Berlin

Das große „Booster“-Chaos: Wie komme ich an die dritte Spritze?

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 09.11.2021 17:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ein mobiles Impf-Team in Braunschweig verabreicht Boosterimpfungen auch ohne Termin. Foto: Philipp Schulze / dpa
Ein mobiles Impf-Team in Braunschweig verabreicht Boosterimpfungen auch ohne Termin. Foto: Philipp Schulze / dpa
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Auffrischimpfungen können helfen, die vierte Corona-Welle zu brechen. 20 Millionen Drittimpfungen fordert das Kanzleramt bis Weihnachten. Aber trotz Impfstoff im Überfluss bekommen Abertausende keinen Termin.

Warum „boostern“? 

Der Impfschutz für Zweitgeimpfte ist zwar hoch, lässt aber mit der Zeit nach. In Israel wurde deswegen vor vier Monaten mit Auffrischimpfungen („Boostern“) begonnen. Inzwischen haben dort schon zwei von drei Geimpften ihre dritte Spritze erhalten.

Studien mit 1,5 Millionen Teilnehmern haben eine enorme zusätzliche Schutzwirkung gezeigt: Die Ansteckungsgefahr sinkt erheblich gegenüber zweifach Geimpften, was geholfen hat, das exponentielle Wachstum zu stoppen. Aber nicht nur das: Der Schutz davor, auf einer Intensivstation zu landen, war nach dem dritten Pieks zwanzigmal so hoch wie nach dem zweiten.

Wie kommt man bei uns an die Auffrischimpfung?

In der Theorie geht das ganz einfach, wobei die Betonung auf Theorie liegt: Die mRNA-Impfstoffe von Biontech und Moderna sind für Drittimpfungen zugelassen. Jeder Erwachsene, dessen Zweitimpfung ein halbes Jahr zurückliegt, kann sich von seinem Hausarzt die dritte Dosis verabreichen lassen, auch Fachärzte, etwa Hals- Nasen- und Ohrenärzte, dürfen impfen. Für Menschen, die mit dem Einmalimpfstoff Johnson & Johnson immunisiert sind, empfiehlt die Stiko bereits nach vier Wochen eine Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff.

Zusätzlich bieten Impfzentren oder Impfbusse und mobile Impfteams Auffrischimpfungen an, in Berlin bildeten sich in den vergangenen Tagen schon riesige Schlangen vor den verbliebenen geöffneten Einrichtungen. Das Problem: Bundesweit sind die allermeisten Impfzentren dichtgemacht worden.

Idealerweise würde ein Anruf beim nächsten niedergelassenen Arzt ausreichen, um einen zügigen Termin für eine Auffrischimpfung zu bekommen. Eigentlich sollten auch ein paar Klicks auf die Websites der jeweiligen Gesundheitsämter von Städten und Kommunen reichen, um über geöffnete Impfzentren oder Impfbusse informiert zu werden, wo man sich auch ohne Termin boostern lassen könnte. Denn Impfstoff gibt es in Deutschland im Überfluss.

Wie sieht die Realität aus?

Mancherorts, etwa in Hamburg, sind die Auffrischimpfungen gut in Gang gekommen. Doch gibt es eine wachsende Anzahl von Betagten oder Immungeschwächten, die bei der Suche nach einer Drittimpfung schier verzweifeln.

So wie ein 77-jähriger Leser aus Mecklenburg-Vorpommern, der uns seine Odyssee schildert. Der Hausarzt antwortete: „Einen Termin können wir nicht vergeben, da wir keine Rechtsgrundlage haben, wenden Sie sich an ein mobiles Impfteam oder eine andere Impfstelle.“ Beim Gesundheitsamt bekam er eine Nummer zur Terminvergabe in Schwerin. Dort hieß es: Im Landkreis Rostock gebe es nur eine Impfstation am Flugplatz Laage, dort gäbe es aber wegen der fehlenden Rechtsgrundlage noch keine Drittimpfungen. Der Mann fuhr schließlich trotzdem mit seiner 83-jährigen Frau dorthin - und die erhielt ihre dritte Dosis.

