Hamburg
Hamburger Publikum feiert Musicalpremiere „Die Eiskönigin“
Mit einem halben Jahr Verspätung ist die Premiere des Musicals „Die Eiskönigin“ nun über die Bühne des Hamburger Theaters an der Elbe gegangen. Das Premierenpublikum war begeistert.
Die Illusionsmaschine läuft. Perfekt. Manchmal stürmt und schneit es im Land der Eiskönigin erbärmlich, und wüsste man nicht, dass die Figuren da oben auf der Bühne gar keine echten Comicfiguren sind, sondern Darsteller aus Fleisch und Blut - sie könnten einem leid tun. Fast möchte man den Kragen des Jacketts hochklappen, um die Kälte abzuhalten. Aber wir sitzen ja im bequemen Sessel des Theaters an der Elbe und verfolgen die Premiere des Musicals „Die Eiskönigin“.
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Lang haben Darsteller, Produzenten und das Publikum auf diese Premiere warten müssen; Corona-bedingt wurde sie vom Frühjahr auf diesen 8. November verschoben. Doch jetzt passt alles: Schon beim Übersetzen von den Landungsbrücken ans andere Elbufer, wo die Musicaltheater der Stage Entertainment stehen, funkelt das Theater in eisigem Blau, was einen interessanten Kontrast zum sonnigen Rotorange des Baus nebenan bildet; dort läuft „Der König der Löwen“, wie das neue Stück eine Disney-Produktion.
Sekt und Quiche
Blau ist überhaupt die Farbe des Abends. So ist der rote Teppich, über den die Promis zum Fototermin laufen müssen, an diesem Abend ein blauer Teppich, manchmal schneit es, und für die ganz launigen Promi-Gäste steht eine Schale mit Kunstschneebällen bereit. Aus Platzgründen wurde der Laufsteg übrigens nebenan, beim „König der Löwen“ aufgebaut.
Auf die gewöhnlicheren Gäste wartet drüben, bei der eisigen Königin des Landes Arendelle, die übliche Einlassprozedur mit Luca-App, Nachweis der Impfung oder Genesung nebst Ausweiskontrolle. Hat man die überstanden gibt es im Foyer Sekt und Quiche-Törtchen, vor allem aber darf man, dank 2G-Regelung, die Masken in die Tasche stecken. Das hebt die Laune, und so sitzen schließlich an die 1800 Gäste frohgemut im Zuschauerraum und erwarten den Beginn der Premiere.
Die Geschichte ist durch den gleichnamigen Film ziemlich bekannt geworden: Elsa, die Titelheldin, leidet unter einer Art König-Mitras-Syndrom, bei der sie nicht alles in Gold verwandelt, sondern unter ihren Händen alles zu Eis gefriert. Als kleines Mädchen bringt fast sie ihre Schwester Anna um, später stürzt sie ihr Königreich in einen ewigen Winter. Und das ist der Moment für einen wirklich gelungenen Bühneneffekt: Unter dramatischer Orchestermusik gefriert die Butzenscheiben-Romantik des Schlosses und die Landschaft dahinter zu ewigem Eis - das ist, man kann es nicht anders sagen, großes Theater und wird entsprechend mit Applaus honoriert.
Tolle Darsteller
In solchen Momenten zeigt die Hamburger Musicalschmiede Stage Entertainment, was sie kann - es ist nicht der einzige Moment. Das bieder anmutende Schloss, in dem Elsa und Anna aufwachsen, Elsas Eispalast, die frostige Landschaft, die Kostüme: Dafür funkeln Perlen und, laut Stage Entertainment über 40.000 Swarowski-Kristalle um die Wette, und würde das keine Wow-Effekte beim Publikum auslösen, wäre einiges schief gelaufen. Doch die Überwältigung funktioniert, die Premierengäste begeistern sich für die Ausstattung mindestens so stark wie für die Leistungen des Bühnenensembles.
Gekrönt wird das natürlich von Sabrina Weckerlin als Elsa. Die ist zunächst die Spaßbremse des Schlosses, unterbindet alles, was Spaß macht, sogar die Ehe ihrer Schwester Anna mit einem Prinzen namens Hans aus dem Süden (Milan van Waardenburg). Klar: Elsa muss sich und ihre Zauberkraft unter Kontrolle halten. Als sie dann jede Zurückhaltung fahren lässt, sich in die sternenflammende Eiskönig verwandelt, verkehrt sich das ins Gegenteil: Dann wird sie zur eisig funkelnden Amazone, und das klingt auch durch die Songs, die Kristen Anderson-Lopez und Robert Lopez für sie geschrieben haben.
Die Rolle der Anna ist da dankbarer: Der Charakter ist bodenständig, handfest, voller Witz und naiver Komik, und diese Facetten bringt Celena Pieper agil über die Rampe - und vor allem singt die in Osnabrück ausgebildete Musicaldarstellerin in ihrer ersten richtig großen Rolle mit feinem Timbre, differenziert und sensibel.
Nachdem Elsa in ihren Eispalast emigriert ist, macht sich Anna auf, sie zu finden, und wie das im Märchen so ist - die Vorlage stammt ja immerhin von Hanns-Christian Andersen - findet sie auf ihrem Weg ebenso schlaue wie witzige Freunde: Kristoff (Benet Monteiro) mit seinem Rentier Sven - das Petter Linsky zum Leben erweckt, als wäre es eine echte Comicfigur, und den Schneemann Olaf, dem Elindo Avastia Leben einhaucht und Stimme verleiht. Diese Truppe macht sich auf, Elsa und die - letztlich doch recht überschaubare - Welt um sie herum zu retten.
Dem Glitzer auf der Bühne entspricht die funkelnde Musik aus dem Graben, und da hat das Komponistenpaar in der Asservatenkammer der Musicalgeschichte einiges aufgestöbert. Von krachlederner Folklore nach dem Muster von „Sound of Music“ über Big Band als Reminiszenz ans klassische Musical der 1930-er Jahre bis hin zu großen Chornummern, wie man sie etwa aus „Hair“ kennt, reicht das klangliche Spektrum. Und wenn die magischen Trolle rettend in die Geschichte eingreifen, färbt sich die Musik sogar ein bisschen exotisch-orientalisch ein. Dazu haben die Texter und die Übersetzer ein paar launige Gags und die nötige Portion Tragik eingebaut, alles ein bisschen brav und so, dass es auch fürs jüngste Publikum taugt. Denn das hat „Die Eiskönigin“ natürlich fest im Blick. Aber auch die erwachsenen Zuschauer amüsieren sich prächtig - die Illusionsmaschine Musical funktioniert.