahr nicht mehr produziert.

Lesen Sie auch: Nach Vorfall in Emlichheim: So funktioniert eine Sanierung im Boden

Erdgas für Deutschland kommt nicht nur aus Russland

Dass fehlende Lieferungen Russlands, wo rund 40 Prozent der in Deutschland verbrauchten Gasmengen herkommen, für die Preissituation verantwortlich sind, sieht Möhring nicht. „Russland bedient nach Aussage der Unternehmen sämtliche Verträge.“ Neben Russland kommen Gasimporte in erster Linie aus Norwegen und den Niederlanden.

Bei Letzteren sieht die Bundesregierung in ihrer Antwort auf eine Anfrage der FDP-Fraktion auch die kurzen Pipelinewege als Vorteil. Hinzu kommen laut BVEG-Hauptgeschäftsführer zunehmen Mengen, die als LNG in Nordwesteuropa landen und über Händler ihren Weg nach Deutschland finden. Diese LNG-Terminals in Rotterdam, Zeebrugge und im Vereinigten Königreich seien nicht annähernd ausgelastet, da Pipeline-Gas preiswerter am Markt zu bekommen sei, so Möhring weiter.

Gas für die Region und die Niederlande

Einen so weiten Weg muss das in Deutschland geförderte Gas von Neptune Energie nicht zurücklegen. Der Großteil der Fördermenge bleibt in der Region und wird an die Ferngasgesellschaft Erdgas Münster GmbH abgegeben. „Die Übergabestationen befinden sich nahe unserer Produktion, sodass es immer eine regionale Komponente beim Transport zum Markt gibt“, sagt Sprecher Brieske.

Anders ist es in Schleswig-Holstein. Die Plattform in der Nordsee, die das Unternehmen Wintershall Dea betreibt, ist an das NOGAT-Pipelinesystem im niederländischen Teil der Nordsee angebunden. Wintershall Deal liefert das produzierte Gas an die niederländische GasTerra. Die Fördermengen gehen direkt zu den Onshore-Terminals in Den Helder.

Ähnliche Artikel