So wie zwei 61-Jährige aus Niedersachsen, die gleich mehrere behandelnde Ärzte um Booster-Impfungen anfragten. Der Mann leidet unter zwei chronischen Krankheiten. Arzt Nummer 1 impft nicht mehr, weil es sich angeblich nicht lohne. Ärzte 2 und 3 nahmen ihn auf eine Liste ohne Terminzusage. Das Hausarzt-Praxisteam der Frau erklärte, man verabreiche erst Patienten ab 70 Jahren Auffrischimpfungen, so wie es die Ständige Impfkommission (Stiko) empfehle. Die Mutter (85 Jahre, schon vor acht Monaten zweitgeimpft) erhielt zwar bei Ihrem Hausarzt in NRW einen Termin, muss aber fünf Wochen bis zur ersehnten dritten Dosis warten.

Das Ergebnis: Von den mehr als 10 Millionen Menschen, die längst hätten geboostert werden können, haben erst 2,8 Millionen ihre dritte Dosis erhalten.

Was sagen die Ärzte?

Zahllose Ärztinnen und Ärzte sind extrem frustriert: Sie impfen, was das Zeug hält, müssen sich von Impfgegnern beschimpfen und anpöbeln lassen und sollen jetzt auch noch schuld sein an den stockenden Auffrischimpfungen. „Wir sind diejenigen, die die Bevölkerung ansprechen und Menschen überzeugen, sich impfen und boostern zu lassen. Und all das passiert zusätzlich zu unserer sonstigen Arbeit“, berichtet eine engagierte Landärztin.

Der Frust richtet sich vielfach auch gegen das Tohuwabohu in Politik und Wissenschaft. So beschlossen die Gesundheitsminister von Bund und Ländern schon im August, dass alle Heimbewohner und wenig später auch alle Über-60-Jährigen, jüngeren Risikopatienten und früh geimpften Pflegekräfte geboostert werden sollen. Die Stiko bleibt bis heute dabei, dass neben Risikopatienten und Pflegekräften nur Über-70-Jährige Auffrischimpfungen brauchen. Als Gesundheitsminister Jens Spahn vor anderthalb Wochen das Boostern für alle ab 18 forderte, hagelte es auch aus der Ärzteschaft massive Kritik über eine „künstlich erzeugte Nachfrage“ nach Drittimpfungen.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, gehört eigentlich zu den entschiedensten Spahn-Kritikern und Stiko-Fans. Beim Boostern hat er jetzt die Seiten gewechselt. In einem gemeinsamen Brief mit Spahn vom 5. November an alle Vertragsärztinnen und Vertragsärzte betont Gassen: Es seien „insbesondere Auffrischimpfungen, die einen wesentlichen Beitrag zur weiteren Eindämmung der Pandemie leisten können“ und er bittet sämtliche Kollegen, „allen Personen“, deren Grundimmunisierung mindestens sechs Monate zurückliege, Booster-Impfungen anzubieten. Eine klare Abwendung von der Stiko, die nun immerhin „zeitnah“ eine neue Empfehlung zu Drittimpfungen herausgeben will. 

Eine ungeklärte Frage bleibt, warum in Deutschland sechs Monate gewartet werden soll, obwohl sich das „Booster-Wunder“ in Israel schon fünf Monate nach der Zweitimpfung offenbarte.

Wann wird der Booster-Turbo gezündet?

Bund, Länder und Ärzteverbände versuchen nun hektisch zu retten, was zu retten ist: Erste Länder wie NRW informieren diejenigen, die als erste geboostert werden sollen per Brief, Niedersachsen zieht nach. Den Termin müssen sich die Betroffenen freilich selbst besorgen. Auch sollen mancherorts wieder Impfzentren geöffnet werden.

Spahn verhandelt zudem mit Impfstofflieferanten über ein beschleunigtes Lieferintervall, sodass die Dosen schon nach einer Woche statt wie bisher nach zwei Wochen nach Bestellung in den Praxen eintreffen. Begleitet wird das von der Hoffnung der Politik, Ärzte mögen ihren Patienten zumindest vorübergehend mehr Impftermine anbieten, wenn sie das nicht ohnehin schon tun. Vielleicht gelingt es so ja doch, bis Weihnachten wirklich von 2,8 auf 20 Millionen Boosterimpfungen zu kommen.

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